Tour de France

Pogacar nach Höllenritt im siebten Himmel: „So cool!“

Tadej Pogacar hat bei der Tour die spektakuläre Bergankunft in Alpe d‘Huez gewonnen. Es war eine schiere Demonstration des Superstars.

Tadej Pogacar ist und bleibt im Radsport das Maß aller Dinge

Tadej Pogacar ist und bleibt im Radsport das Maß aller Dinge Foto: AFP/Anne-Chhristine Poujoulat

Am Ziel seiner Träume setzte sich Tadej Pogacar auf den sengenden Asphalt, fasste an sein Herz und blickte ergriffen in den strahlend blauen Alpenhimmel. Inmitten des Riesentrubels von Alpe d’Huez genoss der womöglich größte Radsportler der Geschichte seinen Triumph ungewohnt still. „Es ist so cool, hier zu gewinnen, in dieser verrückten Atmosphäre“, sagte Pogacar. Und es war spürbar, dass dieser Etappensieg bei der Tour de France unter seinen vielen Großtaten etwas ganz Besonderes für ihn war.

Nach einem entfesselten Flug durch das Menschenmeer an den legendären 21 Kehren, an denen eine halbe Million Fans einen infernalischen Lärm machten, feierte der 27 Jahre alte Slowene seinen fünften Etappensieg der laufenden Tour, seinen 26. insgesamt und steht dicht vor dem historischen fünften Gesamtsieg.

Erster Sieg am berühmtesten Berg

Doch sein erster Sieg am berühmtesten Berg der Radsportwelt, nach einer Attacke zwölf Kilometer vor dem Ziel, schmeckte besonders süß – vor allem nach den Krankheitsproblemen seiner leidenden Teamkollegen in den vergangenen Tagen.

Pantani-Rekord pulverisiert

Tadej Pogacar hat bei seinem Etappensieg in Alpe d’Huez einen Rekord aufgestellt. Der Führende der Tour de France bewältigte den 13,8 Kilometer langen Alpenanstieg in 35:26 Minuten und war damit 1:24 Minuten schneller als Marco Pantani. Der Italiener hatte den Berg 1995 in 36:50 Minuten erklommen. Das teilte der Daten-Dienstleister Velon mit. Das entsprach einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23,3 km/h.

„Ich wusste nicht, wo der Pantani-Rekord lag. Ich war in den letzten Wochen nicht so oft im Internet. Wichtig war für mich aber, das Rennen zu gewinnen. Ich habe gehört, dass ich den Rekord geschafft habe. Das macht mich glücklich. Einen 30 Jahre alten Rekord zu brechen, ist gut für uns“, sagte Pogacar.

Der Gesamtzweite Remco Evenepoel hatte die 21 Serpentinen hinauf zum Skiort in 37:57 Minuten gemeistert. Nur Pogacar, dreimal Pantani und Jan Ullrich 1997 waren jemals in einem offiziellen Rennen schneller als der Doppel-Olympiasieger aus Belgien.

„Ich bin heute für mein Team gefahren“, sagte Pogacar, der auf der Bergauf-Hatz durch die Menschenmassen Ausreißer um Ausreißer eingesammelt hatte, die letzten erst auf dem Schlusskilometer, und mit sechs Sekunden Vorsprung auf den Franzosen Lenny Martinez siegte. Dass die weiteren Klassementfahrer chancenlos waren, überraschte Pogacar kaum: „Ich hatte gute Beine, da können eben wenige folgen.“

In der Gesamtwertung führt Pogacar, der 2022 beim Tagessieg von Tom Pidcock in Alpe d’Huez Fünfter geworden war, vor der zweiten und noch schwereren Alpe-d’Huez-Etappe am Samstag mit 7:11 Minuten vor Remco Evenepoel. Der belgische Kapitän des Red-Bull-Teams nahm als Tagessechster den weiteren Rivalen erneut Zeit ab. Im Kampf um den Gesamtsieg ist das aber nebensächlich: Es scheint unmöglich, dass Pogacar das Gelbe Trikot ohne Unfall noch verliert.

