Editorial
Wie eine Ölkrise die Verkehrswende fördern könnte
Steigende Energiepreise bedrohen viele Haushalte. Doch eine neue Ölkrise könnte auch den Druck erzeugen, den Politik oft braucht, um die Energie- und Verkehrswende endlich zu beschleunigen.
Meistens müssen sich Radfahrer die Straße mit Autofahrern teilen – Mobilitätswende sieht anders aus Foto: Editpress/Alain Rischard
Es sind 50 Grad im Lkw. Nasse Flecken bilden sich auf weißen Hemden, Lokalpolitiker kämpfen sich schwerfällig durch einfache Aufgaben. Sie befinden sich im Container des Projekts „Climate Sense“, das die Folgen der Klimakrise körperlich erfahrbar machen will. „Manche Menschen reagieren sehr emotional. Sie fragen sich, wie sie oder ihre Kinder so leben sollen“, sagt Mitarbeiterin Eva. Manchmal braucht Politik genau das: Realität, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt. Auch die sich abzeichnende Ölkrise könnte ein solcher Moment werden.
Niemand sollte sich eine weitere Krise wünschen. Sie würde zuerst jene treffen, die ohnehin ganz genau darauf achten müssen, was im Einkaufswagen landet oder in den Tank fließt. Sollte die Inflation Luxemburg mit ganzer Wucht treffen, braucht es einen sozialen Ausgleich und gezielte Hilfen statt Gießkanne.
Aber wenn die Krise kommt, sollte sie wenigstens genutzt werden. Denn Krisen verändern Prioritäten. Was vorher weit entfernt schien, wird plötzlich persönlich: die Heizrechnung, der Spritpreis, der Einkauf im Supermarkt. Sogar Entscheider werden dann mit Fragen konfrontiert, die viele Menschen täglich beschäftigen. Denn Krisen öffnen politische Fenster, die normalerweise verschlossen bleiben.
Als die Niederlande 1973 von der Ölkrise getroffen wurden, führte die Regierung autofreie Sonntage ein. Private Autos blieben zu Hause, Straßen gehörten plötzlich Fußgängern, Radfahrern und Bussen. Viele Menschen erlebten erstmals, wie Städte ohne permanente Blechlawinen aussehen können. Diese Krise war nicht allein verantwortlich für den niederländischen Fahrradboom – aber sie beschleunigte ein Umdenken, das später weltberühmt wurde. Luxemburg führte im selben Jahr ebenfalls vier autofreie Sonntage ein, zog allerdings politisch nicht die gleichen Schlussfolgerungen wie die Niederlande.
Unsere Abhängigkeit von Öl ist heute noch stärker als in den Siebzigern. Öl steckt in fast allem: Plastik, Dünger, Chemieprodukten. Umso wichtiger ist es, dass wir das schwarze Gold nicht auch noch in tonnenschweren SUVs oder veralteten Heizsystemen verbrennen. Die Verkehrswende spielt bei der Energiewende eine essenzielle Rolle. Die technischen Lösungen existieren längst, die planerischen ebenso – sie müssen nur konsequenter eingesetzt werden.
Die Klima-Agence verwies gestern während einer Pressekonferenz auf eine positive Entwicklung bei Fotovoltaik, neue Angebote zur energetischen Sanierung sowie Initiativen für Elektromobilität und Ladeinfrastruktur. Das Potenzial der nachhaltigen Technologien sei weiterhin „immens“. Mit anderen Worten: Es fehlt weniger an Lösungen als an der Entschlossenheit, sie umzusetzen.
Und genau dieser Wille kann durch Krisen gestärkt werden. Plötzlich ist das Leiden für Politiker nicht mehr nur eine weit entfernte Theorie, sondern ein tägliches Problem. Real, greifbar, spürbar: wie Schweißperlen bei 50 Grad in einem Lkw-Container.