Kritik an Rezepten der Regierung

Handwerkskammer fordert, „Lëtzebuerger Modell“ radikal zu überdenken

Beim Neujahrsempfang der Handwerkskammer findet Präsident Tom Oberweis scharfe Worte für die bisherige politische Bilanz der CSV-DP-Regierung – und rückt bezahlbaren Wohnraum ins Zentrum der Debatte um eine wettbewerbsfähige Wirtschaft.

Tom Oberweis, Präsident der Handwerkskammer, zieht gemischte Halbzeitbilanz der Regierung im Handwerkssektor

Zieht gemischte Bilanz zur Halbzeit der Regierung: Tom Oberweis, Präsident der Handwerkskammer Foto: Editpress/Alain Rischard

Bevor er von der weiterhin schrumpfenden Bauwirtschaft spricht, von Betrieben im Korsett zu enger Regeln, von mangelndem Vertrauen in das Handwerk, vor alledem spricht Tom Oberweis von der Wohnraumkrise. „Bezuelbare Wunnraum ass den A an den O vun enger attraktiver, dynamescher a kompetitiver Wirtschaft“, sagt der Präsident der Handwerkskammer gleich zu Beginn seiner Rede zu deren Neujahrsempfang. „Feelt dëse Wunnraum, gëtt et fir d’Handwierk ganz schwiereg, fir jonk Talenter ze fannen an u sech ze bannen.“

Die Härte und Dringlichkeit dieser Botschaft ist insofern erstaunlich, als der Wohnraum als politisches Thema – trotz weiter eskalierender Krise – von vielen beiseite geschoben wurde. Oberweis spricht am Donnerstagabend von einer „année charnière“ 2026, einem entscheidenden Jahr der Wendepunkte. Unsichere Zeiten, düstere Realität. Und die Wurzel des Übels gleich in den ersten Minuten seiner Ansprache: der Mangel an bezahlbarem Wohnraum.

„Logement“ als Priorität Nummer eins

Diese Priorisierung hat man in jüngster Zeit hierzulande selten erlebt. Zwar ist der Wohnraum studienbelegt der Luxemburger mit Abstand größte Sorge, aber das schlug sich nicht unbedingt in den Maßnahmenpaketen und Strategiepapieren politischer Akteure und Interessenvertreter durch. – Die Empfehlungen der Handelskammer zur Bewältigung des Fachkräftemangels? Klammerten Wohnungsbau als Problem aus, weil es zu groß sei. – Der lang erwartete Aktionsplan der Regierung zur Bekämpfung von Armut? Behandelte den Faktor Wohnraum mehr als stiefelterlich. Ein Dissens, der umso interessanter ist, wenn man bedenkt, dass Handels- und Handwerkskammer als Unternehmensvertreter in großen Fragen sonst politisch meist auf einer Linie liegen.

Der Regierung stellt Oberweis ein durchwachsenes Zeugnis aus: „Fir dësen Däiwelskrees ze duerchbrieche, ginn déi Rezepter, déi d’Regierung bis dato geholl huet, bei wäitem net duer.“ Es brauche neue Lösungsansätze für neue Herausforderungen, die traditionellen Stellschrauben und alten Rezepte reichten bei weitem nicht mehr aus, so der Präsident. Gerade beim Bürokratieabbau und der Wettbewerbsfähigkeit sei noch „viel Luft nach oben“. „Vill ze vill oft hu mir Handwierksbetriber d’Gefill, wéi wa mir op der Sprangprozessioun mat Gewiichter un de Féiss ënnerwee wieren“, sagt Oberweis.

Mir mussen eise Modell vill méi radikal iwwerdenken, fir datt mir eise Liewensstandard kënnen erhalen

Tom Oberweis

Präsident der Handwerkskammer

In der ersten Reihe lauschten auch einige Minister Oberweis’ kritischen Worten, darunter Premier Luc Frieden, Innenminister Léon Gloden, Wohnungsbauminister Claude Meisch und der neue Arbeitsminister Marc Spautz. Sie hören auch zu, als Oberweis feststellt, der Sozialdialog sei zu einem „Dialog der Tauben“ verkommen und das „Lëtzebuerger Modell“ in den vergangenen Monaten „béis ënnert d’Rieder komm“. „Mir mussen eise Modell vill méi radikal iwwerdenken, fir datt mir eise Liewensstandard kënnen erhalen“, sagt Oberweis. Das gelte für die Arbeitszeitorganisation, das Pensionssystem, das Steuersystem, die Bürokratie und den „übergewichtigen öffentlichen Sektor“.

Für seinen eigenen Sektor, das Handwerk, fordert Oberweis an diesem Abend vor allem zwei Dinge von der Politik ein: Vertrauen und Handlungsfreiheit in einem abgesteckten gesetzlichen Rahmen. „Gitt eis e Kader a loosst ons ootmen an deem Kader.“

3 Kommentare
Manfred REinertz Barriera 09.01.202620:25 Uhr

Die Thematik ist eben allgemein bei bezahlbarem Wohnraum...ob das beim CEO Luc ankommen tut, weiss man nicht, denn er spaziert oft im Walde umher...und deshalb schwer erreichbar.......

Grober J-P. 09.01.202620:12 Uhr

"Mir mussen eise Modell vill méi radikal iwwerdenken, " Heescht wat?
Hunn just festgestallt, dat jonk Leit keng Chance kréien ze beweisen wat an hinne stécht, zemols am IT Beräich.
Op baal alle Plazen ginn Leit mat "EXPERIENZ" gesicht. Den Patron huet keen Interesse an déi Jonk ze investéieren an weider auszebilden.

Yves ALTWIES 09.01.202616:18 Uhr

Gut gebruellt Loewe !

Das könnte Sie auch Interessieren

Neustart für Luxemburgs Sozialdialog?

OGBL und LCGB treffen erstmals den neuen Arbeitsminister Marc Spautz