Mehrsprachigkeit in Luxemburg
Gehirntraining: Warum der Sprachwechsel im Alltag die kognitive Reserve stärkt
Mehrsprachigkeit gilt in Luxemburg als Selbstverständlichkeit, doch was im Alltag so mühelos erscheint, ist in Wahrheit eine kognitive Höchstleistung unseres Gehirns.
Prof. Dr. Christine Schiltz: „Verständigung ist wichtiger als Perfektion“ Foto: Deborah Rimi
Das Tageblatt hat Christine Schiltz, Professorin für kognitive Neurowissenschaften an der Universität Luxemburg, zu den sogenannten Kosten des Sprachwechsels befragt und erfahren, warum dieser mentale Mehraufwand uns langfristig sogar vor Demenz schützen kann.
Tageblatt: Was von außen oft reibungslos wirkt, ist für unser Gehirn Schwerstarbeit. Warum ist der Sprachwechsel in Wahrheit eine so kostspielige Kraftanstrengung – und was genau passiert bei diesen sogenannten „Language Switch Costs“ im Gehirn?
Prof. Dr. Christine Schiltz: Wenn wir Informationen in einer anderen Sprache abrufen als in der Sprache, in der sie gelernt wurden, ist unser Erinnerungsvermögen weniger gut. Dies gilt für allgemeine Fakten ebenso wie für die Mathematik. In Luxemburg zeigen Daten, dass die Umstellung des Mathematikunterrichts von Deutsch auf Französisch in der siebten Klasse mit Language Switch Costs verbunden ist. Das Rechnen auf Französisch gelingt systematisch etwas schlechter. Eine weitere Art dieser Kosten entsteht beim Sprechen. Der Wechsel zwischen Sprachen dauert länger und ist fehleranfälliger, da die nicht verwendete Sprache aktiv unterdrückt werden muss. Um zurückzuwechseln, muss diese Hemmung mühsam aufgehoben werden.
Zur Person
Prof. Dr. Christine Schiltz untersucht mit ihrem Forschungsteam die Entwicklung kognitiver Funktionen, wobei sie sich auf den Erwerb von Rechen- und Lesefähigkeiten in mehrsprachigen Kontexten konzentriert. Sie stützt sich dabei auf ihre langjährige Erfahrung mit Verhaltens- und Neuroimaging-Untersuchungen mittels fMRT und EEG, um mehrsprachiges Lernen zu verstehen und zu fördern.
Das setzt voraus, dass im Hintergrund eine enorme Koordinationsleistung stattfindet. Wie steuert das Gehirn diesen komplexen Wechsel auf neuronaler Ebene und welche Areale sind dabei besonders gefordert?
Bei Mehrsprachigen sind alle gelernten Sprachen parallel aktiv und konkurrieren im Gehirn miteinander. Um im Alltag effizient zu kommunizieren, stützt sich das Gehirn auf Kontrollnetzwerke im frontalen Kortex und in den Basalganglien. Diese Regionen erkennen Sprachkonflikte und lenken die Aufmerksamkeit auf die gewählte Sprache, während die andere unterdrückt wird. Diese kognitive Kontrolle aktiviert Netzwerke, die über die klassischen Sprachareale (Broca und Wernicke) hinausgehen. Dieser Prozess arbeitet sehr schnell und nutzt den Kontext, um die richtige Auswahl zu treffen.
Da Mehrsprachigkeit in Luxemburg als normal und selbstverständlich gilt, wird die dafür benötigte mentale Energie oft übersehen
Obwohl das Hin- und Herwechseln im Alltag so flüssig abläuft, hinterlässt es oft eine unerklärliche Erschöpfung. Warum wird die enorme Energie, die dieser Prozess verbraucht, oft unterschätzt?
Das Jonglieren zwischen Sprachen beansprucht das sogenannte exekutive Kontrollnetzwerk – also die Schaltzentrale unseres Gehirns, die für Planung und Konzentration zuständig ist. Diese kognitiv anspruchsvolle Aktivität kann zu Ermüdung führen. Da Mehrsprachigkeit in Luxemburg als normal und selbstverständlich gilt, wird die dafür benötigte mentale Energie oft übersehen. Es sind Prozesse, die im Kopf ablaufen und von außen nicht sichtbar sind, aber dennoch eine hohe neuronale Leistung fordern.
Das klingt nach einem hohen Preis für die tägliche Kommunikation. Doch stellt sich die Frage: Gibt es trotz dieser Anstrengung einen langfristigen Nutzen für das Gehirn?
Ja, diese lebenslange Aktivierung kognitiver Kontrollmechanismen wirkt wie ein erzwungenes Training. Diese Übung baut eine kognitive Reserve auf. Das ist der Grund, warum Anzeichen von Demenz bei Mehrsprachigen, die ihre Sprachen regelmäßig nutzen, im Durchschnitt etwa vier Jahre später auftreten. Das Gehirn lernt, krankheitsbedingte Ausfälle über längere Zeiträume zu kompensieren.
So sehr man sich auch anstrengt: Die gesellschaftlichen Erwartungen scheinen oft noch einen Schritt weiterzugehen. In Luxemburg herrscht ein hoher Perfektionsanspruch – hemmt dieser soziale Druck die Mehrsprachigkeit?
Oft haben wir das Gefühl, dass wir verschiedene unserer Sprachen nicht gut genug sprechen, weil wir sie nicht als Muttersprache gelernt haben. Bessere Sprachkenntnisse werden intuitiv oft mit mehr Wissen gleichgesetzt. Die Forschung zeigt jedoch, dass es viele verschiedene Arten der Sprachbeherrschung gibt. Ein besseres Verständnis der neurokognitiven Mechanismen sollte uns mehr Selbstvertrauen geben: Verständigung ist wichtiger als Perfektion.
Das schwierigste Szenario ist der Versuch, Informationen in einer anderen Sprache abzurufen, während man sich in einer negativen emotionalen Verfassung befindet
Ein solcher Erwartungsdruck schlägt sich zwangsläufig auch auf das Gemüt nieder. Beeinflussen unsere Emotionen die Effizienz dieses Sprachwechsels?
Emotionsregulation und kognitive Kontrolle beruhen auf überlappenden Systemen. Stress kann die Effizienz verringern, wodurch der Sprachwechsel mühsamer wird. Zudem funktioniert das Erinnern am besten, wenn der emotionale Zustand beim Abrufen dem beim Lernen entspricht. Das schwierigste Szenario ist der Versuch, Informationen in einer anderen Sprache abzurufen, während man sich in einer negativen emotionalen Verfassung befindet.
Bleibt zum Schluss die Suche nach einer Strategie, um den Herausforderungen des Alltags zu begegnen: Lässt sich das eigene Gehirn gezielt trainieren, um diesen „Switch“ zu erleichtern?
Durch wiederholtes Umschalten wird der Prozess mit der Zeit einfacher. Da Emotionen eine Rolle spielen, sollte man Sprachen, die man mit Stress verbindet, bewusst in positiven Umgebungen üben – etwa beim Filmschauen oder im Freundeskreis. Hilfreich ist es auch, „Sprachzonen“ zu schaffen: Wenn eine Sprache fest mit einem bestimmten Kontext verknüpft ist, aktiviert das Gehirn das passende Schema automatisch, was die mühsame aktive Kontrolle verringert.