Dunkelziffer
Wieso man die erste Coronawelle in Luxemburg nicht mit der zweiten vergleichen kann
Die Coronakrise in Luxemburg zeichnet sich auch durch jede Menge Zahlen und Statistiken aus, die jeden Tag aufs Neue veröffentlicht werden. Leicht verliert man da den Überblick. Doch wieso kann man die erste Welle nicht mit der zweiten vergleichen? Wie hoch liegt die Dunkelziffer der Infizierten? Und wie viele positive Fälle werden tatsächlich beim Large Scale Testing entdeckt? Das Tageblatt hat sich mit den vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen auseinandergesetzt.
„Testen, testen, testen“ heißt in Luxemburg die Strategie. Doch die ganzen Zahlen und Statistiken, die dabei herauskommen, müssen mit Vorsicht interpretiert werden. Foto: Harald Tittel/dpa
Die luxemburgische Regierung bemüht sich – nach eigenen Aussagen – in der Coronakrise mit offenen Karten zu spielen. Man wolle alle nötigen Informationen öffentlich bereitstellen. Seit Mitte März veröffentlicht das Gesundheitsministerium die Zahl der Neuinfektionen. Die Anzeige der täglichen Zahlen wird immer wieder neu angepasst: Die Zahl der Toten kommt hinzu, als mehr Menschen am Virus sterben, dann der RT-Wert, als dieser richtungsweisend bei der Wiedereröffnung des Landes wird. Seit Ende Juli gibt es nun einen täglichen Bericht, der auf der Webseite des Gesundheitsministeriums heruntergeladen werden kann, und jeden Mittwoch erscheint eine wöchentliche Aufschlüsselung der Daten.
In diesem Wochenbericht sind auf Seite 6 auch folgende Statistiken zu finden: Sie zeigen einerseits die Anzahl der durchgeführten Tests pro Woche und andererseits die entdeckten positiven Fälle pro Kalenderwoche. Es sticht ins Auge: Die „zweite Welle“, mit ihrer Spitze in der Kalenderwoche 29 und 30, ist nicht ganz so schlimm ausgefallen wie die erste Corona-Welle. Nur an die Kalenderwoche 12 kommt sie annähernd heran, die Spitze in der Woche 13 liegt weit darüber. Doch die „Höhe“ der ersten Welle in der Statistik täuscht: Eigentlich ist die Zahl der Neuinfektionen in Luxemburg sehr viel größer in diesen Wochen.
Effizienz des Contact Tracing
Wer die erste Statistik der gemachten Tests hinzuzieht, sieht, dass in den Wochen der ersten Welle die Anzahl der gemachten Tests sehr viel niedriger ist. Einerseits standen diese damals noch nicht zur Verfügung: Es sei an die Haltung der Regierung erinnert, dass nur jene Kranken mit Symptomen getestet werden. „Mir testen nëmmen do, wou et Sënn mécht“, hieß damals die Devise. Die Entscheidung fiel, als noch unsicher war, wie viele Tests Luxemburg bestellen konnte sowie ob und wann diese geliefert werden können. Während der zweiten Welle war Luxemburg jedoch schon munter am Massentesten. In den Zahlen der ersten Welle sind also viele asymptomatische Menschen überhaupt nicht erfasst, im Gegensatz zur zweiten. Dazu kommt, dass auch das Contact Tracing relativ schnell nach Beginn der Krise abgebrochen werden musste. Der Dienst war schlicht und einfach überlastet. Erst im April beginnt man wieder damit.
Aus den täglichen und wöchentlichen Berichten der vergangenen Wochen geht die Effizienz des Contact Tracing jedoch klar hervor. Zwar wurden bisher nur insgesamt 22 Prozent aller bisherigen Infizierten (Stand 20.8.2020) durch das Contact Tracing entdeckt, doch stammen im Schnitt seit Ende Juli etwa 38 Prozent der täglich neu entdeckten Infektionen aus dem Contact Tracing. Pro Woche gesehen liegt der Anteil der durch das Contact Tracing gefundenen Personen seit dem 13. Juli zwischen 39 und 49 Prozent.
Eine hohe Dunkelziffer
Hätte man in der ersten Welle ebenso intensiv testen und tracen können wie während der zweiten, wären die tatsächlichen Zahlen in den heutigen Statistiken wohl sehr viel höher. Das bestätigt auch Dr. Rejko Krüger von der Universität Luxemburg. Der Forscher beteiligt sich unter anderem an der CON-VINCE-Studie, die aufzeigen soll, wie verbreitet das Virus in der Luxemburger Bevölkerung ist. Etwa 1.800 Personen haben an dieser Studie teilgenommen und sollen repräsentativ die Luxemburger Bevölkerung darstellen. Allerdings mussten die Beteiligten über 18 sein. Die ersten Tests für die Studie wurden Mitte April durchgeführt, Resultate gab es Anfang Mai. Diese hätten gezeigt, dass „die Dunkelziffer der ersten Wochen sehr hoch war“, so Krüger. 5 Studienteilnehmer (0,3 Prozent der Testgruppe) wurden in dieser Runde positiv auf das Coronavirus getestet, waren also zu dieser Zeit tatsächlich krank. Davon ausgehend, dass das Virus in der Bevölkerung ähnlich verbreitet sei wie in der repräsentativen Testgruppe, gingen die Forscher davon aus, dass in der 15. Kalenderwoche bis zu 1.449 Personen in Luxemburg – ohne die Grenzgänger – eine aktive Infektion in sich trugen. In vielen Fällen ohne es zu wissen. Zur gleichen Zeit hatte man etwa 450 Infektionen entdeckt. Doch damals wurde in der Regel nur getestet, wenn die Symptome auf Covid-19 hindeuteten. Die Dunkelziffer der asymptomatischen Virusträger lag damals laut den Forschern bei über 60 Prozent – und die erste Welle war am Abflauen.
