Zum Geburtstag

Pionier des Luxemburger Comics, Autor und Zwangsrekrutierter: Pe’l Schlechter wird heute 105

Pe‘l Schlechter feiert am 20. April seinen 105. Geburtstag und bleibt eine seltene Erscheinung: ein vielseitiger Künstler und Zeuge einer bewegten Geschichte. Hommage an sein außergewöhnliches Werk und an einen Lebensweg, die sich über mehr als ein Jahrhundert luxemburgischer Geschichte erstrecken.

Zählt zu Luxemburgs ältesten Autor*innen: Pe’l Schlechter, hier beim Tageblatt-Interview im Altenheim

Zählt zu Luxemburgs ältesten Autoren: Pe’l Schlechter, hier beim Tageblatt-Interview im Altenheim Foto: Editpress/Julien Garroy

Tief in der nationalen Sprache und Kultur verwurzelt, verbindet Pe’l Schlechters Werk Erinnerung, Humor und Klarheit des Blicks. Von „De Pol muss an de Krich“, 2013 mit dem Lëtzebuerger Buchpräis ausgezeichnet, bis zu seinen jüngsten Veröffentlichungen „Reimereien“ und „Fabelen“ hat er seinen Blick auf die Welt mit bemerkenswerter Vitalität immer wieder erneuert. An der Schnittstelle zwischen dem Persönlichen und dem Kollektiven erweist er sich als ein wesentlicher Vermittler des luxemburgischen Gedächtnisses. Das Tageblatt traf den inzwischen über Hundertjährigen kurz vor seinem Geburtstag in seinem Altenheim – ein bereicherndes, anregendes Treffen mit einem schlagfertigen und lebhaften Mann.

Ein Werk zwischen Erinnerung und Ironie

Das Werk von Pe’l Schlechter gründet zunächst in einer Notwendigkeit: zu sagen, zu überliefern, festzuhalten, was die Zeit auszulöschen droht. Geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, insbesondere durch Zwangsrekrutierung und Leben im Versteck (es mangelt übrigens nicht an Anekdoten, wenn man ihn darauf anspricht, insbesondere nicht an jenen, als er im besetzten Straßburg beinahe von deutschen Soldaten verhaftet worden wäre, weil er auf Französisch „Bonsoir, Madame!“ gesagt hatte), verwandelt er diese biografische Substanz in eine zugleich nüchterne und distanzierte Schreibweise. Diese prägende Erfahrung durchzieht dauerhaft seine Vorstellungswelt und strukturiert einen großen Teil seines erzählerischen Schaffens. Bei ihm ist Erinnerung niemals Klage, sondern Rekonstruktion, oft durchzogen von einer heilsamen Ironie. Diese Verbindung von Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit gehört zu den markantesten stilistischen Merkmalen seines Werks. „Ich sehe mich eher als Zeuge denn als Erzähler jener Zeit des Terrors, des Drucks und der Unterdrückung“, erklärt er.

In diesem Zusammenhang tritt „De Pol muss an de Krich“ besonders hervor, zweifellos sein bedeutendstes Werk. Der 2012 erschienene Text zeichnet den Weg eines jungen Luxemburgers nach, der mit der absurden Gewalt des Krieges konfrontiert wird. Fern jeder pathetischen Überhöhung bevorzugt Schlechter eine präzise, beinahe zurückhaltende Erzählweise, in der ein feiner Humor als Gegenpol zur Schwere des Themas wirkt. Die Wahl der luxemburgischen Sprache verstärkt die Authentizität des Zeugnisses und trägt zugleich zu einem Prozess kultureller Aufwertung bei. Diese Spannung zwischen Tragik und Leichtigkeit verleiht dem Text eine besondere Tiefe.

Doch über das historische Zeugnis hinaus stellt dieses Buch eine universelle Frage: Wie kann man sich selbst treu bleiben in einer Welt, die ins Wanken gerät? Schlechter gibt keine endgültige Antwort, sondern bietet eine Form des Widerstands durch das Schreiben, in der sich Klarheit des Blicks mit beständiger Menschlichkeit verbindet. So erweist er sich als ein wahrer „Zeuge-Schriftsteller“, zugleich Träger einer individuellen Erinnerung und Vermittler eines kollektiven Gedächtnisses. Sein Werk wird damit zu einem Raum der Vermittlung zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Erinnerung.

