Editorial
Aus den Augen, in die Alzette: Warum Esch den Fluss wieder sichtbar machen muss
Die große Neugestaltung der Alzettestraße liegt auf Eis. Doch unter dem ausgebesserten Belag warten weiterhin alte Leitungen und ungelöste Umweltprobleme.
Nicht jedes Rohr im Kanal schüttet Schmutzwasser in die Alzette, doch über ein paar falsch angeschlossene Leitungen gelangen noch immer Fäkalien in den Fluss Foto: Editpress/Alain Rischard
Eigentlich dürfte es im Kanal unter der Alzettestraße nicht nach Abwasser riechen. Beim Besuch der Tunnel spricht ein Mitarbeiter von Ablagerungen durch Fäkalien, die über falsch angeschlossene Leitungen in den Fluss gelangen können. Laut Wasserwirtschaftsamt wurden Fehlanschlüsse inzwischen weitestgehend behoben. Doch offenbar gibt es weiterhin Häuser, deren Schmutzwasser direkt in den Fluss unter der Fußgängerzone läuft. Die Geschichte der Alzettestraße ist inzwischen ein Sinnbild für eine Politik, die sichtbare Schäden überdeckt und die schwierigeren Fragen darunter vertagt.
Die Alzette wird in Esch seit mehr als 100 Jahren wie technische Infrastruktur behandelt. Sie wurde umgeleitet, kanalisiert und überdeckt, weil sie Platz beanspruchte, schlecht roch und der wachsenden Stadt im Weg stand. Ein Gewässer, das „Esch-sur-Alzette“ eigentlich prägen sollte, ist im Alltag der Bürger kaum vorhanden. Auch wenn sich der Umgang mit unseren Flussläufen langsam, aber sicher in Richtung Renaturierung bewegt, geht dieser Wandel noch immer nicht schnell genug. Bislang bekam der Fluss vor allem dort mehr Platz, wo die Umsetzung vergleichsweise einfach war.
Das vertagte Großprojekt
Dabei sah es im Oktober 2022 noch danach aus, als würde die Gemeinde die längste Fußgängerzone Luxemburgs vollständig neu gestalten. Bäume, Sitzbänke, Spielmöglichkeiten und mehr Aufenthaltsqualität waren vorgesehen. Die Stadtverwaltung wollte nicht nur den Belag erneuern, sondern auch die Leitungen. Der Baustart war für 2024 vorgesehen, die Fertigstellung für 2028. Doch daraus wurde nichts. Um den Aufschwung der Einkaufsstraße nicht durch eine jahrelange Baustelle zu gefährden, entschied der Schöffenrat unter dem damals neuen Bürgermeister Christian Weis (CSV), das Projekt auf Eis zu legen. Stattdessen hat die Gemeinde ein paar Monate später einzelne Stellen an der Oberfläche ausgebessert. Aus der umfassenden Erneuerung wurde also kosmetische Pflege.
Verantwortung trägt allerdings nicht nur die Politik. Putzwasser im Gully, Fett im Abfluss oder Feuchttücher in der Toilette verschwinden nicht einfach. Sie belasten Kanäle und Gewässer. Doch Eigenverantwortung setzt Wissen voraus. Die Stadt hat selbst dazu beigetragen, den Fluss aus dem Bewusstsein der Einwohner zu entfernen. Nun muss sie ihn wenigstens gedanklich wieder sichtbar machen.
Mehr Aufklärung im Alltag
Vielen dürfte nicht bewusst sein, dass die Straßengullys der Einkaufsstraße direkt in den Fluss führen. Markierungen auf den Gullydeckeln könnten dies anzeigen. Informationen entlang der Einkaufsstraße könnten den unterirdischen Verlauf erklären. Die Resultate der Wasseruntersuchungen müssten verständlich veröffentlicht werden. Fehlanschlüsse sollten noch aktiver gesucht und korrigiert werden. Nationale Initiativen wie „Wat leeft?“ oder städtische Aufklärungsflyer in den Briefkästen sind schon ein guter Anfang. Trotzdem werden die Bewohner im Alltag noch zu wenig mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert.
Der Fluss wurde vor mehr als 100 Jahren unter die Erde verbannt, weil er der wachsenden Stadt im Weg stand. Doch unter der Fußgängerzone fließt die Alzette weiter – und mit ihr alles, was an der Oberfläche achtlos entsorgt und politisch vertagt wird.