Atomkraft

Eine Straße für den Widerstand: Wie das Erbe von Elisabeth Kox-Risch bis heute nachwirkt

Eine Großmutter, die mit der Faust auf den Tisch schlug, als Frauen noch schweigen sollten. Zum 100. Geburtstag von Elisabeth Kox-Risch erinnert die Gemeinde Roeser an eine Frau, die Luxemburgs Umweltbewegung mitprägte und Generationen inspirierte.

Familie, Weggefährten und Politiker erinnern gemeinsam an das mutige Vermächtnis einer Frau gegen den Strom zu schwimmen

Gemeinsam erinnerten Familie, Weggefährten, Politiker und Bürger an das Vermächtnis einer Frau, die den Mut hatte, gegen den Strom zu schwimmen Foto: Carole Theisen

„Straßennamen erzählen Geschichte“, sagt Roesers Schöffin Bettina Ballmann (LSAP). Sie verraten, wer erinnert wird – und wer oft vergessen bleibt. „Lange waren es vor allem Männer, die auf Schildern im öffentlichen Raum verewigt wurden. Heute geht es darum, auch Frauen die Sichtbarkeit zu geben, die sie verdienen“, sagt Ballmann. Elisabeth Kox-Risch gehört zweifellos dazu.

Straßenschild "rue Elisabeth Kox-Risch" als Zeichen gegen das Vergessen der Politikerin und Frauenrechtlerin

Ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen: Die neue rue Elisabeth Kox-Risch erinnert künftig an die Politikerin, Frauenrechtlerin und Anti-Atomkraft-Aktivistin Foto: Carole Theisen

Rund 60 Menschen sind am vergangenen Mittwochabend nach Roeser gekommen, um an Elisabeth Kox-Risch zu erinnern – Politikerin, Winzerin, Mutter von elf Kindern, Umweltaktivistin und eine der prägendsten Figuren der Anti-Atomkraft-Bewegung in Luxemburg. Zum 100. Geburtstag der 1999 verstorbenen Remicherin wird in Peppingen offiziell die rue Elisabeth Kox-Risch eingeweiht. Anschließend widmet sich eine Konferenz ihrem Leben, ihrem politischen Vermächtnis und dem Widerstand gegen die Atomkraft.

Du warst laut in einer Zeit, in der Frauen still sein sollten

Chantal Gary

über ihre Großmutter Elisabeth Kox-Risch

Den emotionalsten Moment des Abends liefert wohl ihre Enkelin Chantal Gary. Statt politischer Chronologie zeichnet sie das Bild einer Großmutter: eines Hauses voller Kinder, knarrender Treppen, Obst aus dem Garten und eines Esstisches, an dem immer Platz war.

Doch aus den Erinnerungen spricht zugleich die politische Persönlichkeit hervor. „Du hast mit der Faust auf den Tisch geschlagen in einer Zeit, in der das für Frauen nicht vorgesehen war“, sagt Gary. „Du hast Verantwortung übernommen, bist für deine Überzeugungen eingestanden und hast Frauen stark gemacht.“ Diese Haltung sollte später Geschichte schreiben.

Elisabeth Kox-Risch spricht bei einer Kundgebung vor Publikum mit Transparenten und Mikrofon

Elisabeth Kox-Risch bei einer Kundgebung Foto: Commune de Roeser

Als Anfang der 1970er-Jahre Pläne für den Bau eines Atomkraftwerks in Remerschen bekannt wurden, gehörte Elisabeth Kox-Risch zu den Ersten, die Widerstand organisierten. Die damalige CSV-Politikerin gründete die „Biergerinitiativ Museldall“, verließ später ihre Partei und wurde zu einer Schlüsselfigur der entstehenden Umweltbewegung.

Der Historiker Sacha Pulli erinnert in diesem Sinne daran, dass das geplante Kraftwerk damals als Zukunftsprojekt galt. Der damalige Energieminister Marcel Mart (DP) sprach sogar vom größten Vorhaben seit dem Aufbau der Stahlindustrie. Luxemburg suchte nach Wegen, seine Energieversorgung langfristig abzusichern.

