Tunesien

„Keine Sekunde gezögert“: Retter Renard und sein unverhofftes WM-Abenteuer

Hervé Renard legt einen Kaltstart als Nationaltrainer Tunesiens hin. Mit seiner neuen Mannschaft muss er schnell den Turnaround schaffen.

Hervé Renard an der Seitenlinie in charakteristischem weißem Hemd beim Fußballspiel

Hervé Renard ist für seine weißen Hemden an der Seitenlinie bekannt Foto: AFP

Spätestens bei seiner Ankunft am Flughafen von Monterrey dürfte Hervé Renard bewusst geworden sein, auf welches Abenteuer er sich eingelassen hatte. Nach seiner Landung in Mexiko bekam der Franzose die volle Wucht der tunesischen Erwartungen ab – und die traditionelle rote Kopfbedeckung Chechia verpasst. Renard soll zum Retter werden, nachdem sein Landsmann Sabri Lamouchi nach dem 1:5 zum WM-Start gegen Schweden unehrenhaft entlassen worden war.

„Als man mich kontaktierte, habe ich keine Sekunde gezögert“, sagte der 57-Jährige und fügte mit viel Pathos hinzu: „Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.“ Doch Renard weiß auch, wie schwierig seine Aufgabe ist, die nach nur wenigen Tagen beim verunsicherten Team mit der Partie am Samstag (6.00 Uhr MESZ) gegen Japan beginnt.

Der Ex-Profi, der als Trainer mehr gesehen hat als die meisten anderen seiner Kollegen, kehrt damit unverhofft auf die WM-Bühne zurück. Auf der dirigierte er schon Marokko (2018), Saudi-Arabien (2022) und die französischen Frauen (2023). Auch mit dem XXL-Turnier in Amerika hatte er lange geplant, war aber bei der saudischen Mannschaft in der WM-Vorbereitung entlassen worden.

„Wisst Ihr, wie viel sie ausgegeben haben?“

Das Schicksal von Lamouchi, der schon als zweiter tunesischer Trainer während einer laufenden WM abgesägt worden war, lässt Renard daher nicht kalt. Er kenne seinen Vorgänger persönlich. „Und wenn so etwas einem Trainer passiert, versetze ich mich immer in seine Lage.“ Schließlich habe Renard das in seiner Karriere „selbst erlebt“, und „es tut sehr weh.“

Diese Gefühle schiebt der Retter in der Not nun beiseite. Gegen Japan muss Tunesien Renards Ideen umsetzen, damit der Traum von der K.-o.-Runde nicht in unerreichbare Ferne rückt. Renard setzt dabei auf Emotionen. „Es gibt Leute, die extra hierhergekommen sind. Wisst ihr, wie viel sie ausgegeben haben, um euch zu unterstützen?“, sagte er in seiner ersten Ansprache an die Mannschaft und kündigte mit einem festen Schlag auf den Tisch Taten an: „Jetzt bringen wir die Dinge wieder ins Lot!“

Dass mit den Japanern, die in ihrem ersten Spiel gegen die Niederlande zu einem 2:2 kamen, die laut Renard „beste Mannschaft Asiens“ auf das angeschlagene Tunesien trifft, macht die Aufgabe nicht gerade leichter. „Wir müssen wieder in Schwung kommen“, sagte Renard deshalb in aller Deutlichkeit. An der „Hürde“ Japan dürfen die Nordafrikaner nicht die nächste Bruchlandung hinlegen.

Die Rollenverteilung ist klar. Doch da trifft es sich gut, dass sich Renard mit solchen Szenarien bestens auskennt: Vor vier Jahren in Katar ging er mit Saudi-Arabien als großer Underdog in das Duell mit Argentinien – und fügte dem späteren Weltmeister die einzige Niederlage in der Wüste zu.

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