Hommage

Mit dem Tod von Pe’l Schlechter geht ein Stück Luxemburg verloren

Mit Pe’l Schlechter verliert Luxemburg einen Künstler, der über Jahrzehnte hinweg das Bild des Landes, seine Sprache und seinen Humor mitgeprägt hat. Noch zu seinem 105. Geburtstag hatte das Tageblatt ihn im Altenheim besucht. Es war ein Gespräch mit einem hellwachen, schlagfertigen und erstaunlich lebensfrohen Mann. Wenige Monate später ist diese Stimme nun verstummt.

Die Luxemburger Literatur- und Kulturwelt trauert: Pe’l Schlechter ist im Alter von 105 Jahren verstorben

Die Luxemburger Literatur- und Kulturwelt trauert: Pe’l Schlechter ist im Alter von 105 Jahren verstorben Foto: Editpress/Julien Garroy

Pe’l Schlechter gehörte zu jener Generation Luxemburger Künstler, deren Werk sich nicht auf ein einziges Gebiet festlegen lässt: Er war Zeichner, Grafiker, Illustrator, Autor, Satiriker und einer der Pioniere des Luxemburger Comics. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vor allem durch seine gezeichneten Geschichten bekannt, darunter „De Bim an de Jopi“. Später entstanden zahlreiche Comicserien für die Revue, aber auch Arbeiten für das Lëtzebuerger Land, Nos Cahiers und Warte / Perspectives.

Ein Leben zwischen Zeichenstift und Erinnerung

Seine Handschrift prägte darüber hinaus das visuelle Erscheinungsbild des Landes. Über Jahrzehnte entwarf Schlechter Plakate für die Loterie Nationale und die Foire, gestaltete Buchumschläge, Illustrationen, Logos und Briefmarken. Besonders seine Plakate für die „Société des Foires internationales de Luxembourg“ wurden Teil des kollektiven Bildgedächtnisses. Ab 1972 war er künstlerischer Leiter der „Foires internationales“ und blieb dort bis zu seiner Pensionierung 1986 tätig.

Pe‘l Schlechter war ein begeisterter Erzähler

Pe‘l Schlechter war ein begeisterter Erzähler Foto: Editpress/Julien Garroy

Der Zeichenstift war für Schlechter jedoch nie nur ein Instrument der Gestaltung. Er war eine Möglichkeit, die Welt zu beobachten und sie zugleich mit einem Augenzwinkern zu kommentieren. Humor und Ironie verbanden sich mit einer ausgeprägten Aufmerksamkeit für die luxemburgische Sprache und die kleinen Eigenheiten des gesellschaftlichen Alltags. Seine Arbeiten konnten pointiert sein, ohne verbittert zu wirken. Diese Verbindung von Beobachtungsgabe, Witz und Menschenkenntnis machte seine Kunst unverwechselbar.

Auch als Schriftsteller fand Schlechter spät noch einmal zu einer neuen Ausdrucksform. Besonders eindrucksvoll war „De Pol muss an de Krich“ (2012, Éditions Guy Binsfeld), in dem er seine Erfahrungen als Zwangsrekrutierter während des Zweiten Weltkriegs festhielt. Der junge Pe’l war in die Wehrmacht eingezogen worden, floh später und hielt sich in den Niederlanden verborgen. Für dieses autobiografisch geprägte Werk erhielt er 2013, im Alter von 92 Jahren, den „Lëtzebuerger Buchpräis“.

Darin liegt eine Besonderheit seines Lebenswerks: Schlechter war nicht nur Künstler, sondern auch Zeuge. Er konnte aus eigener Erfahrung über ein Luxemburg schreiben, das inzwischen Geschichte geworden ist.

Die Sprache als Heimat

Seine Beziehung zur luxemburgischen Sprache ging weit über eine bloße Vorliebe hinaus. Luxemburgisch war für Schlechter Teil seiner Identität und zugleich ein lebendiges Material, mit dem er spielte, das er formte und immer wieder neu entdeckte.

Das zeigte sich noch unmittelbar vor seinem Tod. Im Frühjahr 2026, anlässlich seines 105. Geburtstags, besuchte ihn das Tageblatt im Altenheim. Das Gespräch vermittelte das Bild eines Mannes, der trotz seines hohen Alters seine geistige Beweglichkeit, seinen Humor und seine Lust am Erzählen bewahrt hatte.

Das Tageblatt besuchte Pe‘l Schlechter im Konviktsgaart: Franck Colotte (l.) im Gespräch mit dem Autor (r.) 

