Editorial
Wieso queere Sichtbarkeit wichtig ist – und immer noch Gefahren birgt
Queere Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, können zu Vorbildern werden. Doch sie setzen sich auch dem Hass aus, der LGBTQIA+-Personen immer heftiger entgegenschlägt.
Für ihr politisches Statement erhielt US-Kunsteisläuferin Amber Glenn Todesdrohungen Foto: AFP
Sie teilen ihr Glück in einem Instagram-Video: Die US-Hockeykapitänin Hilary Knight geht vor ihrer Partnerin Brittany Bowe, die für die USA im Eisschnelllauf antritt, auf die Knie. Die Verlobung ist eine der schönen Geschichten, die Olympia 2025 geschrieben hat. Doch in den Kommentarspalten finden sich nicht nur Glückwünsche. „Habt ihr keinen Mann gefunden?“, „Zum Kotzen“, „Seit wann dürfen Lesben und Schwule bei Wettbewerben antreten?“ – das sind nur einige der gehässigen Reaktionen anderer Accounts.
Die Eiskunstläuferin Amber Glenn, ebenfalls aus den USA, trifft es noch härter. Bei einer Pressekonferenz kritisiert sie die Anti-LGBTQIA+-Haltung der Regierung von Donald Trump. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir als Community zusammenkommen und für unsere Menschenrechte kämpfen müssen“, sagt Glenn. Daraufhin erntet sie nicht nur Spott und Häme, sondern auch Gewaltfantasien und Todesdrohungen.
Es sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen, dass offen queere Personen noch immer massiven Hass erfahren. Gleichzeitig macht es Hoffnung, dass mehr als 50 Sportlerinnen und Sportler, die bei Olympia antraten, offen zu ihrer Liebe, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung stehen. Sie sind Vorbilder – für andere queere Menschen, die trotz heftigen Gegenwinds den Mut finden wollen, sichtbar zu sein.
Gerade im Netz, wo eine globale Öffentlichkeit aufeinandertrifft, gehören Beleidigungen und Todesdrohungen gegen Personen, die LGBTQIA+-Content teilen oder auch nur so wahrgenommen werden, als gehörten sie zur queeren Community, längst zum Alltag. „Hassreden gegen LGBTQIA+-Personen sind zunehmend normalisiert worden, oft angeheizt durch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und staatliche Institutionen“, schreibt der Dachverband der europäischen LGBTQIA+-Organisationen, ILGA-Europe, in seinem Bericht 2025.
Die Folgen sind gravierend. Nicht nur fühlen sich immer mehr Menschen ermutigt, ihre Queerfeindlichkeit offen zur Schau zu stellen – auch die Gewalt gegen queere Personen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Der ILGA-Bericht 2025 dokumentiert für Finnland, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Portugal einen signifikanten Anstieg queerfeindlicher Straftaten. Belgien, Frankreich und Moldawien registrierten vermehrt Angriffe auf LGBTQIA*-Personen, insbesondere in städtischen Gebieten mit höherer Sichtbarkeit.
Besonders „besorgniserregend“ sei ein Trend in Belgien, Kroatien und Frankreich: Täter nutzen gefälschte Profile auf beliebten Dating-Apps, um Opfer in Fallen zu locken.
Brandgefährlich wird es, wenn auch staatliche Behörden solche Methoden anwenden. In mehr als 60 Ländern steht Homosexualität unter Strafe, in zwölf Staaten droht noch immer die Todesstrafe. In Turkmenistan etwa sollen Behörden Dating-Apps nutzen, um im Verborgenen lebende homosexuelle Menschen aufzuspüren und sie unter Druck zu setzen, weitere Personen zu outen.
Amber Glenn hat recht: Queere Menschen müssen noch immer für ihre Rechte kämpfen. Auch in Ländern, in denen man längst glaubte, als solche nicht mehr wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden. Errungenschaften sind nicht selbstverständlich – und sie sind nicht unumkehrbar. Weltweit agieren Anti-LGBTQIA+-Bewegungen, oft finanziert aus dubiosen Quellen, strategisch und gut vernetzt. Ihr Ziel ist es, queere Menschen gesellschaftlich zurückzustufen – ihnen gleiche Rechte und gleiche Würde abzusprechen. Und immer mehr Menschen fallen auf ihre lügnerischen Parolen herein.
Das Tageblatt befasst sich in einem kommenden Artikel mit diesem Thema.