WM-Kolumne „Hasta la Visa“
Von wegen Langeweile: Warum Sportredakteur Joé Weimerskirch die 48er-WM als Bereicherung sieht
Die Vorbehalte gegenüber der 48er-WM waren groß, doch nach der Gruppenphase zeigt sich: Die Außenseiter machen das Turnier besonders.
Viele Experten waren sich einig. 48 Teams werden das Turnier verwässern. Zu viele schwache Mannschaften. Zu viele belanglose Spiele. Zu viel Größenwahn der FIFA. Auch ich war skeptisch. Die Befürchtung war, dass eine aufgeblähte Weltmeisterschaft vor allem eines produzieren würde: Langeweile.
Jetzt ist die Gruppenphase abgeschlossen – und meine Erkenntnis ist zumindest eine andere. Die WM wird nicht automatisch schlechter, wenn mehr Nationen teilnehmen. Den Fußballzwergen zuzuschauen, war erfrischend. Ja, es war nicht immer der attraktivste Fußball zu sehen. Und zugegeben: Die Gruppenphase hat sich teilweise endlos angefühlt.
Doch die kleinen Nationen haben gute Auftritte gezeigt. Kap Verde rang Mitfavorit Spanien ein 0:0 ab, holte zwei weitere Unentschieden und steht tatsächlich im Sechzehntelfinale. Der Iran und Ägypten nahmen Belgien Punkte weg. Die DR Kongo erkämpfte sich ein 0:0 gegen Portugal und steht ebenfalls in der K.o.-Phase. Selbst Curaçao holte einen Punkt gegen Ecuador – jenes Ecuador, das seinerseits Deutschland mit 2:1 besiegen konnte.
Genau diese Spiele zeigen, dass nicht nur die Teilnahme der üblichen Verdächtigen eine Bereicherung für die WM ist. Den Titel wird ein Fußballzwerg am Ende zwar wohl nicht holen, doch das Turnier lebt nicht allein von den Mannschaften, die das Potenzial dazu haben. Es lebt auch von den Außenseitern und Überraschungen.
Natürlich sorgte nicht jede zusätzliche Nation für sportliche Sensationen. Haiti schied mit null Punkten und einer Torbilanz von 2:8 aus, die vom Irak liegt bei 1:12. Doch ist das wirklich ein Problem? Auch bei Weltmeisterschaften mit 32 Teams gab es einseitige Spiele und enttäuschende Auftritte etablierter Nationen. Ein 1:7 von Brasilien gegen Deutschland ist da sofort wieder präsent. Niemand wäre aber damals auf die Idee gekommen, deshalb der Seleção die Teilnahmeberechtigung abzusprechen. Darum sollte man auch die 48er-WM und ihre Zwerge nicht zu streng beurteilen.