Radsport
Pogacars bittersüßer Vuelta-Start
Tour-Champion Tadej Pogacar fährt schon beim Vuelta-Auftakt in Monaco ins Rote Trikot. Dabei hätte er lieber den so schwer getroffenen Joshua Tarling als Sieger gesehen.
Tadej Pogacar trägt erstmals in seiner Karriere das Rote Trikot des Gesamtführenden der Vuelta Foto: AFP/Miguel Medina
Plötzlich waren Tadej Pogacar das so herbeigesehnte Rote Trikot und der nächste Meilenstein seiner Traumkarriere völlig egal. Im kleinen Raum hinter dem Siegerpodest der Vuelta führte der erste Weg des Slowenen zu Joshua Tarling, der eine Woche zuvor bei einem fürchterlichen Rennunfall in Portugal seinen kleinen Bruder Finlay verloren hatte. Pogacar beugte sich hinab, nahm Tarling fest in den Arm und flüsterte dem bewegten Briten ganz persönliche Worte ins Ohr.
Schicksalsschlag
„Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Josh gewinnt“, sagte Pogacar über Tarling, der beim Sieg des Superstars im packenden Auftaktzeitfahren von Monaco geschlagen Dritter geworden war: „Ich habe Josh wirklich die Daumen gedrückt.“ Der junge Brite nahm die Worte des Weltmeisters gerührt und dankbar auf: „Ich bin so glücklich, wie ich sein kann.“
So sehr sich Pogacar nach dem Rennen als Champion zeigte, so sehr hatte er das bereits im Rennen gezeigt. 28 Tage nach seinem fünften Tour-Sieg machte er bei seinem ersten Vuelta-Start seit sieben Jahren dort weiter, wo er in Frankreich aufgehört hatte. Statt in Gelb nun eben in Rot, erstmals in seiner Karriere. In dem Trikot, das er auch auf der 2. Etappe am Sonntag erfolgreich verteidigte, als er in ungewohnter Rolle als Sprinter knapp am nächsten Etappensieg vorbeigerast war und dem jungen Briten Matthew Brennan (Visma-Lease a Bike) den Vortritt lassen musste.
Neun Hundertstel
Mit neun Hundertsteln Vorsprung auf den Briten Ethan Hayter hatte Pogacar am Samstag das 9,4 km lange Zeitfahren quasi vor seiner Haustür in der Wahlheimat Monte Carlo – im Radsport, wo im Regelfall nicht einmal in Zehntelsekunden gemessen wird, eine unerhörte Winzigkeit. Tarling wurde mit vier Sekunden Rückstand Dritter. Bei Pogacars Zieldurchfahrt fiel Hayter, bei der letzten Zwischenzeit noch drei Sekunden voraus, vor Fassungslosigkeit fast mit seinem Sessel in der Leader‘s Box um.
„Ich glaube, die 0,09 Sekunden habe ich herausgeholt, als ich an meinem Appartement vorbeigefahren bin“, witzelte Pogacar, da kenne er sich halt am besten aus. Unvergleichlich flog er über den Schlusspart der legendären Formel-1-Strecke, kämpfte bis zum Anschlag. Dass es bei dieser Vuelta letztlich wohl nicht auf Sekunden ankommen wird, weil Pogacar auf den vielen Bergetappen hoch überlegen sein dürfte: Kümmerte ihn nicht – Pogacar wollte diesen Sieg unbedingt, „und es fühlt sich schön an“.
Am Samstag hatte Pogacar das Gefühl eines historischen Siegs – seit die Vuelta 1995 auf den Termin direkt nach der Tour rückte, hatte noch nie ein Tour-Champion sogleich die Vuelta-Führung übernommen – in vollen Zügen genossen. Nur das weiße Trikot des besten Jungprofis, das durfte sich sichtlich bewegt Joshua Tarling überstreifen. Und das freute Pogacar an diesem denkwürdigen Tag mindestens so wie sein eigener Erfolg.
Bemerkenswerter 10. Rang
Für die beiden Zeitfahren hatte sich Arthur Kluckers im Vorfeld der Vuelta ebenfalls viel vorgenommen. „Die Strecke in Monaco mit den vielen technischen Passagen müsste mir eigentlich liegen“, hatte der amtierende Landesmeister dem Tageblatt kurz vor seinem Grand-Tour-Debüt verraten. Hoch motiviert rollte der 26-Jährige demnach von der spektakulären Startrampe aus dem Casino heraus und scheute sich nicht, die ersten kniffligen Passagen mit hohem Risiko anzugehen.
