WM-Kolumne „Hasta La Visa“
Deutschland raus, Niederlande raus: Chefredakteur Chris Schleimer traut nur noch Gianni Infantinos Ball
Hätten Deutschland und die Niederlande mal auf FIFA-Präsident Gianni Infantino gehört, wären sie jetzt vermutlich noch im Turnier. So bleibt ihnen nicht einmal Schadenfreude vergönnt.
Eine Weltmeisterschaft kann grausam sein. Deutschland scheidet im Elfmeterschießen gegen Fußball-Großmacht Paraguay aus, und die Niederländer können nicht einmal schadenfroh sein.
So viel Ungerechtigkeit muss man erst einmal verarbeiten. Jahrelang wurde im Fußball erzählt, Elfmeterschießen sei Glückssache. Oder Nervensache. Oder eben diese eine Sache, die die Deutschen angeblich immer können. Man legt den Ball hin, läuft an, trifft. So schwer kann das ja nicht sein. Dachte man. Bis Paraguay kam und den Deutschen freundlich erklärte, dass Fußballweisheiten so haltbar sind wie ein niederländischer Vorsprung bei großen Turnieren.
Wobei man fair bleiben muss. Für Deutschland war diese WM trotzdem ein Erfolg. Die Gruppenphase wurde immerhin überstanden, was sich für die Fans der DFB-Elf wie ein Sommermärchen mit Verlängerung anfühlen muss.
Nur wenige Stunden später erwischte es dann die Niederlande gegen Marokko. Auch im Elfmeterschießen. Man hätte sich in Deutschland also entspannt zurücklehnen und hämisch grinsen können, wäre man nicht selbst schon draußen gewesen. Schadenfreude ist eben nur halb so schön, wenn man sie aus dem gleichen Abflugterminal heraus genießen muss.
Aber Fußball, das wissen wir spätestens seit Gianni Infantino, ist ja mehr als eine einfache Sportart. Das wird einem besonders bewusst, wenn man das von der FIFA herausgegebene Buch „Forward“ über die ersten zehn Amtsjahre ihres Präsidenten liest. Dort wird Infantino mit philosophischen Ergüssen zitiert, mit denen selbst Lothar Matthäus nicht mehr mithalten kann. „Dieser Ball und die Welt haben dieselbe Form, Fußball ist deshalb etwas ganz Besonderes“, soll er einmal zu Jugendlichen gesagt haben, die gerade dabei waren, Fußball zu spielen. Oder noch: „Der Ball ist wie eine Kristallkugel, die uns einen Blick in die Zukunft erlaubt.“
Da hätten Deutschland und die Niederlande vor dieser WM vielleicht besser etwas länger in den Ball geschaut und im Vorfeld der WM Elfmeter geübt. Denn der Ball lügt nie.