WM-Kolumne „Hasta la Visa“
Fußball-WM ist für Redakteurin Lisa Goedert das beste Nebengeräusch der Welt
Ich verstehe nicht wirklich viel von Fußball. Vielleicht liegt das daran, dass ich meist nicht hinsehe. Trotzdem schalte ich immer wieder ein.
Kennt ihr diese Youtube-Videos, in denen jemand minutenlang vor einem Mikrofon mit Zeitungsseiten raschelt, Slime knetet oder mit künstlichen Fingernägeln auf Oberflächen trommelt? Dieser Internet-Hype heißt ASMR („Autonomous Sensory Meridian Response“) und soll beim Betrachter bzw. Zuhörer ein angenehm kribbelndes Gefühl der Entspannung auslösen. Nun, in meinem Fall tut’s auch ein Fußballspiel im Fernsehen.
Damit es „wirkt“, muss ich gar nicht mal hinschauen. Eigentlich ist es auch ziemlich egal, wer gerade spielt. Was für mich zählt, ist die einzigartige Klangkulisse der Live-Reportage aus dem Stadion. Sich in Rage redende Kommentatoren, ansteigender und wieder abflachender Lärm aus dem Publikum, der ekstatische Jubel, wenn ein Tor fällt: Dieses dynamische Rauschen fegt wie ein reinigender Wasserfall durch meine Synapsen und sorgt dafür, dass ich mich besser auf meine Arbeit fokussieren kann. Das mag nicht jeder nachvollziehen können, aber wenn Stille im Raum dein absoluter Endgegner ist, dann ist Fußball die beste Berieselung der Welt.
Das geschilderte Geschehen auf dem Feld kann ich prima ausblenden, da es mich ja meist nicht wirklich bewegt. Es lenkt mich also nicht von meiner eigentlichen Beschäftigung ab, was eine Nachrichtensendung oder Dokumentation beispielsweise tut. Bei bestimmten Stichworten horcht man unwillkürlich auf, hört hin, versucht zu verstehen, worum es geht. Bei Fußballübertragungen passiert mir das im Regelfall nicht. Es sei denn, der BVB oder die deutsche Nationalelf sind im Einsatz – da hebe ich schon mal den Blick, wenn die Stimmung akustisch anschwillt.
Dass die WM-Spiele allesamt außerhalb meiner Arbeitszeiten stattfinden, kommt mir deshalb nicht wirklich gelegen. Viel lieber würde ich diese im Homeoffice oder über Kopfhörer in der Redaktion im Hintergrund laufen lassen, um konzentrierter schreiben oder Videos schneiden zu können. Aber notfalls funktioniert meine etwas ungewöhnliche Wohlfühltechnik auch mit Reality-Serien, in denen sich Menschen die meiste Zeit über anschreien. Auch das ergibt ein potentes Hintergrundrauschen.