Natur
Wölfe kehren nach Luxemburg zurück
Seit einigen Jahren kehren die Wölfe nach Mittel- und Westeuropa zurück. Mehr und mehr finden sie ihren Weg auch nach Luxemburg. Während man früher versucht hat, sie auszurotten, werden sie heute geschützt. Doch nicht überall sind sie willkommen.
Wölfe verfügen über ein hervorragendes Hör- und Sehvermögen Foto: Editpress/Isabella Finzi
Um kaum ein anderes Tier ranken sich in Europa so viele Mythen und Sagen wie um den Wolf. Da sind Geri und Freki, die beiden Wölfe, die Odin begleiten und in Walhalla speisen dürfen. Da ist der Fenriswolf, der Tyr die Hand abgebissen hat und der während der Götterdämmerung Odin verschlingen wird. Da ist der bösartige Isegrim, der in Fabeln für den feudalen Baron steht, und natürlich der böse Wolf aus der Märchensammlung der Gebrüder Grimm, der Rotkäppchens Großmutter verschlang. Damit haben Wölfe in Europa u.a. eine wichtige kulturelle Bedeutung.
Odin mit den beiden Wölfen Geri und Freki in einer Darstellung von Carl Emil Doepler (1882)
Auf den Wolf wurde Jagd gemacht. Das angebliche Monster, das Schafe reißt und Menschen angreift. „Die Übernutzung unserer Wälder, die Dezimierung der Schalenwildbestände und massive Rodungen zum Gewinn landwirtschaftlicher Flächen haben einst vor mehreren 100 Jahren dazu geführt, dass Konflikte zwischen Mensch und Wolf erheblich anstiegen“, heißt es in einer Broschüre des Umweltministeriums.
In Olingen im Osten des Landes befindet sich eine gusseiserne Plakette an der Stelle, an der Eduard Wolff angeblich am 24. April 1892 den letzten Wolf Luxemburgs erschossen hat. Laut Aufschrift wurde sie vom „St. Hubert Club“ 1937 gestiftet. Die Plakette hing allerdings keinesfalls so lange an der aktuellen Stelle.
Bei seinen Recherchen, die er in einem Beitrag im Journal veröffentlicht hat, stieß der Luxemburger Biologe (und Politiker) Jos Massard auch danach noch auf Zeitungsberichte von Wolfssichtungen und -tötungen in Luxemburg. Massard hatte bereits zuvor recherchiert, dass Eduard Wolff seinen Wolf nicht 1892, sondern 1893 getötet hatte, und zwar nicht an der Stelle, wo heute die Plakette steht.
Trotzdem: Lange Jahre war es still geworden um die Wölfe in Luxemburg. Sie galten in Luxemburg als ausgerottet. Seit einigen Monaten allerdings werden wieder Sichtungen von Wölfen oder ihren Hinterlassenschaften in Luxemburg gemeldet. Dank eines neu gewonnenen Verständnisses für die Natur und für die Bedeutung der Artenvielfalt blicken viele Menschen nicht mit Furcht, sondern mit Freude auf diese Sichtungen.
Sichtungen
Als 2015 durch Sichtungen im Ausland abzusehen war, dass Wölfe bald auch nach Luxemburg zurückkehren, begrüßte auch die Jägervereinigung „Fédération Saint-Hubert“ in einem Papier (das nicht mehr im Internet verfügbar ist) die Rückkehr der Wölfe grundsätzlich. Sie forderte allerdings die Ausarbeitung eines „klaren Wolfsmanagementplans“ vonseiten der zuständigen Behörden.
In den Jahren 2017 und 2018 hat es, laut Naturverwaltung, zum ersten Mal seit 100 Jahren bestätigte Wolfsnachweise in Luxemburg gegeben. 2017 wurde deswegen zusammen mit den Landwirten, Wissenschaftlern, Naturschützern, Privatwaldbesitzern und Jägern ein Aktionsplan „Wolf“ ausgearbeitet. Eine Broschüre gibt Auskunft, wie man sich im Fall einer Begegnung mit einem Wolf verhalten soll.
Ein Wolf im Tierpark „Alte Fasanerie“ in Hessen Foto: dpa/Boris Roessler
Daneben hat das Ministerium für nachhaltige Entwicklung und Infrastruktur in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum für Naturgeschichte eine Broschüre mit dem Titel „Wölfe in Luxemburg?“ erstellt, die sich an die breite Öffentlichkeit richtet und über den Wolf aufklären soll. Ziel beider Dokumente ist es, „ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf zu erreichen“.
