Venezolaner in Luxemburg
„Wer gegen die Regierung ist, wurde gleich als Terrorist gebrandmarkt“
Er konnte dem Regime entkommen und lebt mittlerweile seit Jahren in Luxemburg. Doch die Lage in seinem Heimatland verfolgt Rafael González mit Sorgen.
Rafael González lebt mit seiner Familie in Luxemburg und arbeitet als Maler. Er verfolgt intensiv das Geschehen in seiner alten Heimat. Foto: Julien Garroy
Rafael González kommt durch das nachlassende Schneetreiben zur Tankstelle, wo wir uns verabredet haben. Seit unserem ersten Treffen vor mehr als einem Jahr hat sich für den Venezolaner viel verändert. Er hat nicht nur eine Aufenthaltserlaubnis erhalten, sondern auch eine neue Bleibe gefunden. Damals wohnte er noch in einer Struktur für Asylbewerber in Hesperingen, heute hat er ein Zimmer in Esch. „Das ist zumindest vorübergehend, bis ich etwas Größeres für meine Familie finde“, sagt der gelernte Maler, der mittlerweile auch seine Ausbildung abgeschlossen hat. „Langfristig will ich natürlich mit meiner Frau und meinem Sohn zusammenziehen. Beide wohnen noch in einer Asylunterkunft, bis ihre Prozedur vollständig abgeschlossen ist.“ Alles noch eine Frage der Zeit. Sohn Fabían besucht das Lyzeum. Der 15-Jährige möchte einmal gerne Erzieher werden, sagt Rafael.
Die Familie ist vor gut sechs Jahren via Istanbul nach Luxemburg gekommen. „Ein ruhiges, demokratisches Land“, sagt er. „Das genaue Gegenteil von Venezuela.“ Die Situation hatte sich damals immer mehr angespannt, die Repression unter dem linksnationalistischen Staatschef Nicolás Maduro, dem Nachfolger des 2013 verstorbenen charismatischen Präsidenten Hugo Chávez, hatte sich verstärkt. „Wer gegen die Regierung ist, wurde gleich als Terrorist gebrandmarkt.“ Dem drohten gleich Gefängnis und Folter. Nicht nur das, das Regime hatte das erdölreiche Land heruntergewirtschaftet. „Heute ist die Mehrheit der Venezolaner bitterarm, 90 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Es gibt so gut wie keine Perspektive mehr“, erklärt Rafael. Der studierte Mathematiker hatte gleich drei Arbeitsstellen gleichzeitig und unterrichtete neben der Universität an zwei Schulen. Als Maler verdiene er in Luxemburg mehr, sagt der 37-Jährige.
„Ich will keinen Krieg in meinem Land, auch keinen mit den USA“, sagt er. „Ich bin auch kein Anhänger von Donald Trump. Was der US-Präsident sonst macht, finde ich nicht gut.“ Auch über die Art und Weise, wie Maduro festgenommen und in die USA gebracht wurde, lasse sich streiten. „Aber ich kenne keinen Venezolaner, der in den letzten Jahren aus seinem Land geflohen ist, der dagegen ist.“ Wichtig sei ein friedlicher Übergang zur Demokratie, ein Ende der Diktatur. „Unabhängig von Trump befürworten 20 Millionen Venezolaner Maduros Festnahme.“ Als wir in einem Café auf die Situation in dem südamerikanischen Land zu sprechen kommen, erklärt mir Rafael die Situation: „Maduro ist zwar weg, aber die Lage ist unsicher. Das Regime ist noch da, und die Menschen leben in ständiger Angst. Sie haben jahrelang unter der Diktatur gelebt. Egal, ob es Chávez war oder Maduro. Das Regime ist korrupt und repressiv. „Selbst Maduros ehemalige Gefolgsleute haben sich aus dem Staub gemacht, weil sie in Ungnade fielen“, sagt Rafael. „Insgesamt sind acht Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Die Versorgung mit Strom und Wasser ist nicht dauernd gewährleistet, das Gesundheits- und das Schulwesen sind Opfer der grassierenden Korruption und der Misswirtschaft. Nichts funktioniert mehr. Und in den vergangenen Jahren ist auch die Kriminalität gestiegen. Die Straßen sind unsicher.“
Schon als wir uns kennenlernten, erzählte Rafael von seiner Mutter, die kurzzeitig festgenommen worden war. „Immer wieder kam es zu willkürlichen Festnahmen“, sagt er. Die Nichtregierungsorganisationen hatten nach einem von Maduros Regierung erlassenen Gesetz ihren Rechtsstatus verloren und wurden kriminalisiert, wenn sie sich kritisch äußerten. Dagegen hatte Luxemburgs Innenminister Léon Gloden vor gut einem Jahr behauptet, Venezuela sei ein sicheres Land und die Geflüchteten seien Wirtschaftsflüchtlinge. „Natürlich geht es Trump nur um Geschäfte und um das Öl. Er verfolgt nur seine eigenen Interessen, aber trotzdem besteht die Hoffnung, dass sich im Land etwas tut.“
Da Maduros frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez nun Interimsstaatschefin sei, werde sie sich hoffentlich klug genug verhalten, damit die Lage nicht eskaliert, hofft Rafael. Jedenfalls brauche das Land einen Wandel. Als wir an der Demonstration vor der US-Botschaft vorbeikommen, wo etwa 50 bis 60 Menschen gegen die US-Intervention in Venezuela protestieren, kommentiert er das Geschehen: „Darunter ist bestimmt kein Venezolaner.“ Zu der Demo hatte die Luxemburger „Friddensplattform“ aufgerufen, Mitglieder von „déi Lénk“ und der KPL hatten sich ebenso angeschlossen. Der Protest richtete sich sowohl gegen die USA als auch an die EU und die luxemburgische Regierung.
Das Winterwetter hielt die Demonstranten nicht davon ab, vor der US-Botschaft zu protestieren Foto: Vincent Lescaut/L'Essentiel