Das Tageblatt besuchte Pe’l Schlechter im „Konviktsgaart“: Franck Colotte (l.) im Gespräch mit dem Autor (r.) Foto: Editpress/Julien Garroy

Bemerkenswert war, dass Schlechter auch mit 105 Jahren keineswegs mit seiner künstlerischen Arbeit abgeschlossen hatte. Noch wenige Monate zuvor war „Fabelen vum Jean de la Fontaine, nei verzielt vum Pe’l Schlechter“ (2025, Éditions Guy Binsfeld) erschienen, eine Übertragung und Neubearbeitung von Fabeln La Fontaines ins Luxemburgische. Die alten Geschichten wurden bei ihm zu neuem Sprachmaterial.

CNL-Direktorin Nathalie Jacoby: „Pe’l Schlechter hat Pionierarbeit geleistet“

Blickt auf das Werk von Pe‘l Schlechter und persönliche Erinnerungen zurück: Nathalie Jacoby, Direktorin des Centre national de littérature (CNL)

Blickt auf das Werk von Pe’l Schlechter und persönliche Erinnerungen zurück: Nathalie Jacoby, Direktorin des „Centre national de littérature“ (CNL) Foto: Editpress/Alain Rischard

„Pe’l Schlechter hat nicht nur im Bereich der Grafik Pionierarbeit geleistet, sondern mit seiner Bildergeschichte ‚De Bim an de Jopi‘ Ende der 1940er Jahre auch den Weg für den luxemburgischen Comic geebnet – man könnte sagen, er hat den Weg ,vorgezeichnet‘“, kommentiert Nathalie Jacoby, Direktorin des „Centre national de littérature“ (CNL) Pe’l Schlechters Erbe. Für das CNL sei er „natürlich auch literarisch bedeutsam“: „Seine Leidenschaft für Literatur erkennt man nicht nur an seinen vielen Buchillustrationen Luxemburger Klassiker, sondern auch an seinen eigenen Texten.“ Sprachlich sei es ihm gelungen, Tradition mit Modernität zu verknüpfen und dabei das Lokalkolorit der Stadt Luxemburg zu erhalten. „Mir persönlich bleibt das Gespräch in Erinnerung, das ich 2024 kurz vor den Walfer Bicherdeeg bei der Vorstellung der Shortlist des Lëtzebuerger Buchpräis [Schlechter war nominiert, d. R.] mit ihm geführt habe“, erinnert sich Jacoby. „Seine Antworten und seine Lesung waren voller Humor, Intelligenz und Charme.“

Schon zuvor hatte er mit „Einfach esou. E Grapp erfonnte Geschichten“ (2023, Éditions Guy Binsfeld) gezeigt, wie eng Erinnerung, Erfindung und Sprache bei ihm miteinander verbunden waren. Die Sammlung bringt Alltagserlebnisse, Fantasie, Ironie und Erinnerungen an ein früheres Luxemburg zusammen. Darin befindet sich auch „De Siggi an d’Melusina“, eine Geschichte, die die Luxemburger Melusina-Sage aufgreift und mit einem besonderen Reimschema arbeitet.

Melusina ist dabei mehr als eine folkloristische Anspielung. Sie verweist auf jene kulturelle Welt, in der Geschichte, Legende, Sprache und lokales Gedächtnis ineinandergreifen. Schlechter gehörte selbst zu dieser Welt – und war zugleich einer ihrer schärfsten Beobachter. Er bewahrte sie nicht einfach auf, sondern belebte sie durch Zeichnung, Erzählung und Humor immer wieder neu.

Ein Teil Luxemburgs

Vielleicht lässt sich deshalb kaum eine treffendere Beschreibung für ihn finden als: Pe’l Schlechter war ein Stück Luxemburgs. Nicht im pathetischen Sinne eines nationalen Symbols, sondern ganz konkret. Seine Bilder, Texte, Plakate, Figuren und seine Sprache haben sich in das kulturelle Gedächtnis des Landes eingeschrieben. Wer durch Luxemburg ging, konnte seinen Arbeiten begegnen, ohne immer zu wissen, dass sie von ihm stammten.

Im April dieses Jahres hatte die Stadt Luxemburg anlässlich seines 105. Geburtstags eine Ausstellung zu seinem Werk im „Konviktsgaart“ eröffnet. Dort verbrachte Schlechter seine letzten Jahre. Bei der Vernissage sprach er noch selbst über seinen künstlerischen Weg und seine Arbeiten.

Was bleibt, ist Schlechters außergewöhnlich langes und vielfältiges Werk – und seine bestimmte Art, Luxemburg anzusehen: mit Neugier, Ironie, Zuneigung und dem sicheren Gespür dafür, dass sich hinter einer scheinbar alltäglichen Szene oft eine ganze Geschichte verbirgt. Eine Arbeit, die geschätzt wurde: Sowohl die hauptstädtische Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) als auch Kulturminister Eric Thill (DP) reagierten öffentlich auf Schlechters Tod und zollten ihm Respekt.

Nun bleibt der Zeichenstift unberührt. Aber die Bilder, Geschichten und Wörter, die Pe’l Schlechter hinterlassen hat, werden weitererzählt.

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