Editorial
Warum die UEFA jetzt nicht mehr einknicken darf
Wenn es um die FIFA und Gianni Infantino geht, muss man stets auf Absurditäten gefasst sein. Die neuesten Ideen bilden da keine Ausnahme.
Gianni Infantino will weiterhin im Goldregen stehen Foto: Tom Weller/dpa
Gianni Infantino reicht XXL schon lange nicht mehr. Seit Jahren prägen Größenwahn, Geldgier und Skrupellosigkeit die Amtszeit des FIFA-Präsidenten, mit gefährlichen Folgen für den Sport. Die neueste Idee aus dem internationalen Hause des Fußballs: Das Kronjuwel des Weltfußballs „verscherbeln“ (spiegel.de), indem man 20 bis 30 Prozent der Anteile der WM an private Investoren verkauft. Der Mehrheitseigentümer wäre weiterhin der Weltverband, doch Unternehmen könnten sich ihre Rechte und ihr Mitspracherecht kommerziell sichern.
Als wäre die Idee einer teilprivatisierten Weltmeisterschaft nicht schon abscheulich genug, geht es dabei (natürlich) um Eigeninteressen. Die Times, der Telegraph und die Financial Times berichteten am Dienstag darüber, dass die Gründung eines Tochterunternehmens, der FIFA Forward Enterprise (FFE), geplant ist. Und da Infantinos Herrscherzeiten spätestens 2031 ein offizielles Ende nehmen, soll der Schweizer dann die Geschäftsführung übernehmen.
Europas Verband UEFA zeigte den Verkaufsplänen glücklicherweise sofort die Rote Karte. Die UEFA leitete am Donnerstag einen echten Konterangriff ein: Die Gerüchte um einen Boykott sämtlicher FIFA-Turniere wurden zur Realität – „es sei denn, dieser Vorschlag wird vollständig verworfen und es werden verbindliche Zusicherungen gegeben, dass die FIFA ihre Führungsstrukturen oder Wettbewerbe niemals wieder für private Eigentümer öffnen wird.“
Die klare Kante der UEFA ist in dieser Form neu und dringend notwendig zugleich. Bislang blieb es nämlich in fragwürdigen Momenten bei Worten: Der internationale Aufschrei war groß, als sich der amerikanische Präsident in Schiedsrichter-Entscheidungen einmischte. Die moralischen Appelle in allen Ehren, eingesetzt werden durfte der Fußballer letztlich doch.
Die interessantere Frage war bislang allerdings, wer sich in vier Jahren tatsächlich querstellen würde. Wo das große Geld lockte, verloren Prinzipien allzu oft an Bedeutung. Diese Boykottdrohung ist mehr als ein Druckmittel, sie ist vor allem ein Signal an Infantino.
Das Fußballgeschäft wird der FIFA auch ohne WM-Anteilsverkäufe Milliarden einbringen. Es gibt keine wirtschaftliche Notlage, die rechtfertigen würde, den letzten Funken der Seele dieses Turniers zu verkaufen. Die UEFA hat den ersten Schritt gemacht und entschlossen reagiert. Entscheidend wird aber sein, ob im Ernstfall tatsächlich kollektiv auf eine WM-Teilnahme verzichtet wird. Erst dann wird sich zeigen, wie ernst es diesen Fußballverbänden mit Werten wirklich ist.
Sollten die Europäer jetzt noch einknicken und Infantino am Ende gewähren lassen, wäre das wohl der endgültige Beweis, dass sich im Weltfußball alles kaufen lässt.