Editorial
Esch setzt auf 62 Kameras – doch was passiert, wenn sie nichts bringen?
Esch will große Teile von Brill und Al Esch mit 62 Kameras überwachen. Der Wunsch nach mehr Sicherheit ist real. Doch Videoüberwachung darf nicht zur automatischen Antwort werden, die für immer im Stadtbild verankert bleibt.
Differdingen hat bereits Kameras installiert Foto: Editpress/Hervé Montaigu
62 Kameras sollen künftig große Teile von Brill und Al Esch überwachen. Der Wunsch nach mehr Überwachung war in der Vergangenheit immer wieder aus der Bevölkerung zu hören. Geschäftsleute haben dem Tageblatt gegenüber zuletzt im Juli von Diebstählen, Belästigungen und einem veränderten Sicherheitsgefühl berichtet. Manche schließen ihre Geschäftstür inzwischen auch tagsüber ab. Mehrere wünschen sich ausdrücklich mehr Polizeipräsenz – oder Überwachung. Kameras dürfen allerdings nicht zur selbstverständlichen Standardantwort auf ein Problem werden, das viel komplexer ist.
Kameras reichen nicht aus
Kameras können nützlich sein. Sie können bei Ermittlungen helfen, Polizeiarbeit unterstützen und möglicherweise abschreckend wirken. Die Polizeianalyse zur Installation der Kameras in Esch zeigt allerdings selbst, dass Sicherheit nicht nur Überwachung bedeutet. Sie spricht von einer „politique globale de sécurité publique“. Dazu gehören soziale Projekte, die Begleitung von Menschen in schwierigen Situationen und die Aufwertung öffentlicher Räume.
Der Escher „Plan local de sécurité“ sieht vieles davon vor. Doch drei Jahre nach seinem Start sind zahlreiche Maßnahmen noch nicht umgesetzt, die vorgesehene Evaluation kam verspätet in Gang. Wichtiger als die Kameras bleibt, wie konsequent auch die anderen Teile des Sicherheitsplans umgesetzt werden.
Videoüberwachung wird zunehmend zu einer selbstverständlichen Infrastruktur. In Luxemburg-Stadt und Differdingen ist Visupol bereits im Einsatz. Auch andere Gemeinden haben Interesse an ähnlichen Systemen angemeldet.
Deswegen stellt sich die Frage: Wie viel dauerhafte Beobachtung des öffentlichen Raums wollen wir als normal akzeptieren?
Vor allem, weil Videoüberwachung auch ein Eingriff in die Privatsphäre und in die Anonymität des öffentlichen Raums ist. Die Polizeianalyse sieht dafür Schutzmechanismen vor. Gesichtserkennung ist ausdrücklich ausgeschlossen, private Bereiche sollen irreversibel maskiert werden und der Zugriff auf Bilder ist begrenzt. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass „détections automatiques de situations“ möglich sind – also die automatische Erkennung bestimmter Situationen. Was darunter konkret fällt und ob dazu automatisierte Verhaltenserkennung gehört, bleibt offen.
Für immer installiert
Und sind sie erst einmal installiert, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie wieder verschwinden – selbst dann nicht, wenn die Zahlen nach einigen Jahren keinen klaren Nutzen belegen. Kameras mit dem Versprechen von mehr Sicherheit zu installieren, ist politisch leichter, als später ihren Abbau zu vertreten. Ein Rückbau lässt sich schnell als Abbau von Sicherheit darstellen – unabhängig von den Zahlen. Sollte kurz nach dem Entfernen einer Kamera gerade dort etwas vorfallen, dürfte der Vorwurf nicht lange auf sich warten lassen, diese Entscheidung habe die Sicherheit geschwächt.
Auch deswegen sollte die Einführung von Überwachungsapparaten nicht zur Routine werden. Eine regelmäßige Evaluation muss die ernsthafte Möglichkeit einschließen, Kameras wieder abzubauen, wenn ihr Nutzen den Eingriff nicht mehr rechtfertigt.
Die Frage ist nicht nur, ob Esch die Kameras installieren sollte, sondern ob die Stadt sie bei ausbleibendem Nutzen auch wieder entfernt.
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