Umweltschutz

Kein Fluss in Luxemburg erreicht den von der EU geforderten guten Zustand

Die Alzette durchquert Luxemburg von Süden nach Norden. Ihr Zustand ist nach wie vor schlecht. Auch die Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie kommt kaum voran. Eine Suche nach den Gründen.

Alzette-Fluss bei Esch, menschlich gestaltete Ufer mit natürlicher und urbaner Landschaft im Wandel

Die Alzette wurde im Laufe der Zeit viel vom Menschen bearbeitet. Hier in der Nähe von Esch. Foto: Editpress/Claude Lenert

Sie entspringt in Frankreich, fließt über die Grenze, durchquert Esch und den „Gronn“ der Hauptstadt und streckt sich dann wie eine Wirbelsäule Richtung Norden. Erst in Ettelbrück, nach 73 Kilometern, mündet der Fluss in die Sauer. Die „Uelzecht“ fließt damit durch das Herz des Landes und wird von zahlreichen Bächen gespeist. Alle diese Gewässer haben eins gemeinsam: Ihre Qualität lässt zu wünschen übrig. Laut dem Wasserinformationssystem für Europa (WISE) ist Luxemburg beim Zustand der Gewässer sogar das Schlusslicht in der Europäischen Union (EU).

Die europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist seit dem 22. Dezember 2000 in Kraft. Sie sah eigentlich vor, dass alle Gewässer der EU-Staaten bis 2015 in einen guten, naturnahen Zustand versetzt werden sollten. In Luxemburg konnte dieses Ziel bei keinem einzigen Gewässer erreicht werden. Anne-Marie Reckinger ist stellvertretende Direktorin bei der „Administration de la gestion de l’eau“ (AGE). Im Gespräch mit dem Tageblatt sagt sie zur mangelhaften Umsetzung der EU-Vorgaben: „Das klingt einfach, ist jedoch komplex, da sehr viele verschiedene Parameter begutachtet werden. Sobald ein Parameter schlecht ist, gilt das auch für den Gesamtzustand.“ Reckinger zufolge werden einerseits ökologische Aspekte wie Flora und Fauna sowie die Durchgängigkeit des Fließgewässers untersucht. Andererseits wird die chemische Zusammensetzung von ober- und unterirdischen Gewässern analysiert.

„Beim Grundwasser wird die Qualität stark von Pflanzenschutzmitteln, also Pestiziden, beeinflusst. Hinzu kommt eine Belastung durch Nitrate.“ Dies sei größtenteils auf eine intensive Bewirtschaftung zurückzuführen, stehe aber nicht im direkten Zusammenhang mit der heutigen Landwirtschaft. Der Grund: Es dauert eine Weile, bis das Wasser durch den Boden gesickert ist. „Dies kann zwischen fünf und zehn Jahre dauern. Wenn man heute also Substanzen im Grundwasser findet, kann dies auf eine Nutzung vor zehn Jahren zurückgehen. Diese Zeitverzögerung gilt auch für Maßnahmen, die man ergreift“, sagt Reckinger.

Erheblich veränderter Wasserkörper

Die Alzette im Betonbett

Die Alzette im Betonbett Foto: Editpress/Claude Lenert

Seit der Gründung im Jahr 2004 arbeitet das Wasserwirtschaftsamt an der Umsetzung der WRRL. „Der Bau von Kläranlagen und die Verbesserung der Infrastruktur im Abwasserbereich spiegelt sich heute in der Wasserqualität wider. Dadurch haben wir noch keinen guten Zustand erreicht, aber die Entwicklung der einzelnen Parameter ist positiv. Das Gesamtbild ist also nicht gut, aber im Detail sieht man positive Entwicklungen“, sagt Reckinger. Sie hebt auf Nachfrage zwei Parameter hervor, die in Luxemburg eine besondere Herausforderung darstellen: Die Durchgängigkeit von Fließgewässern sowie die Belastung durch Pestizide.

„Ganz oft gibt es einen Stau, eine Art Mauer im Wasser, wodurch die Lebewesen sich nicht mehr weiterbewegen können“, erklärt Reckinger. Die Alzette ist an zahlreichen Stellen weit davon entfernt, als natürlicher Fluss wahrgenommen zu werden. Auch wenn sie an manchen Stellen, beispielsweise in Schifflingen, renaturiert wurde, verläuft die „Uelzecht“ vor allem in Esch lange Strecken unterirdisch oder in einem Betonbett. Dies führt Reckinger zufolge dazu, dass der Fluss unter der „Uelzechtstrooss“ als erheblich veränderter Wasserkörper (HMWB) ausgewiesen wird. Die Alzette muss an dieser Stelle also nicht einmal mehr eine gute physikalische Beschaffenheit aufweisen.

