Climate Sense in Esch

Denken unmöglich – Wie sich 50 Grad im Brutzel-Lkw anfühlen

Die globale Erwärmung ist ein ständiger Begleiter der heutigen Zeit. Doch die Auswirkungen sind oft schwer vorstellbar. Ein Lkw in Esch simuliert daher 50 Grad Celsius. Wie fühlen sich alltägliche Handlungen bei solchen Temperaturen an? Ein Selbstbericht

Heizstrahler simuliert Sonne und sorgt bei Teilnehmern für starkes Schwitzen im Indoor-Event

Der Heizstrahler, der die Sonne simuliert, bringt die Teilnehmer mächtig ins Schwitzen Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Eva leitet Teilnehmer durch interaktive Simulation für praxisnahes Lernen und Teamtraining

Eva führte die Teilnehmer durch die Simulation Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Bei 8 Grad Celsius und leichtem Wind stehe ich mittwochmorgens kurz vor 9:30 Uhr vor dem Rathaus in Esch. Ich trage bewusst eine kurze Hose. Denn: In wenigen Minuten werde ich einen Lkw betreten, der Temperaturen von 50 Grad simuliert.

„Der Forscher Christian Clot hat das Projekt ins Leben gerufen“, sagt die Mitarbeiterin Eva. Das Ziel sei, die Menschen den Klimawandel real erleben zu lassen, statt nur mit abstrakten Berichten zu informieren. Denn: „Die Motivation zur Verhaltungsänderung kommt immer nach einer Erfahrung.“

Treppensteigen bei 50 Grad

Meine Körpertemperatur beträgt 37,8 Grad, also Normalzustand. Danach geht es in den Lkw. Drinnen fühle ich mich, als ob ich gerade eine Sauna betreten hätte. Vor mir liegen Stepper, die den Gang ins 17. Stockwerk simulieren sollen – zehn Minuten ohne Pause. Die Aufgabe fühlt sich überraschenderweise nicht so anstrengend an, wie gedacht. Wahrscheinlich deswegen, weil ich noch am Anfang der Simulation stehe.

Mit einer Art Heißstrahler wird danach die Temperatur in der Sonne simuliert. Höchstens eine Minute stehe ich davor. Der heißeste Punkt entspreche ungefähr 60 Grad, erklärt Eva. „Wahnsinn“, denke ich, und bin froh, als das Gerät wieder ausgeschaltet ist.

LKW-Innenraum mit tropischer Hitze, hohe Temperaturen und schwüle Luft während der Fahrt

In diesem Lkw herrschen tropische Temperaturen Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

„Hitze hat Auswirkungen auf den Körper, das Herz schlägt schneller und die Nieren müssen viel arbeiten“, sagt Eva. Extrem hohe Temperaturen hätten ebenfalls Auswirkungen auf die kognitiven und sozialen Fähigkeiten. Sich zu konzentrieren oder mit anderen Menschen zu unterhalten sei dann schwer.

An einer Wand hängen eine Reihe Alltagsgegenstände, etwa Handys, eine Trinkflasche und einige Brillen. Ich setze eine dieser Brillen auf. Das Material ist extrem heiß. Brillenträger wie ich dürften bei 50 Grad Probleme bekommen.

Vier gewinnt Spiel mit verschwitzten Händen, intensives Strategiespiel für geselligen Spielabend

Die Partie Vier gewinnt habe ich im wahrsten Sinne des Wortes verschwitzt Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Die zweite Station ist ein Tisch mit Geschicklichkeitsspielen. Ich spiele Vier gewinnt gegen einen anderen Teilnehmer. Ich merke, wie mir das Denken zunehmend schwerer fällt. Beispiel: Ich schiebe einen Stein der falschen Farbe ins Raster. Wenig überraschend verliere ich das Spiel. Während der Partie fange ich auch an, richtig zu schwitzen – so langsam spüre ich die Hitze.

Mann schwitzt und wirkt konzentriert, Hitze beeinträchtigt geistige Leistungsfähigkeit und Konzentration deutlich

Hitze reduziert die Konzentrationsfähigkeiten spürbar Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Das Gehirn schwitzt

Letzter Teil der Simulation ist eine Reihe von Denkaufgaben. Kopfrechnen fällt mir grundsätzlich leicht, und auch bei 50 Grad ist das kein Problem. Logisches und räumliches Denken sind dagegen unmöglich. Wäre das eine Klausur, hätte ich wohl kaum bestanden. Dabei denke ich an Schüler, die bei solchen Extremtemperaturen wohl kaum Unterricht folgen können.