UAE hat Podium im Visier

Darüber und über ein mögliches Huez-Double wollte Pogacar aber noch nicht reden. „Heute haben wir gewonnen, morgen ist ein anderer Tag“, sagte er: „Das ist dann die Königsetappe, und wir denken einfach nur Tag für Tag.“

Und weil der große Solist auch ein großer Teamplayer ist, will er seinen wichtigsten Helfer am Samstag mit aufs Gesamtpodium heben. „Heute war es mein Tag“, sagte Pogacar: „Und morgen schauen wir dann, dass Isaac das Weiße Trikot und Platz drei absichert.“

Der junge Mexikaner kam knapp hinter Evenepoel ins Ziel, behauptete mit 9:42 Minuten Rückstand auf seinen Boss Rang drei. Frankreichs Supertalent Paul Seixas verpasste einen Coup auf der größten Bühne des Radsports und bleibt nach Platz neun Gesamtvierter (+10:06).

Ausnahmezustand in den Kehren

Pogacars UAE-Team, das an den vergangenen Tagen mit einem im Team grassierenden Virus zu kämpfen hatte, zeigte auf dem Weg zum Schlussanstieg kaum Anzeichen von Schwäche. Auch der unkaputtbare Nils Politt sorgte dafür, dass der Kapitän nach Plan am Fuße des Schlussanstiegs „abgeliefert“ wurde.

Und schon am Beginn des Anstiegs machte er ernst, setzte seine Kontrahenten sofort unter Druck und startete wenig später durch – auch Evenepoel war chancenlos. Der Belgier blieb fünf Kilometer vor dem Ziel mit den weiteren Verfolgern fast in den Fan-Massen stecken.

An den Kehren herrschte seit Tagen Ausnahmezustand, 24 Stunden vor dem Rennen sperrten die Behörden die Straße für Autos ab. Hunderttausende feierten die Nacht hindurch eine riesige Party an der Strecke – selbst hartgesottene Profis blickten dem Anstieg mit Sorgen entgegen. „Das wird Chaos geben“, prophezeite Pogacar. Letztlich ging aber alles gut.

Im Überblick

113. Tour de France, 19. Etappe: Gap - Alpe d‘Huez (127,9 km):

1. Tadej Pogacar (Slowakei/UAE Emirates-XRG) 3:17:57 Stunden, 2. Lenny Martinez (Frankreich/Bahrain-Victorious) 0:06 Minuten zurück, 3. Richard Carapaz (Ecuador/EF Education-EasyPost) 0:09, 4. Sepp Kuss (USA/Visma-Lease a Bike) 1:14, 5. Tobias Johannessen (Norwegen/Uno-X Mobility) 2:07, 6. Remco Evenepoel (Belgien/Red Bull-Bora-hansgrohe) 2:29, 7. Isaac del Toro (Mexiko/UAE Emirates-XRG) 2:41, 8. Mattias Skjelmose (Dänemark/Lidl-Trek) 2:45, 9. Paul Seixas (Frankreich/Decathlon-CMA CGM) gleiche Zeit, 10. Harold Tejada (Kolumbien/XDS Astana) 3:22, ... 70. Alex Kirsch (Luxemburg/Cofidis) 25:16

Gesamtwertung nach 19 von 21 Etappen:

1. Pogacar 67:53:00 Stunden, 2. Evenepoel 7:11 Minuten zurück, 3. del Toro 9:42, 4. Seixas 10:06, 5. Martinez 13:00, 6. Skjelmose 13:09, 7. Juan Ayuso (Spanien/Lidl-Trek) 15:58, 8. Carapaz 21:15, 9. Tom Pidcock (Großbritannien/Pinarello-Q36.5 Pro Cycling) 21:30, 10. Jordan Jegat (Frankreich/TotalEnergies) 23:21, ... 123. Kirsch 4:49:59

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Am Wochenende auf dem Galgenberg

Die LBO ist die beste Werbetrommel des Beachvolleyballs

„24 Stonne Vëlo“

In Wintger wird am Wochenende rund um die Uhr geradelt