Editorial

Der Funke Hoffnung – was im Iran dieses Mal anders sein könnte

In den vergangenen 25 Jahren sind Proteste in der Islamischen Republik immer größer und radikaler geworden. Und immer wieder schlug sie das Regime mit noch größerer Gewalt nieder. Dieses Mal könnte es anders sein.

Exil-Iranerin mit blutiger Träne bei Solidaritätsdemo für Iran in Istanbul am Wochenende

Eine blutige Träne für die Heimat: Exil-Iranerin auf einer Solidaritätsdemonstration am Wochenende in Istanbul Foto: Emrah Gurel/AP/dpa

Der Funke ist übergesprungen, der Brand breitet sich aus. Was als Protest der Basarhändler aus wirtschaftlicher Not begann, hat sich binnen zwei Wochen zu einem landesweiten Aufstand gegen das Regime der Islamischen Republik Iran entwickelt. Die Informationslage ist schwierig, Internet- und Telefonverbindungen sind gekappt. Und doch finden immer wieder verpixelte Foto- und Videoaufnahmen ihren Weg aus dem abgeschotteten Land. Die brennende Moschee von Teheran, skandierende Protestzüge, Autos in Flammen, dutzende Leichensäcke. Das Volk zündelt gegen die brutalen Theokraten.

Allein: Das hat es in den vergangenen 25 Jahren schon oft gegeben. Und immer wieder wurde der Brand mit Gewalt erstickt. Die Studentenproteste im Juli 1999, ausgelöst von der Schließung einer reformorientierten Zeitung, die vom Regime und seinen Milizen brutal niedergeschlagen wurden. Die „Grüne Bewegung“ im Juni 2009, die sich nach dem umstrittenen Präsidentschaftswahlsieg von Mahmood Ahmadinedschad zu den größten Protesten seit der Islamischen Revolution von 1979 entwickelten – und dennoch mit massiver Gewalt zurückgedrängt wurden. Der „blutige November“ 2019, in dem die Menschen, die zunächst gegen rasant gestiegene Benzinpreise auf die Straße gingen, die ganze Härte des Regimes zu spüren bekamen. Und natürlich die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung nach dem Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini im September 2022.

Umstrittener Hoffnungsträger

Was ist dieses Mal anders? Warum sollte das Mullah-Regime nicht auch dieses Mal wieder mit Gewalt und Blut und Folter die alte Ordnung herstellen? Ein paar Hoffnungsfunken gibt es. Zum einen hat sich der Protest im Iran in den vergangenen Jahren unter ständigem Gegendruck radikalisiert. Die Schlagzahl hat sich erhöht. Die Demonstranten fordern keine Reformen mehr, keine Kompromisse. Es geht einzig und allein um das Ende des Regimes. Das wiederum scheint nach den mäßigen Verteidigungsbemühungen im israelisch-iranischen Krieg so schwach wie nie. Und es gibt eine Figur, auf die sich die Hoffnungen mehr als früher bündeln – im Ausland wie im Iran selbst. Dieser Hoffnungsträger ist ausgerechnet Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, der sich heute jedoch nicht mehr als Monarchist, sondern als geläuterter Demokrat gibt, der an Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und freie Wahlen glaubt. Ob es damit sehr weit her ist, bleibt jedoch eine offene Frage, bandelt Pahlavi doch mit Trump und Netanjahu an, zwei Männern, die nicht unbedingt als lupenreine Demokraten bekannt sind.

Die Hoffnungsfunken sind klein und sie drohen zu verglimmen. Aus der europäischen Außenperspektive fällt es oft schwer, die komplexe Gemengelage im Iran zu begreifen. Umso wichtiger sind Einblicke, wie sie der iranische Filmemacher Jafar Panahi gewährt. Sein grandios-ergreifender Film „Un simple accident“ erzählt davon, was die vielen Jahre aus Protest und gewaltsamer Unterdrückung, aus Angst, Folter und überlebensnotwendigen Lügen mit den Menschen im Iran gemacht haben. „Un simple accident“ hat im vergangenen Sommer verdient die Goldene Palme in Cannes gewonnen. In Frankreich, für das er im März bei den Oscars ins Rennen gehen wird, und in Luxemburg, das den Film mitfinanziert hat, lief „Un simple accident“ bereits im vergangenen Oktober in den Kinos. Nun wird er bei den Nachbarn in Deutschland gezeigt. Wer das Glück hat, den Film dieser Tage in einem Saal voller Exil-Iraner zu sehen, der blickt nach der Vorstellung in Augenpaare, die Trauer widerspiegeln und Wut. Aber auch einen Funken Hoffnung.

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