Editorial
Verbrannte Erde: Das Prinzip Verantwortung hat längst nicht ausgedient
Im Katastrophensommer aus Hitze, Dürre und Waldbränden halten sich einige europäische Regierungen verdächtig zurück. Ihre „pragmatische“ Klima- und Umweltpolitik droht zu scheitern – ein Rohrkrepierer. Das Prinzip Verantwortung hat längst nicht ausgedient.
Das Ausmaß der Zerstörung im Hohen Venn ist unermesslich Foto: Editpress/Alain Rischard
Plötzlich steckte die Klimakrise in den Nasen. Die Regierung warnte am vergangenen Sonntag die Bevölkerung per SMS vor einem „unangenehmen Geruch“. Und Klima- und Umweltminister Serge Wilmes (CSV) sagte, man sei „von einem völlig neuen Phänomen“ überrascht. Wer hätte auch gedacht, dass es im Hohen Venn einmal brennen würde! Dabei hat es sogar auch in Luxemburg von Anfang 2022 bis 23. Juli dieses Jahres 513 Brände in der Natur gegeben, davon 47 Waldbrände, wie Innenminister Léon Gloden (CSV) in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mitteilte. Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimaforschung zeigt, dass sich die jährlich von Waldbränden betroffene Fläche in Europa bis zum Ende des Jahrhunderts verdreifachen könnte.
Heißer – trockener – windiger: Ob es nun das „Waldsterben 2.0“, wie es der Kieler Meteorologe, Ozeanograf und Klimaforscher Mojib Latif nennt, die Dürren oder die Hitzewellen der vergangenen Monate sind – Europa leidet heftig unter den Folgen des Klimawandels, der als Brandbeschleuniger gilt. Doch die Regierungen halten sich dezent zurück, etwa die luxemburgische. Erinnert sei an die Worte von Luc Frieden (CSV), der eine Klima- und Umweltpolitik ankündigte, die „nicht nervt“, sondern „die Menschen mitnimmt“. Mensch und Natur sind jedenfalls zurzeit besonders „mitgenommen“ – von der Hitze und ihren Auswirkungen.
Viele Regionen weltweit sind längst von Desertifikation „mitgenommen“, auch Länder in Südeuropa. Die zurzeit in der Mongolei, einem der am stärksten betroffenen Länder, stattfindende 17. UN-Konferenz (COP) gegen Wüstenbildung, bei der auch Luxemburg vertreten ist, hat sich zur Aufgabe gemacht, Dürren zu bekämpfen und Weideland zu retten. Doch auch ein weltweit verbindliches Protokoll, auf dessen Grundlage von der Wüstenbildung betroffene Staaten Unterstützung erhalten können, wird es bei der kleinen Schwester der Weltklimakonferenz (COP) nicht geben. Russland und die USA blockierten bereits zu Beginn. Letztere sind in der Wüsten-COP immerhin noch vertreten. Laut Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) sind bis zu 40 Prozent der weltweiten Landfläche von der Verschlechterung der Bodenqualität betroffen. Umso mehr gilt das Motto „Restoring Land, Restoring Hope“. Denn das Entstehen von Wüsten und wüstenähnlichen Landschaften kann die Armut vergrößern.
Ein Ziel der Wüsten-COP ist es, dass mehr Geld in die Resilienz gegen Dürre und für eine nachhaltigere Landwirtschaft investiert wird. Bei der letzten COP vor zwei Jahren wurden finanzielle Mittel in Höhe von zwölf Milliarden US-Dollar zugesagt. Fachleuten zufolge ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein – außerdem müssen die einzelnen Projekte noch umgesetzt werden. Erwiesen ist, dass längere Hitze- und Trockenperioden dazu beitragen, dass fruchtbare Böden austrocknen.
Während in der Mongolei zäh verhandelt wird, geht im Hohen Venn der Kampf gegen das Feuer weiter. Nach wie vor brennt und schwelt eine riesige Wald- und Moorfläche. Ein Drittel des größten Hochmoores Europas ist vernichtet – eine ökologische Katastrophe. Diese ist nicht vom Himmel gefallen. Das Hohe Venn ist jahrzehntelang mit Gräben und Drainagen entwässert worden. Ein intaktes Moor hingegen kann kaum brennen. Hitze und Trockenheit haben ihren entscheidenden Teil dazu beigetragen.
Die aktuelle klimatische Situation müsste mehr als ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Politik sein. Die Regierungen wie etwa die luxemburgische haben dem Klima- und dem Umweltschutz nicht wirklich Priorität eingeräumt. Pragmatisch und möglichst wirtschaftsfreundlich sollen diese sein. Doch pragmatisches Handeln kann nicht allein auf die Ökonomie ausgerichtet sein, sondern erfordert auch Verantwortung. Pragmatismus bis zur Verantwortungslosigkeit würde bedeuten: nach mir die Sintflut.