Laut den Organisatoren seien 50 Grad um 2050 für Frankreich nicht unrealistisch, wenn auch nicht als Normalzustand. „Es wird aber zu Hitzewellen bis 50 Grad kommen“, sagt Eva.

Drei Fragen an Klimaforscher Ralf Seppelt von der Universität Luxemburg

Wie wahrscheinlich sind 50 Grad Celsius für Luxemburg beziehungsweise was sagen die Prognosen für das Großherzogtum?

Ralf Seppelt: Das Klima in Luxemburg in 60 Jahren wird, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, durchschnittlich 6,2 Grad heißer und etwa 16 Prozent trockener sein. Die Temperaturen im Winter werden um ca. 4,3 Grad steigen und die Jahreszeit 10 Prozent feuchter sein. Das ist vergleichbar mit dem heutigen Klima einer Stadt in den Abruzzen. 50 Grad werden wir hier aber nie erfahren.

Kann diese Entwicklung noch gestoppt werden? Wenn ja, wie?

Wir drehen das Klima definitiv nicht wieder in die Zeit vor der Industrialisierung zurück. Das Ziel, die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, haben wir aller Wahrscheinlichkeit nach verfehlt. Jeder weitere Anstieg muss unbedingt vermieden und die Auswirkungen reduziert werden. Dazu sollten erneuerbare Energien massiv und schnell ausgebaut, Verkehr elektrifiziert und reduzieren werden (vor allem das Fliegen), und vor allem die Ernährungsgewohnheiten umstellen. Gesunde Ernährung ist Klima und Naturschutz.

Was sagen Sie zu solchen Projekten wie dem Climate Sense?

50 Grad sind schon extrem. Um die Botschaft zu vermitteln, dass solche Temperaturen echte Belastungen sind, ja unter gewissen Bedingungen tödlich sein können, und wie Menschen diese erleben, ist das durchaus lehrreich. Insbesondere weil 50 Grad in Regionen zunehmen wird, die medizinisch dafür nicht ausgestattet sind. Das ist ein wichtiger Lerneffekt, der deutlich macht, was unser Lebensstil in diesen Regionen ausmacht.

Damit ist meine halbe Stunde im Lkw auch schon vorbei. Erneut wird meine Körpertemperatur gemessen: 37 Grad. „Wenn Sie viel schwitzen, kann ihr Körper die Temperatur gut regulieren“, erklärt Eva.

Endlich wieder draußen

Dann kann ich endlich den Brutzel- verlassen. „8 Grad haben sich noch nie so gut angefühlt“, denke ich mir draußen. Aber: Ich war nur eine halbe Stunde im Lkw. Und: Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass ich deutlich erschöpfter als sonst bin. 30 Minuten bei 50 Grad schaffe ich, länger könnte aber kritisch werden, lautet mein Fazit.

„Alle Teilnehmer sagen, es sei unmöglich, mit solchen Temperaturen zu leben“, sagt Eva. Daher würden sie fragen, wie sie selbst dazu beitragen können, die globale Erwärmung abzuschwächen. „Manche reagieren sogar sehr emotional. Sie fragen sich, wie sie oder ihre Kinder so leben sollen.“

Der macht am Donnerstag Halt in Beles und am Freitag in Villerupt. Plätze können auf infomaniak.events.fr gebucht werden. Doch auch Spontanbesuche sind, vorbehaltlich freier Plätze, möglich. Der Eintritt ist frei.

Verschwitzte Lokalpolitiker

Verschwitzte Lokalpolitiker Christian Weis, Bruno Cavaleiro und Meris Sehovic bei hitziger Diskussion im Rathaus

Verschwitzte Lokalpolitiker: Christian Weis, Bruno Cavaleiro und Meris Sehovic (v.l.) Foto: Editpress/Tun Stemper

Bürgermeister Christian Weis (CSV) und die Escher Schöffen Meris Sehovic („déi gréng“) und Bruno Cavaleiro (CSV) nahmen ebenfalls teil. Alle waren sich einig: Es war heiß im Lkw. „Ich bin tatsächlich etwas erschrocken“, sagte Weis. Seine Körpertemperatur sei in der halben Stunde von 35,9 auf 40,3 Grad Celsius gestiegen. „Die Temperatur der Alltagsgegenstände hat mir Sorgen bereitet“, sagte Cavaleiro. Vor allem für Eltern, die ihre Kinder mit der Flasche großziehen sei das schwer. „Die Feinmotorik hat bei mir gar nicht mehr funktioniert“, sagte Mehovic.

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