Ungebrochene Kreativität

Was bei Pe’l Schlechter beeindruckt, ist die Kontinuität seiner Stimme, aber auch seine Fähigkeit zur Erneuerung. Weit davon entfernt, sich im Status eines Erinnerungsautors zu erschöpfen, setzt er in seinen jüngsten Werken die Erkundung von Formen und Ausdrucksweisen fort. Diese späte Schaffenskraft zeugt von einem lebendigen Verhältnis zur Kunst, die zugleich als Spiel und als Reflexion verstanden wird.

Mit „Reimereien“ (2024) kehrt er zu einer spielerischeren, scheinbar fast kindlichen Schreibweise zurück, die jedoch eine große Meisterschaft im Umgang mit Rhythmus und Sprache offenbart. Diese kurzen, häufig gereimten Texte zeugen von einer ungebrochenen Freude am Spiel mit den Wörtern, an ihren Klängen und Möglichkeiten. Zugleich findet sich darin eine metapoetische Dimension, in der das Schreiben selbst zum Gegenstand der Reflexion und des Vergnügens wird. Hinter dieser formalen Leichtigkeit tritt jedoch eine tiefere Auseinandersetzung mit der Zeit hervor, mit dem Blick auf die Welt und der Fähigkeit, sich trotz der Jahre noch zu wundern. Auch wenn sein hohes Alter es ihm nicht mehr erlaubt, schätzt Pe’l Schlechter das Schreiben von Hand nach wie vor sehr. „Ich betrachte eine geschriebene Seite mit dem Blick des Grafikers, alles muss gut angeordnet sein“, sagt er.

In „Fabelen“ (2025) knüpft Schlechter an eine alte Tradition an, die der Fabel, und entwickelt daraus eine ganz eigene, persönliche Variante. Die Tiere werden zu Spiegeln menschlichen Verhaltens, in einer zugleich moralischen und subtil kritischen Perspektive. Durch diesen allegorischen Umweg führt er eine ethische Reflexion fort, die bereits in seinen früheren Werken angelegt ist, und macht sie zugleich universeller und zugänglicher. Auch hier liegt die Stärke in der Ökonomie der Mittel: In wenigen Zeilen entwirft er Situationen, die zum Nachdenken anregen, ohne je belehrend zu wirken.

Humor als wichtige Zutat

Diese beiden jüngeren Werke bestätigen eine Konstante: Bei Schlechter bleibt das Schreiben ein lebendiger Akt, ein Raum der Freiheit, in dem sich Humor, Weisheit und ein scharfer Blick auf die Gesellschaft kreuzen. „Erinnerung und Humor sind für mich wie das Salz in der Suppe“, meint Pe’l Schelchter mit einem Hauch von Humor. Sie zeugen ebenfalls von einer tiefen Verbundenheit mit der luxemburgischen Sprache als Medium literarischen und identitären Ausdrucks. „Die luxemburgische Sprache war für meine Familie und mich immer wichtig“, präzisiert der Hundertjährige, welcher der Meerjungfrau Melusina eng verbunden ist. Jedes Mal, wenn er sein Zimmer betritt, begrüßt ihn das Plakat mit Melusina, das er selbst vor 70 Jahren gestaltete. Zugleich zeigen seine Werke, dass auch im hohen Alter das Schaffen ein Feld des Experimentierens und der Erneuerung bleiben kann.

Ich sehe mich eher als Zeuge denn als Erzähler jener Zeit des Terrors, des Drucks und der Unterdrückung

Pe‘l Schlechter

Luxemburger Autor

Pe’l Schlechter erweist sich damit als eine zentrale Figur der zeitgenössischen luxemburgischen Literatur – nicht nur aufgrund der Vielfalt seines Werks, sondern auch aufgrund der Geschlossenheit seines Ansatzes. Von der Erinnerung an den Krieg bis zur Leichtigkeit poetischer und fabulistischer Formen hat er die vielfältigen Dimensionen menschlicher Erfahrung ausgelotet.

Durch seinen Lebensweg und sein Werk verkörpert er eine seltene kulturelle Kontinuität, die Generationen miteinander verbindet und zur Herausbildung einer nationalen literarischen Identität beiträgt. In seinen Büchern erzählt sich ein ganzes Jahrhundert – mit Zurückhaltung, Humor und einer tiefen Treue zur Sprache und zum Leben. Pe’l Schlechter ist nicht nur ein Schriftsteller, sondern ein Vermittler von Erinnerung, ein Gestalter der luxemburgischen Sprache und ein ironischer Beobachter der Welt, dessen Werk zwischen Zeugnis, Humor und kultureller Weitergabe oszilliert.

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