Nach 5,6 Kilometern stand für Kluckers die beste Zwischenzeit der bis dahin 98 gestarteten Konkurrenten zu Buche. Diese sollten in der Folge nur noch Pogacar, Hayter, Tarling und Finn Fisher-Black (Red Bull-Bora-hansgrohe) toppen.
Der Tudor-Profi blieb konzentriert und absolvierte auch den zweiten Streckenabschnitt mit konstant hohem Tempo. Völlig verausgabt überquerte er nach 9,4 Kilometern und 10:08 Minuten den Zielstrich, was einem Durchschnitt von 50,6 km/h entspricht – und die neue Bestzeit bedeutete. Damit war der Zeitfahr-Spezialist satte vier Sekunden schneller als der bis dahin führende Brite Matthew Brennan, immerhin dreifacher Etappensieger der diesjährigen Tageblatt-Flèche du Sud. Kluckers durfte sich allerdings nur kurz auf dem „Hot Seat“ zurücklehnen, da der Australier Oscar Chamberlain (Decathlon CMA CGM) seine Zeit um zwei Sekunden verbessern sollte. Am Ende sollte ein zehnter Platz zu Buche stehen.
Nicht im Hauptfeld
Bis zum letzten Fahrer, dem vierfachen Vuelta-Sieger Primoz Roglic (24.), ließ Kluckers aber noch eine ganze Reihe von Zeitfahrspezialisten hinter sich, darunter auch seinen Teamkollegen Stefan Küng (12.). Dem Schweizer dürfte der Kampf gegen die Uhr über 32,1 Kilometer anlässlich der 19. Etappe besser liegen. Dies gilt auch für Alex Kirsch, der im rot-weiß-blauen Trikot des nationalen Zeitfahrmeisters Rang 30 erreichte, 26 Sekunden hinter Pogacar. Mats Wenzel (Kern Pharma), der dritte Luxemburger, der wie Kluckers seine erste Grand Tour fährt, wurde 136. mit 57 Sekunden Rückstand.
Am Sonntag kam keiner der drei Luxemburger mit dem Hauptfeld ins Ziel. Wenzel hatte auf der zweiten Etappe als 89. einen Rückstand von 41 Sekunden, Kluckers verlor als 173. fünf Minuten und Kirsch als 182. sogar 16:15 Minuten.
Resultate
81. Spanien-Rundfahrt, 1. Etappe: Einzelzeitfahren in Monaco (9,4 km): 1. Tadej Pogacar (Slowenien/UAE Emirates-XRG) 10:57 Minuten, 2. Ethan Hayter (Großbritannien/Soudal Quick-Step) 0,09 Sekunden zurück, 3. Joshua Tarling (Großbritannien/Netcompany Ineos) 0:04 Minuten zurück, 4. Callum Thornley (Großbritannien/Red Bull-Bora-hansgrohe) 0:05, 5. Christophe Laporte (Frankreich/Visma - Lease a Bike) 0:06 ... 10. Arthur Kluckers (Tudor Pro Cycling) 0:11, 30. Alex Kirsch (Cofidis) 0:26, 136. Mats Wenzel (Equipo Kern Pharma) 0:57
2. Etappe: Monaco - Manosque (214,3 km): 1. Matthew Brennan (Großbritannien/Visma-Lease a Bike) 4:47:47 Stunden, 2. Pau Miquel (Spanien/Bahrain Victorious), 3. Pogacar, 4. Mads Pedersen (Dänemark/Lidl-Trek), 5. Hugo Hofstetter (Frankreich/NSN Cycling Team) alle gleiche Zeit ... 89. Wenzel 0:41, 173. Kluckers 5:00, 182. Kirsch 16:15
Stand in der Gesamtwertung nach 2 von 21 Etappen: 1. Pogacar 4:58:40 Stunden, 2. Wout van Aert (Belgien/Visma - Lease a Bike) 0:09 Minuten zurück, 3. Brennan 0:10, 4. Léo Bisiaux (Frankreich/Decathlon CMA CGM) 0:12, 5. Finn Fisher-Black (Neuseeland/Red Bull-Bora-hansgrohe) 0:14 ... 87. Wenzel 1:42, 170. Kluckers 5:15, 182. Kirsch 16:45