Aufstand gegen das Regime
Massenproteste im Iran und im Exil – Aktivisten sprechen von „Massaker“ im Land
Das Internet ist gesperrt, die Kommunikation unterbrochen. In Teheran und anderen Städten des Landes gehen Tausende trotz Drohungen des Mullah-Regimes auf die Straße. In Paris und London demonstrieren die Unterstützer der Aufständischen.
Mehr als 2.000 Menschen sind am Sonntag in Paris zur Unterstützung der Protestbewegung im Iran auf die Straße gegangen Foto: AFP
Trotz massiver Gewalt der Behörden gehen die Massenproteste im Iran weiter. Menschenrechtlern zufolge wurden bei den Demonstrationen bis Sonntag mindestens 192 Menschen getötet. Aktivisten sprachen von einem „Massaker“ der Behörden, um die Proteste zu unterdrücken. US-Präsident Donald Trump und der israelische Außenminister Gideon Saar sagten den Demonstranten Unterstützung zu, Irans Parlamentspräsident drohte den USA mit Vergeltung im Falle eines militärischen Eingreifens.
Unter Umgehung einer seit Tagen andauernden landesweiten Internetsperre veröffentlichte Videos zeigten große Menschenmengen bei Demonstrationen in mehreren Städten des Landes am Samstagabend, darunter die Hauptstadt Teheran und Maschhad im Osten. Dort wurden Autos in Brand gesetzt. Die von den Behörden verhängte Internetsperre, welche die Kommunikation mit der Welt außerhalb des Irans massiv erschwert, dauerte am Sonntag an. Auch der Mobilfunk wurde inzwischen blockiert.
Die Proteste im Iran hatten vor zwei Wochen begonnen und richteten sich zunächst gegen die wirtschaftliche Lage. Inzwischen weiteten sie sich zu Massendemonstrationen gegen die Führung in Teheran aus. Nach Angaben der in Norwegen ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) wurden bis Sonntag mindestens 192 Menschen bei den Protesten getötet. Aktivisten fürchten, dass die tatsächliche Zahl noch weit höher ist. Das in den USA ansässige Center for Human Rights in Iran (CHRI) erhielt nach eigenen Angaben „glaubwürdige Berichte“, wonach seit Beginn der Internetsperre hunderte Protestierende getötet wurden. „Im Iran spielt sich ein Massaker ab“, warnte die Gruppe. Die Krankenhäuser des Landes seien mit der hohen Zahl an Verletzten überfordert, es drohe ein Mangel an Blutkonserven.
Trump droht mit militärischem Eingreifen
Der iranische Präsident Massud Peseschkian warnte „Aufrührer“ vor weiteren Demonstrationen. Es könne nicht zugelassen werden, dass „Aufrührer die Gesellschaft destabilisieren“, sagte er in einem Fernsehinterview. Die Jugend des Landes dürfe sich nicht durch „Terroristen“ täuschen lassen. Die Bevölkerung rief er auf, „Vertrauen in unseren Willen zur Durchsetzung der Gerechtigkeit“ haben. Polizeichef Ahmed-Resa Radan sagte im Staatsfernsehen, bei den Protesten am Samstagabend seien zahlreiche Menschen festgenommen worden. Verantwortliche für die „Unruhen“ würden bestraft. Der iranische Parlamentspräsident Ghalibaf drohte den USA derweil mit Vergeltung im Falle eines militärischen Eingreifens. US-Militärstützpunkte in der Region und die US-Schifffahrt wären dann „legitime Ziele“, sagte er vor dem Parlament.
Trump hatte in den vergangenen Tagen wiederholt mit einem militärischen Eingreifen gedroht, falls die iranischen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die Demonstranten vorgingen. Den Demonstranten sagte er die „Hilfe“ der USA zu. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge wurde der US-Präsident bereits über Optionen für militärische Angriffe auf den Iran informiert, hat aber noch keine Entscheidung gefällt. Die USA hatten bereits im Juni im Zuge eines zwölftägigen Krieges zwischen dem Iran und Israel Atomanlagen im Iran bombardiert.
Tausende demonstrieren in Paris und London
Mehr als 2.000 Menschen sind am Sonntag in Paris zur Unterstützung der Protestbewegung im Iran auf die Straße gegangen. Die Menschen schwenkten Fahnen des ehemaligen Schahs sowie Flaggen Israels. Zur iranischen Botschaft in der französischen Hauptstadt durften sie aufgrund einer Anordnung der Behörden nicht ziehen. „Im Iran sind die Menschen auf die Straße gegangen, und wir Iraner außerhalb des Iran sind hier, um zu zeigen, dass wir zu ihnen stehen und dass sie nicht allein sind“, sagte Arya, ein 20-jähriger iranischer Student, der seit Anfang 2023 in Frankreich lebt.
Auch in der britischen Hauptstadt London gingen tausende Menschen auf die Straßen. Sie demonstrierten in mehreren Gruppen sowohl vor der iranischen Botschaft als auch vor dem Amtssitz von Premierminister Keir Starmer. „Wir wollen die Revolution, einen Regimewechsel“, sagte der 38-jährige Afsi, der seit sieben Jahren in London lebt. Von seinen Verwandten im Iran habe er wegen der dort seit mehr als 60 Stunden andauernden Internetsperre keine Nachrichten erhalten.
Der in den USA lebende Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, hatte die Demonstrierenden aufgerufen, ihre Proteste fortzusetzen. In einem Interview mit dem US-Sender Fox News sagte er am Sonntag, er sei bereit, „bei der ersten Gelegenheit“ in den Iran zurückzukehren. „Meine Aufgabe ist es, diesen Übergang anzuführen und sicherzustellen, dass nichts unversucht bleibt, dass die Menschen in voller Transparenz die Möglichkeit haben, ihre Führung frei zu wählen und über ihre eigene Zukunft zu entscheiden.“ (AFP)