Editorial
Von Amöben im Atomkraftwerk: Gegen Cattenom hilft nur ein langer Atem
Cattenom vergiftet die Mosel im Kampf gegen eine hirnfressende Amöbe – ausgerechnet die Quelle, aus der Luxemburg bald trinken will. Der in die Jahre gekommene Meiler ist ein Symbol für alles, was in der Umweltpolitik schiefläuft. Höchste Zeit, ihn abzuschalten.
EDF darf in Cattenom künftig noch mehr Natrium, Chloride und Nitrate in die Mosel leiten Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Es gehört zu den Pointen der Luxemburger Geschichte, dass dieses Land die Abwesenheit eines Atomreaktors nicht der Weitsicht seiner Politik verdankt, sondern dem Eigensinn seiner Bürger. In den 1970er-Jahren sollte in Remerschen ein Atomkraftwerk entstehen. Energieminister Marcel Mart (DP) pries es als das größte Vorhaben seit dem Aufbau der Stahlindustrie. Gebaut wurde es nie und ihm blieb deshalb das Schicksal der Arbed erspart, sonst stünde Belval heute vielleicht an der Mosel.
Verhindert hat dieses Szenario eine Bewegung. Eine ihrer Schlüsselfiguren war Elisabeth Kox-Risch, deren 100. Geburtstag dieser Tage in Roeser begangen wurde. Sie gründete eine Bürgerinitiative, brach mit der CSV und organisierte den Protest. 1977 entzog ein Energiekongress der LSAP Mart die Unterstützung. Was als Spinnerei einiger Winzer begann, beendete das Prestigeprojekt eines Ministers. Die Lehre daraus ist unbequem für alle, die in der Klimakrise Veränderung von oben erwarten. Umweltschutz funktioniert von unten. Aber er braucht Geduld und harte Arbeit.
Diese Lehre sollte man sich heute in Erinnerung rufen. Die Gefahr ist nicht verschwunden, sie liegt ein paar Kilometer flussaufwärts. In Cattenom darf EDF künftig noch mehr Natrium, Chloride und Nitrate in die Mosel leiten. Der Grund ist von einer Ironie, die man sich nicht ausdenken könnte: Im Kühlsystem breitet sich die Amöbe Naegleria fowleri aus, im Volksmund die „hirnfressende Killeramöbe“. Gegen sie hilft mehr Chemie. Bei den Verantwortlichen der EDF, die Luxemburgs künftiges Trinkwasser für die Verlängerung eines Auslaufmodells opfern, scheint der Einzeller bereits ganze Arbeit geleistet zu haben.
Denn um Energiepolitik geht es hier kaum noch. Die französische Atomaufsicht hat dem Antrag zugestimmt, in dem die Nachbarländer mit keinem Wort vorkommen. Das Luxemburger Wasserwirtschaftsamt darf hinterher die Versäumnisse einsammeln, höflich, in Form von „Bedenken“. Währenddessen verlängert der Klimawandel die Dürreperioden, macht Wasser in Mitteleuropa zur knappen Ressource, und ausgerechnet die Quelle, aus der das Land bald trinken will, wird weiter vergiftet, damit ein Reaktor jenseits seines Zenits ein paar weitere Jahre rentabel bleibt. Also, wenn man denn die Milliarden ignoriert, mit denen der französische Staat seine Atommeiler seit Jahren subventioniert.
Cattenom ist für Luxemburg eine potenziell existenzielle Bedrohung, und genau deshalb eine Chance. Kaum ein Thema eignet sich besser für einen Schulterschluss der Zivilgesellschaften aus Frankreich, Deutschland und Luxemburg, kaum eines ist so mehrheitsfähig. Das war es schon zu Kox-Rischs Zeiten.
Wer gegen einen Konzern wie EDF antritt, braucht freilich genau das, was sie hatte: einen langen Atem. Erfolge stellen sich nicht über Nacht ein, sondern über Jahre, mitunter über Jahrzehnte. Doch ein Sieg an der Mosel würde weit über sie hinaus strahlen. Er wäre der Beweis, dass sich etwas bewegen lässt, wenn genug Menschen sich weigern, still zu bleiben. Kox-Risch hat es vorgemacht. Es wäre an der Zeit, ihr zu folgen.