Kap Verde und Curaçao
„Oranje“ unter falscher Flagge?
Legionäre, zum Teil über das Internet gescoutet. Wer die Kader von Kap Verde und Curacao betrachtet, könnte meinen, die Niederlande spielen bei der WM mit mehreren Mannschaften.
Ein Bild vom Public Viewing des WM-Auftakts Foto: AFP/Pong Pong
Irgendwann im Jahr 2018 landete diese seltsame Nachricht im LinkedIn-Postfach von Roberto Lopes. Und er dachte bloß: Was soll ich damit? „Mir schrieb der damalige Teammanager auf Portugiesisch. Was ich nicht verstand, also habe ich sie ignoriert“, erzählte der Innenverteidiger von Kap Verde achselzuckend nach dem aufsehenerregenden 0:0 des WM-Debütanten gegen Europameister Spanien.
Zum Glück unternahm der damalige Nationaltrainer Rui Aguas neun Monate später einen weiteren Versuch, diesmal auf Englisch. Die digitale Form der Anwerbung klappte, ein Kapitelchen für das Fußball-Märchen der afrikanischen Inselgruppe war geschrieben.
Für den fußballerischen Erfolg Kap Verdes waren in der Tat unkonventionelle Maßnahmen notwendig. Der Inselstaat ist nur etwas größer als das Saarland. Über die Welt verstreut leben allerdings mehr Menschen mit kapverdischen Wurzeln als auf den Inseln selbst.
Alle 26 Spieler aus dem WM-Kader sind im Ausland aktiv, sie stehen in 14 verschiedenen Ländern unter Vertrag – und sind zum Teil auch dort geboren. Spielberechtigt für Kap Verde sind sie laut FIFA-Regelwerk aufgrund der Herkunft ihrer Eltern oder Großeltern.
Vozinha: Auf der Insel geboren
Das erste offizielle Länderspiel bestritt der Inselstaat erst 1984, vor 20 Jahren bestand die Hälfte des Kaders noch aus Amateuren aus der heimischen Liga. Für den entscheidenden Umschwung sorgte Lucio Antunes: Der damalige Nationaltrainer sah sich Anfang der 2010er-Jahre erstmals im Ausland nach höherklassigen Spielern mit kapverdischen Wurzeln um.
Viele davon hatten zuvor versucht, ihre zweite Staatsbürgerschaft zu nutzen und für Portugal, Frankreich oder - das trifft auf die meisten zu - die Niederlande zu spielen. Ausgerechnet der (Social-Media-)Star der aktuellen Mannschaft, der 40 Jahre alte Torwart Vozinha, ist allerdings auf Kap Verde geboren.
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Apropos Niederlande: Curaçao, der Inselstaat vor der Küste Südamerikas und der mit 155.000 Einwohnern kleinste Teilnehmer der WM-Geschichte, ist ein weiterer Debütant, in dessen Kader es vor gebürtigen Niederländern wimmelt.
25 von 26 Spielern aus dem WM-Kader von Dick Advocaat, dem – wie kann es anders sein – niederländischen Trainer Curaçaos, sind niederländischer Abstammung.
Auch hier lohnt sich zur Erklärung ein Blick in die Geschichte: Curaçao, ab 1948 als Teil der niederländischen Antillen eine Kolonie des deutschen Nachbarlandes, ist seit 2010 ein autonomes Land, was jedoch noch immer zum Königreich der Niederlande gehört – sozusagen ein ausgelagertes Bundesland. Die Einwohner trafen diese Entscheidung per Referendum selbst und genießen die niederländische Staatsbürgerschaft.
In Bezug auf eine sportliche Karriere nutzten viele von ihnen die Möglichkeit, eine Ausbildung im europäischen Profifußballsystem zu absolvieren.