Editorial

Das Kirchberg-Syndrom: „Südspidol“ das nächste Fiasko eines Großprojekts?

Modell des geplanten „Südspidol“ 

Modell des geplanten „Südspidol“  Foto: Editpress/Modell CHEM/HTE

Kommende Woche wird der österreichische Architekt Albert Wimmer Stellung beziehen zur fristlosen Kündigung seiner Firmengruppierung HTE durch das „Centre hospitalier Emile Mayrisch“ (CHEM) vergangene Woche. Es soll „umfassende Erläuterungen“ geben, „indem HTE seine Erfahrung mit CHEM in den letzten sechs Jahren seit dem Wettbewerbsgewinn darstellt“. Wimmer hatte 2015 den Architekturwettbewerb zum Bau des „Südspidol“ gewonnen. Durch die einseitige Kündigung wird das Projekt mindestens fünf weitere Jahre Verspätung bekommen. Und es wird wohl auch ein gutes Stück teurer werden als die veranschlagten 542 Millionen Euro.

Warum nur tut sich Luxemburg mit Großprojekten dermaßen schwer? Nordstraße, Coque, Mudam, Nationalstadion, Velodrom oder place de l’Etoile – alles quasi unendliche Geschichten und zudem meist unendlich teurer als vorgesehen. 2013 schrieb Markus Hesse von der Universität Luxemburg in diesem Zusammenhang vom „Kirchberg-Syndrom“. Damit meinte er die Schwäche Luxemburgs für Großprojekte, deren Umsetzung sich aber oft als „schwierig“ herausstelle.

Das „Südspidol“ ist ein Paradebeispiel hierfür. Begonnen hatte es mit dem anonymen Architektenwettbewerb. Kurz bevor das Finanzierungsgesetz vom Parlament 2018 verabschiedet wurde, erschien im Luxemburger Wort ein Bericht über den vermeintlichen Bauskandal um das Krankenhaus Wien Nord. Der Architekt: Albert Wimmer. Die Verantwortlichen des CHEM wussten davon schon länger und sorgten scheinbar vor. Kleinste Details wurden vertraglich festgehalten, wie es auf einer Pressekonferenz am Freitag hieß. So gaben sich die neuen Verantwortlichen um Verwaltungsratspräsident Georges Mischo und Generaldirektor René Metz optimistisch, was etwaige Regressforderungen des Architekten angeht. 

Man wusste also Bescheid, und trotzdem verging viel Zeit. Erklärt wurde das u.a. mit dem Wechsel auf dem Posten des Generaldirektors, der Pandemie und einer großen Portion Gutgläubigkeit. Man habe stets gehofft, dass sich der Knoten lösen würde, allerdings wurde er immer fester, sagte Eschs Bürgermeister Mischo sinngemäß. Da Zeit auch Geld bedeutet, wird der finanzielle Schaden durch den Neuanfang groß sein. Zwar wurde auf der Pressekonferenz unterstrichen, dass die bereits ausgegebenen Millionenbeträge nur für erbrachte Leistungen gezahlt wurden, doch wird allein schon die Wiederaufnahme der Prozeduren Geld kosten. Und auch die momentane Explosion der Kosten im Bau wird sich negativ auf das Budget des „Südspidol“ auswirken. Ganz abgesehen davon, dass die bestehende Infrastruktur des CHEM noch mindestens fünf Jahre länger als geplant auf dem neuesten Stand gehalten werden muss.  

Vielleicht kann Professor Hesses „Kirchberg-Syndrom“ ja auch mit einem Sprichwort gleichgestellt werden: Viele Köche verderben den Brei. Seit dem Architekturwettbewerb gab es (Interimslösung inklusive) vier CHEM-Generaldirektoren, drei Gesundheitsminister und zwei Verwaltungsratspräsidenten. Und im Hintergrund agiert die einflussreiche Ärztevereinigung AMMD. Sie alle haben ihre eigenen Ideen und politischen Überzeugungen über das Krankenhaus der Zukunft. Egal, was Architekt Wimmer kommende Woche erläutert, das Dossier „Südspidol“ wird noch für so manche Schlagzeile herhalten.    

             

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