WM-Kolumne „Hasta la Visa“
Viva México und Infantinos (Ge)klatsche: Chefredakteur Armand Back freut sich schon aufs Finale
170 Hydration Breaks, 510 Minuten Unterbrechung und ein FIFA-Präsident, der beim Marokko-Jubel seltsam gequält wirkt. Diese WM liefert Stoff für große Gesten – und noch größere Pointen.
Chefredakteur Armand Back ruft „Viva México!“ Montage: Tageblatt
So sieht Freude aus! Graf FIFA von Infantino stand das Glück ins Gesicht geschrieben. Marokko hatte sich in einem dramatischen Elfmeterschießen gerade für das Achtelfinale qualifiziert. Die Holländer waren damit raus. Auf der VIP-Tribüne des Stadions in Guadalupe, Mexiko, wurde ausgiebig gefeiert. Marokkanische Offizielle glückhüpften herum, mittendrin: Gianni Infantino, der größte Strippenzieher des Weltsports und Verleiher eines spontan von ihm selbst erfundenen Fantasiefriedenspreises an Donald „Kriegsministerium“ Trump.
Nur so lassen sich die TV-Bilder deuten: Infantino katapultiert die Kraft seines ganzen Körpers heraus in eine Geste der ekstatischen … Enttäuschung. Er hebt die Hände einmal, führt sie zusammen und dann eine Hand kurz vor den Mund. Daraufhin sinken beide kraft-, saft- und freudlos wieder in den Schoß des Fußballoligarchen der FIFA.
Was, bitteschön, war das denn?
Ein Applaus war es auf jeden Fall nicht. Und Freude geht auch anders. Ganz anders. Eher sieht Infantinos Reaktion aus wie ein: Scheiße, hast du das gesehen? Wie kann das sein? War das nicht anders ausgemacht? Warum haben wir überhaupt Schiedsrichter, wenn die Richtigen am Ende doch nicht gewinnen?
Vielleicht können die, Stand Freitagnachmittag, bislang 170 von der FIFA erstmals eingeführten Hydration Breaks Infantinos Gemüt wieder mit Freudentränen befeuchten. Sie entsprechen nämlich 510 Minuten Unterbrechung. Das bedeutet zusätzliche acht Stunden und 30 Minuten für Fernsehwerbung: Time is money, auf fußballerisch.
Der Favorit des Autors dieser Zeilen ist derweil noch im Rennen. Und wie. Noch kein Gegentor haben die Mexikaner kassiert. Und mal ehrlich: Wäre es nicht eine schöne Pointe, wenn der goldene Pokal in Amerika an ein Land geht, dessen Bürgerinnen und Bürger tagaus, tagein mit einer Deportierung aus den USA rechnen müssen? Jenen USA, die der neue Kryptomilliardär Trump im Rekordtempo vom „Land of the Free“ zum Schmelztiegel der Rassismen hat verkommen lassen.
Infantinos Freude über einen Triumph Mexikos kann man sich jetzt schon ausmalen. Ein weiterer Grund, die Daumen zu drücken und schon jetzt laut zu rufen: Viva México! Und sollte Mexiko es nicht schaffen, gibt es ja noch Marokko.