Drei tote Schafe
Der aktuellste Fall ist noch nicht lange her. Am Montag, dem 28. April wurden der Naturverwaltung drei tote Schafe gemeldet. Sie waren in der letzten oder vorletzten Nacht von einem Raubtier gerissen worden. Dass es sich dabei um einen Wolf gehandelt hat, wird nicht ausgeschlossen. Die Bissspuren waren nicht eindeutig. Eine DNS-Untersuchung soll Genaueres verraten. Dazu wurden Proben zum Senckenberg-Institut in Gelnhausen in Deutschland geschickt.
Wölfe können eine beeindruckende Erscheinung sein. Mit einer Rumpf-Länge von bis zu 1,6 Metern und einer Schulterhöhe von 0,8 Metern überragen sie einen ausgewachsenen Schäferhund. Sie bringen zwischen 30 und 50 Kilogramm auf die Waage. Wölfe haben außerordentliche Sinne. Sie verfügen über ein sehr hervorragendes Hör- und Sehvermögen. Ihr Sichtfeld ist (wie es bei Raubtieren normal ist) viel weiter als das von Menschen. Auch nachts können sie sehen. Mit ihrem hervorragenden Geruchssinn können sie Beute über Kilometer hinweg riechen. In freier Wildbahn können Wölfe 13 Jahre alt werden.
Wölfe leben in Rudeln zusammen. Forscher glauben inzwischen nicht mehr, dass solche Rudel von einem Alpha-Tier angeführt werden. Vielmehr Leben Wölfe in Familien zusammen, indem ein Paar seine Kinder großzieht. Das Territorium eines solchen Rudels kann laut deutscher Wildtierstiftung je nach Nahrungsangebot zwischen 150 und 200 Quadratkilometer groß sein. Wölfe gelten als scheu und ziehen sich in der Regel zurück, sobald sie Menschen wittern. Sie gelten allerdings auch als neugierig. Gefährlich werden können Wölfe für nicht angeleinte Hunde, wenn die Wölfe sie als Eindringlinge in ihr Revier wahrnehmen.
Luxemburg ist nicht das einzige Land in Europa, in dem die prachtvollen Tiere fast 100 Jahren lang verschwunden waren. Aber überall in Europa kehren Wölfe zurück. Die Luxemburger Umweltverwaltung schreibt dazu: „Der Wolf, quasi exklusiv durch die direkte Verfolgung durch den Menschen lange verschwunden, hat in den letzten 15 Jahren ein beachtliches Comeback in Europa hingelegt, sodass tatsächlich auch eine Rückkehr in die Benelux-Staaten möglich und sogar wahrscheinlich ist.“
Wachsende Population
Mittlerweile zählen die meisten Länder in Europa eine rasant wachsende Wolfspopulation. Im Interview von 2015 mit dem Tageblatt sagte der stellvertretende Direktor der Naturverwaltung, Laurent Schley: „Seit der Wolf 1992 unter Schutz gestellt wurde, breitet er sich wieder in Europa aus. Relevant sind vor allem die italienisch-französische und die deutsch-polnische Bevölkerungsgruppen. Erstere dehnt sich nach Norden bis in die Schweiz, den Jura und die Vogesen hinaus. Die deutsch-polnische Population hat große Teile Ostdeutschlands bis nach Hannover besiedelt. Auch an der niederländischen Grenze wurden schon Rudel gesichtet. Von den Rudeln werden jedes Jahr einige Tiere abgestoßen, die bis zu 1.000 km zurücklegen können. An jedem Ort in ganz Kontinentaleuropa kann von heute auf morgen ein Wolf auftauchen.“
Schley weiter: „Am nächsten an Luxemburg sind die Rudel, die in den Vogesen und am Lac de Madine gesichtet wurden, sowie die Tiere, die kürzlich erst in Rheinland-Pfalz und wahrscheinlich auch im Saarland detektiert wurden. Der Wolf ist nicht weit weg. Er kann zu jedem Zeitpunkt hier auftauchen. Er muss aber nicht. Es kann auch sein, dass er erst in zehn Jahren nach Luxemburg kommt.“
Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren in der Alpenregion eine rasant wachsende Wolfspopulation beobachtet. Die Naturschutzorganisation WWF schreibt hierzu: „Diese Population ist italienischen Ursprungs. Aus dem Apennin abwandernde Individuen siedelten sich 1992 erstmals in den Alpen an und konnten mit Erfolg eine dauerhafte und expandierende Population etablieren, die eine überaus dynamische räumliche Struktur mit Verbreitungstendenzen nach Westen und Norden aufweist. Die Gründerpopulation bestand aus 8-16 Tieren.“
Mögliche Jagdlockerung in der Schweiz
In der Schweiz zählte die Tierschutzorganisation ChWolf mindestens acht Rudel, die Population wird auf 80 Individuen geschätzt. In Österreich wurde 2016 von einem Wolfsrudel berichtet, das sich auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig niedergelassen hat. Seitdem sind neue Rudel hinzugekommen. Laut der Tierschutzorganisation WWF hielten sich 2018 35-50 Wölfe in Österreich auf.
