Editorial

Väter, erzieht eure Söhne – und Söhne, eure Väter!

Gewalt gegen Frauen ist ein männliches Problem. Weil die Zahlen es belegen. Ein Appell an uns Männer.

Nicht jeder Mann ist Täter – und trotzdem sollte sich jeder Mann angesprochen fühlen

Nicht jeder Mann ist Täter – und trotzdem sollte sich jeder Mann angesprochen fühlen Foto: AFP

Sieben Studenten der US-Elite-Universität Cornell haben 2024 ihre Kommilitonin während Stunden vergewaltigt. In einem Gruppenchat einer studentischen Bruderschaft mit 57 Chatteilnehmern wurde die Frau mit „Free Pussy“ angepriesen wie eine Ware. Niemand kam auf die Idee, nach dem Rechten zu sehen. Niemand ist dem betäubten Opfer zur Hilfe geeilt. Stattdessen wurde die unter Drogen gesetzte Frau ihrem Schicksal überlassen. Ein Fall, der jetzt an die Öffentlichkeit gelangt ist, weil die Frau sich entschieden hat, die Universität und ihre Peiniger zu verklagen.

In Luxemburg ist es im vergangenen Jahr statistisch gesehen jeden Tag zu einem versuchten sexuellen Übergriff (250) oder einer Vergewaltigung (128) gekommen. Das geht aus dem Jahresbericht der Polizei hervor. Diese Zahlen bilden allerdings nur die Fälle ab, die auch zur Anzeige gebracht wurden. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Wir haben in den vergangenen Tagen viel in der Redaktion über das Thema Gewalt an Frauen diskutiert. Fast jeder meiner männlichen Redaktionskollegen wusste von Frauen in seinem Umfeld, die abends oder früh am Morgen dunkle Orte meiden. Einer Tante, die Selbstverteidigungskurse besucht. Einer Schwester, der bereits etwas ins Getränk gemischt wurde. Einer Bekannten, die mit einem gezückten Schlüssel zwischen den Fingern zur Arbeit läuft, stets bereit, sich im Ernstfall zu verteidigen. Einer Freundin, die bereits Opfer sexueller Gewalt wurde.

„Ich hoffe, du bist kein Serienmörder!“ Ein Spruch, den man als männlicher Nutzer von Online-Dating-Apps immer wieder liest. Ein humoristisches Augenzwinkern, dem jedoch eine banale Wahrheit innewohnt: Die Gefahr, in die sich Frauen beim Kennenlernen fremder Männer begeben, ist ungleich höher als umgekehrt. Solche Sprüche sind Ausdruck eines latenten Unsicherheitsgefühls. Dass Frauen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr durch öffentliche Parks oder über schlecht beleuchtete Straßen trauen, ist kein gesellschaftliches, sondern ein männliches Problem. Dass uns Männern predatorische Instinkte nachgesagt werden, ist ein männliches Problem. Dass Ehemänner, Väter, Söhne, Onkel, Brüder, Lebenspartner oder Freunde als potenzielle (Trieb-)Täter wahrgenommen werden, ist ein männliches Problem. Gewalt an Frauen ist ein männliches Problem. Weil die Zahlen es belegen.

Die Entprivilegisierung des Mannes und das Aufbrechen altbackener sexistischer Hierarchien durch das Nichtdulden von Alltagssexismus und patriarchalen Strukturen ist Fortschritt, kein Rückschritt. Gesellschaftliche Entwicklungen gehen jedoch selten ohne regressive Gegenbewegungen einher. Ganze Heerscharen an Männern frittieren sich mit „Andrew Tate“-Videos und anderem chauvinistischen Content auf Social Media die letzten funktionierenden Hirnsynapsen weg, um den gesamtgesellschaftlichen Geltungsverlust zu kompensieren. Bis zur Gleichstellung der Geschlechter ist es noch ein weiter Weg.

Es reicht nicht, abends die Straßenseite zu wechseln, damit die entgegenkommende Frau sich sicher fühlt. Es reicht nicht, nicht selbst zum Täter zu werden. Nein, es braucht mehr. Und mit der Feststellung einher geht ein Appell: Väter, erzieht eure Söhne – und Söhne eure Väter!

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