Editorial
Die Festung steht, der Kontinent brennt
Europa brennt, Flüsse trocknen aus, Ernten sind bedroht. Doch die größte politische Empörung gilt weiterhin der Migration.
Ein „No Fishing“-Schild südlich von London: Europa kämpft mit den Folgen des Klimawandels, empört sich aber lieber über Migration Foto: AFP/Glynn Kirk
Mehr als 20 EU-Staaten schreiben der Kommission in Brüssel einen Brief. Einen Wutbrief. Voller Forderungen nach einem dringenden Handeln. Weil Krise ist. Weil es nicht mehr geht, weil Menschen sterben, Länder vertrocknen und Wälder verbrennen.
Der ganze Kontinent leidet unter der Hitze. Selbst in den schottischen Highlands brennt es. Große europäische Flüsse wie Rhein, Donau oder Loire führen so wenig Wasser, dass Kraftwerke Probleme mit der Kühlung bekommen und Schiffe weniger Waren und Rohstoffe transportieren können. Auch das treibt die Preise hoch. Historisch niedrige Pegelstände werden zur Millionenfrage. Selbst in den Bergen fehlt Wasser, obwohl dort die Gletscher schmelzen.
Hitze und Dürre setzen Europa unter Druck
Europas Spitzenpolitik ist alarmiert, das geht deutlich aus dem Brief hervor. Das Schreiben hat es wirklich in sich. Weil es ans Eingemachte geht und die Hitze nicht nur die Böden, sondern auch das ohnehin spärliche Wachstum zahlreicher EU-Staaten auszutrocknen droht. Weil vielerorts Temperaturrekorde fallen, dafür aber so wenig Regen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Weil nicht einmal der Kapitalismus dem Extremsommer hinterherkommt und sich unfähig zeigt, genügend mobile Kühlgeräte auf den Markt zu werfen. Weil Ernten in Gefahr sind und weitere Preissteigerungen und sogar Engpässe bei Lebensmitteln drohen.
Diesen Brief hat es nie gegeben. Leider. Einen anderen hingegen schon. Auch leider.
Ceuta löst Europas migrationspolitischen Alarm aus
Mehr als 20 EU-Staaten haben tatsächlich ein Schreiben an die EU-Kommission formuliert. Aber nicht aus den in den ersten Abschnitten beschriebenen Beweggründen. Nein, nicht das Problem, das jeden Staat der Union betrifft und belastet, führte zu dieser ungewöhnlichen Aktion. Das war Wunschdenken.
Der Brief, den Luxemburg und vier weitere Staaten nicht mitunterzeichneten, ging von den migrationspolitischen Hardlinern aus Italien und Dänemark aus. Er war vor allem eine Anklageschrift gegen Spanien – die insgesamt 22 EU-Regierungen mitunterzeichneten.
Zuvor waren Tausende Migranten in einer offenbar gezielt herbeigeführten und menschenverachtenden Aktion in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika gelangt, die nicht einmal zum Schengenraum gehört. Nahezu die gesamte europäische Politik war getriggert und verfiel in hektischen Aktivismus. Nicht aus Anteilnahme am tragischen Schicksal dieser Menschen, von denen Dutzende im Meer ertranken. Sondern weil es inzwischen bei vielen europäischen Regierungen zum guten Ton gehört, ordentlich auf die Pauke zu hauen, sobald etwas mit Migration passiert. Auch viele Parteien der Mitte glauben offenbar, dass das bei den Wählerinnen und Wählern gut ankommt.
Der Spuk dauerte nur wenige Tage. Beim virtuellen Treffen der EU-Innenminister zur „Ceuta-Krise“ am Dienstag hatten sich alle wieder lieb. Statt Schimpf und Schande für Spanien wurde erneut die viel beschworene Geschlossenheit ausgerufen. Uff, noch einmal gut gegangen: Die solidarische Festung Europa steht.
Die unterschiedlichen Reaktionen sprechen Bände. Auf der einen Seite ein Glutsommer, der die Energiekrise verschärfen, Ernten vernichten und Lebensmittel verteuern kann. Auf der anderen Seite eine wenige Tage dauernde Grenzkrise, die sofort höchste politische Aktivität auslöst.
Beim Klimawandel fehlt Europas Geschlossenheit
In Fragen der Migration bestimmt die extreme Rechte längst das Narrativ. Und die meisten europäischen Regierungen fühlen sich offenbar pudelwohl dabei, auf diesem Strom mitzuschwimmen. Beim Klimawandel dagegen bleibt es trotz aller Warnzeichen meist bei nationalen Einzelmaßnahmen und allgemeinen Absichtserklärungen. Wenn es überhaupt zu solchen kommt.
Dabei lassen die Zeichen, die dieser Sommer sendet, eigentlich nur einen Schluss zu: Die Staaten der EU müssen sich gemeinsam darauf vorbereiten, was der Klimawandel für unsere Breitengrade noch bereithält. Europa erwärmt sich derzeit gut doppelt so schnell wie die Erde insgesamt.
Sonst könnten die Europäer eines Tages selbst erfahren, dass Klimaflucht kein Problem ferner Kontinente ist.