Mit der Wiederkehr der Wölfe werden aber auch Rufe nach einer Lockerung ihres Schutzes laut. In der Schweiz etwa wurde gerade, aufgrund der Corona-Pandemie, eine Volksabstimmung über die Lockerung des eidgenössischen Jagd- und Wildtierschutzgesetzes verschoben. In der Begründung der angedachten Revision heißt es: „Das geltende Gesetz stammt von 1985. Damals gab es bei uns keine Wölfe mehr. 1995 kehrte der erste Wolf zurück. [...] Die Kantone brauchen ein Instrument, um vorausschauend und maßvoll in die Bestände eingreifen zu können. Die Abschüsse haben zum Ziel, dass die Wölfe ihre Scheu vor Menschen und Siedlungen behalten. Nur so ist ein Nebeneinander von Mensch und Wolf möglich.“
Konkurrenz für französische Jäger
Auch in Frankreich werden die zurückkehrenden Wölfe nicht von jedem mit offenen Armen empfangen. In Lozère legte am Donnerstag ein Züchter als Protest ein totes Kalb vor die Tür der Präfektur. Das Kalb wurde mutmaßlich von einem Wolf getötet. Die Wölfe stellen die französischen Jäger außerdem vor ein Problem. Laut einem Bericht von France Info müssen die Jäger im Hexagon eine Strafe zahlen, wenn sie ihre Abschussquoten nicht erfüllen. Die Wölfe machen den Jägern auf ihrem eigenen Gebiet Konkurrenz. Die Waidmänner haben Angst, dass die Tiere ihre Beute vertreiben und sie blechen müssen. Dem widerspricht das „Office national de la chasse et de la faune sauvage“. Die Wölfe seien in den Quoten schon eingerechnet. Von France Info befragte Naturschützer haben außerdem darauf hingewiesen, dass Wölfe nur Tiere reißen, um sich zu ernähren, und nicht aus Spaß. Wölfe sind darauf angewiesen, dass es in ihrem Revier dauerhaft Beutetiere gibt. In Frankreich soll es dem Bericht zufolge zwischen 480 und 580 Wölfe geben. 19 Prozent von ihnen seien in diesem Jahr zum Schutz der Züchter zum Abschuss freigegeben.
In Deutschland sind Wölfe mittlerweile wieder heimisch geworden. Laut dem Bundesamt für Naturschutz wurden in der Bundesrepublik 2019 mindestens 275 erwachsene Wölfe erfasst. Der Deutsche Jagdverband erklärte, dass es in Deutschland im Frühsommer 2019 1.300 Wölfe (Erwachsene und Kinder) gegeben habe. Nach Angaben der Naturschutzorganisation NABU soll es in Deutschland 105 Rudel geben. Laut Jägermagazin ist es in Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder zu illegalen Wolfstötungen gekommen. Obwohl die Polizei in solchen Fällen ermittelt, werden die Täter nicht erwischt.
In Luxemburg wurde am 8. Januar 1850 ein Gesetz über eine Prämie verabschiedet, die die Tötung der Wölfe herbeiführen sollte. 25 Francs für einen Wolf oder eine Wölfin und 5 Francs für einen jungen Wolf zahlte der Staat. Seitdem hat sich viel verändert. Mit einer großherzoglichen Verordnung vom 15. März 2016 wurde der Wolf zu den Tierarten hinzugefügt, die in Luxemburg „integral geschützt“ sind.