„Es gibt einfach große Probleme, die Zahlen der ersten Welle zu interpretieren, weil wir noch so wenig über das Virus wussten und die Teststrategie sich nur auf den Virus-Nachweis typischen Symtomen bezog“, sagt Krüger. Bei der CON-VINCE-Studie wurden die Teilnehmer aber auch auf Antikörper getestet. So konnten die Forscher feststellen, dass 35 Teilnehmer (etwa 2 Prozent) solche in sich trugen, also dem Virus ausgesetzt waren, auch wenn sie keine Symptome gezeigt haben. Rechnet man dies auf die komplette erwachsene Luxemburger Bevölkerung hoch, waren knapp 10.000 Menschen Mitte April dem Virus ausgesetzt. „Bei unserer letzten Erhebung Ende Juni hatten rund 3 Prozent der Teilnehmer Antikörper in sich“, sagt Krüger. Das wären hochgerechnet etwa 15.000 Menschen. 4.352 Personen – symptomatische und asymptomatische – waren bis dahin positiv getestet worden.
Von Herdenimmunität ist Luxemburg damit noch sehr weit entfernt. Dafür müssten sich ca. 70 Prozent der Bevölkerung – etwa 438.000 Menschen in Luxemburg, zählt man die Kinder mit ein – mit dem Virus angesteckt haben. „Sogar in Stockholm, wo man keinen so strengen Lockdown hatte, haben sich bisher nur 7 Prozent der Menschen mit dem Virus angesteckt“, sagt der Forscher. Außerdem sei es noch nicht sicher, ob oder wie lange Antikörper vor dem Virus schützen. „Das wird erst erforscht“, sagt Krüger. Es sei auch eines der Ziele der CON-VINCE-Studie: Am Luxembourg Institute of Health prüfe man aktuell, wie sich die von den Studienteilnehmern entnommenen Antikörper über die Zeit entwickeln. „Sollte sich herausstellen, dass die Antikörper nach kurzer Zeit wieder verschwinden oder falls vorhanden nicht gegen das Virus schützen, wäre das keine gute Nachricht für einen potenziellen Impfstoff“, erklärt Krüger.
Widersprüche beim Large Scale Testing
Eine weitere Sache geht aus den vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen der letzten Wochen hervor: Der Anteil der infizierten Personen, die durch das Large Scale Testing gefunden werden, scheint längst nicht so hoch zu sein, wie es Politiker und Forscher gegenüber der Öffentlichkeit behaupten. 39,5 Millionen Euro wurden von der Regierung für das Projekt anberaumt, der bisherige Vertrag zwischen dem Gesundheitsministerium und dem Luxembourg Institute for Health beläuft sich auf 32,5 Millionen Euro.
Dr. Ulf Nehrbass vom Luxembourg Institute for Health, einer der Hauptverantwortlichen für das Large Scale Testing, behauptete im Background-Gespräch bei RTL am 25. Juli, das LST würde 15 Prozent der positiven Fälle ausmachen. Indirekt, zähle man die daraus resultierenden Tests des Contact Tracing hinzu, käme man sogar auf 30 Prozent der entdeckten Neuinfektionen. Gegenüber dem Tageblatt heißt es in einer E-Mail des LIH sogar: „30 Prozent der Neuinfektionen pro Woche stammen vom Large Scale Testing. Konservativ geschätzt steigt die Zahl durch das Contact Tracing sogar auf 46 Prozent.“
Tatsächlich wurden bisher nur 6,1 Prozent aller entdeckten Neuinfektionen (Stand 20.8.2020) durch das Large Scale Testing gefunden. Pro Woche wurden zwischen dem 13. Juli und dem 16. August nur zwischen 6,0 und 17,1 Prozent aller Neuinfektionen durch die Massentests entdeckt. Betrachtet man die Tagesberichte seit dem 29. Juli, wurden nur an einem einzigen Tag – am 4. August – knapp 30 Prozent der Neuinfektionen durch das Large Scale Testing gefunden und an nur zwei weiteren Tagen – am 3. August und am 29. Juli – kommt man auf mehr als 20 Prozent. Im Gegenzug resultierte an vier Tagen in den vergangenen Wochen sogar kein einziger positiver Corona-Befund aus den Breitbandtests.