Sacha Pulli bei Gedenkfeier zum Widerstand gegen Atomkraftwerk Remerschen mit Elisabeth Kox-Risch im Fokus

Sacha Pulli erinnerte an den Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Remerschen und die zentrale Rolle, die Elisabeth Kox-Risch dabei spielte Foto: Carole Theisen

Doch gleichzeitig entstanden europaweit neue gesellschaftliche Bewegungen: Frauenbewegung, Friedensbewegung, Umweltbewegung. „Elisabeth Kox-Risch hat sehr früh verstanden, welche Risiken mit der Atomenergie verbunden sind“, sagt Pulli. Sie habe Menschen informiert, Versammlungen organisiert und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammengebracht. Winzer, Wissenschaftler, Bürgermeister und Aktivisten fanden in der Anti-Atomkraft-Bewegung einen gemeinsamen Nenner.

Kein selbstverständlicher Erfolg

1977 entschied sich ein LSAP-Energiekongress nach stundenlangen Debatten überraschend für ein Moratorium. Das Projekt Remerschen verlor seinen politischen Rückhalt. Für viele gilt dieser Moment bis heute als Wendepunkt.

Aufgeben war keine Option

Chantal Gary

über die Haltung ihrer Großmutter

Dass der Widerstand nicht mit Remerschen endete, macht der ehemalige Roeser Schöffe Raymond Becker deutlich. In einer leidenschaftlichen Rede spannt er den Bogen von den Protesten gegen Cattenom bis zu den heutigen Debatten über die Zukunft der Atomenergie.

Raymond Becker spricht leidenschaftlich über Anti-Atom-Proteste der 1970er und aktuelle Cattenom-Debatten

Mit viel Leidenschaft schlug Raymond Becker den Bogen von den Anti-Atom-Protesten der 1970er-Jahre bis zu den aktuellen Debatten rund um Cattenom Foto: Carole Theisen

Roeser gehörte gemeinsam mit Düdelingen zu den ersten Gemeinden Luxemburgs, die sich offen gegen die Atomkraft positionierten. Becker erinnert an Demonstrationen, Gerichtsverfahren und politische Kämpfe, die sich über Jahrzehnte hinzogen.

Besonders eindringlich schildert er die Auswirkungen der Katastrophen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima auf die öffentliche Wahrnehmung. Die Vorstellung, Atomkraft sei eine beherrschbare Technologie, habe dadurch tiefe Risse bekommen. Für Becker bleibt das Engagement von Elisabeth Kox-Risch deshalb hochaktuell. Ihr Kampf sei nicht nur ein Kapitel der Geschichte, sondern ein Auftrag für die Gegenwart.

Auch Bürgermeister Tom Jungen (LSAP) greift diesen Gedanken auf. Die Verbindung zwischen Kox-Risch und der Gemeinde Roeser sei auf den ersten Blick nicht offensichtlich, sagt er. Auf den zweiten Blick jedoch sehr wohl.

Beide stünden für zivilgesellschaftliches Engagement und für die Überzeugung, dass politische Veränderungen nicht allein in Parlamenten entstehen. „Wenn es Menschen wie Elisabeth Kox-Risch nicht gegeben hätte, die an ihre Sache geglaubt haben, wäre vieles in Europa und auch in Luxemburg anders verlaufen“, sagt Jungen.

Gedenkveranstaltung in Roeser mit rund 60 Gästen, die gemeinsam an das Ereignis erinnern und Zusammenhalt zeigen

Rund 60 Gäste nahmen an der Gedenkveranstaltung in Roeser teil Foto: Carole Theisen

So wurde die Gedenkfeier am Ende weit mehr als ein Rückblick auf eine außergewöhnliche Biografie. Sie wurde zu einer Erinnerung daran, dass gesellschaftlicher Wandel oft dort beginnt, wo Menschen sich weigern, still zu bleiben.

Hundert Jahre nach ihrer Geburt trägt Elisabeth Kox-Risch nun einen Straßennamen in Peppingen. Ihr eigentliches Vermächtnis aber lässt sich nicht auf einem Schild festhalten. Es lebt in einer Haltung weiter: Fragen stellen. Widersprechen. Verantwortung übernehmen. Und den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, wenn man überzeugt ist, dass der Weg in die falsche Richtung führt.

Eine Straße für den Widerstand: Wie das Erbe von Elisabeth Kox-Risch bis heute nachwirkt
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© Foto: Carole Theisen

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