WM-Kolumne „Hasta la Visa“

Redakteur Stefan Kunzmann durchschaut die Mär von deutschen Tugenden

Nur wenigen Teams gelingt es, dauerhaft schönen Fußball zu spielen. Deutschland zeigte bei dieser WM davon nichts.

Redakteur Stefan Kunzmann durchschaut die Mär von deutschen Tugenden

Viele kennen das Gefühl aus der Kindheit: Verliert man ein Spiel, wird aus dem schönsten Spiel schnell das blödeste aller Spiele. Und Fußballfans wissen: Wenn die eigene Mannschaft verliert, sind Enttäuschung, Schmerz und Trauer groß. Dann spielt es auch kaum noch eine Rolle, ob die geliebte Elf gut oder schlecht gespielt hat. Verloren ist verloren – und das Tal der Tränen unendlich.

Nur wenigen Teams gelingt es wirklich, dauerhaft einen attraktiven Fußball, also „schön“, zu spielen. Der „Totaalvoetbal“ von Ajax und der Oranje-Elftal um Johan Cruyff liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, auch das „Jogo Bonito“ der Brasilianer ist längst Vergangenheit. Heutzutage wird am ehesten noch in der K.-o.-Phase der Champions League das gezeigt, was die Faszination des Fußballs ausmacht: die mitreißende Schönheit des Spiels.

Ballzauberer wie Lionel Messi, Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé präsentieren auch bei dieser WM einmal mehr ihre Kunst. Dagegen blitzte bei den Bundeskickern Florian Wirtz, Jamal Musiala und Deniz Undav die ästhetische Magie ihres Sports nur selten auf. In der Vorrunde ließ sich die deutsche Elf zuerst von der Elfenbeinküste und dann komplett von Ecuador den Schneid abkaufen. Vor allem Letztere überzeugten mit robuster Abwehr und Zweikampfstärke. Was uns an die Worte des Bundestrainers Julian Nagelsmann erinnert: „Es gibt Spiele, in denen man viele Tore erzielen, und es gibt Spiele, die man dreckig gewinnen muss.“

Als dann im Sechzehntelfinale der Kommentator im deutschen Fernsehen entdeckt zu haben glaubte, dass auch Musiala & Co. „dreckig“ spielen konnten, lagen die Nagelsmänner dank löchriger Abwehr schon zurück. Ob die Paraguayer gegen Deutschland mehr Leidenschaft zeigten, besser verteidigten, „dreckiger“ spielten, mit Härte und taktischen Fouls, oder ob das zu Unrecht aberkannte Tor von Jonathan Tah der deutschen Elf den Sieg gebracht hätte, sei dahingestellt, auch die Oranje-Niederlage gegen Marokko – der Fußball ist auf einmal das blödeste Spiel. Bis der Traum vom schönen Spiel erneut auflebt.

1 Kommentare
Jek Hyde 03.07.202611:39 Uhr

T'ass gutt esou wéi et gâng ass. Déi iwerhieflech Bretzerten von jehnseits der Mosel si gutt fort!

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