Am 5. Januar berichtete das Tageblatt über den schlechten Zustand der „Kälbaach“, die im Süden des Landes in die Alzette mündet. Laut Wasserwirtschaftsamt deuten dort sämtliche Abwasserparameter auf eine „nicht optimale Situation hin“. Auch wenn Abwassereinträge in der französischen Gemeinde Ottange verortet werden können, ist der Bach in Luxemburg zusätzlich durch Pestizide und weitere Giftstoffe belastet, darunter polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und polychlorierte Biphenyle (PCB).

Wenn Fortschritt bremst

Anne-Marie Reckinger erklärt, dass mit dem Fortschreiten der Messmethoden heutzutage mehr Substanzen erfasst werden können. Dies erschwert letztlich die Umsetzung der WRRL: „Wir messen heute Substanzen, die früher gar nicht erfasst werden konnten. Es wird also nicht alles unbedingt schlechter, wir erkennen die Substanzen auch besser.“ Zusätzlich werde die Liste der zu prüfenden Chemikalien von der EU-Kommission angepasst und erweitert. Dies mache Vergleiche schwieriger, sagt Reckinger.

All dies erklärt noch nicht, warum Luxemburg bei der Gewässerqualität selbst im internationalen Vergleich schlechte Resultate aufweist. Anne-Marie Reckinger verweist diesbezüglich auf die besondere geografische und demografische Lage: „Wir haben kleine Bäche mit wenig Wasser. Dadurch hat selbst eine geringe Verschmutzung einen größeren Impakt.“ Gleichzeitig ist das wenig verfügbare Land einem hohen Siedlungsdruck ausgesetzt. Die Flächen, die für die Renaturierung oder für Hochwasserschutzmaßnahmen gebraucht werden, konkurrieren also mit der Nachfrage nach Bauland. Durch die wachsende Bevölkerung und die zunehmende Grenzarbeit steigen wiederum der Wasserverbrauch und die Abwassermengen. „Die Abwasserentsorgung hat einen Impakt auf die Qualität von Gewässern. Wir müssen unser Abwassersystem daher so dimensionieren, dass der Nutzlast Rechnung getragen wird“, erklärt Reckinger.

Der hohe Siedlungsdruck spiegelt sich demnach in den Werten der Alzette wider: „Man sieht, dass sie im Süden stärker belastet ist als im Norden“, sagt Reckinger, „man sieht aber auch eine positive Entwicklung durch die Verbesserung der Abwasserinfrastruktur.“ Fehlanschlüsse, die in der Vergangenheit unbehandeltes Abwasser in die Alzette leiteten, wurden weitestgehend behoben. Dennoch landen laut Reckinger immer noch zu viele Schadstoffe durch unsachgemäße Entsorgung im Abwasser. Der Bau von komplexen Kläranlagen ist hingegen kostspielig. Allein für die Erweiterung der Kläranlage Beggen sind 300 Millionen Euro vorgesehen.

Bislang konnte Luxemburg von Ausnahmeregelungen profitieren und die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie hinauszögern. Die letzte Fristverschiebung ist bis 2027 möglich. Spätestens danach drohen Sanktionen von der EU-Kommission.

Über die richtige Entsorgung

Die Gewässer werden immer noch am besten dadurch geschützt, dass schädliche und unerwünschte Substanzen gar nicht erst in den Wasserkreislauf gelangen. Die stellvertretende Direktorin des Wasserwirtschaftamts Anne-Marie Reckinger empfiehlt daher, nicht alles über die Toilette oder den Abfluss zu entsorgen. Farben, Speisefette, Feuchttücher und Medikamente (dazu zählt auch Hustensaft) sollten niemals einfach heruntergespült, sondern stattdessen fachgerecht entsorgt werden.

2 Kommentare
Nomi 16.01.202614:02 Uhr

Wann een Naischt ennerhellt, kann et net besser ginn.

Et geht un mat dem Inventar vun den den Zo'uleef durch Rei'er .

JJ 16.01.202609:13 Uhr

Gülle,Gülle und Gülle um nur drei zu nennen. Dann Sekunden schnelle Entwässerung von Autobahnen,Straßen,Parkflächen usw. in die Bäche und Flüsse.Keine reinigenden Wasserpflanzen mehr in den Flüssen. Und Niedrigwasser bei hohen Temperaturen über lange Zeit. Gründe noch und nöcher.

Nomi antwortete am 16.01.202614:05 Uhr

Den Guelleproblem besteht jo nemmen seit mer all Beischten dat ganzt Johr an Stall sto'hen hun, an di Guelle an der Zettaer gesammelt gett.

Wann dei' Beischten asserhalb der Wanterperiod, ob den Wissen hir Beduerfnisser mol hei, mol do erleedegen geifen wir daat keen Problem mei' !

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