KI und Schule
Über die sinnvolle und verantwortungsbewusste Nutzung von Künstlicher Intelligenz
Ein zentrales Thema im Bildungssystem ist zurzeit die sinnvolle und verantwortungsvolle Nutzung der Künstlichen Intelligenz im Unterricht. Darum ging es auch bei der Konferenz „Mënschlech viru Kënschtlech: D‘Schoul am Zäitalter vun der KI“ im European Convention Center Luxembourg.
Henning Beck, Autor zahlreicher Bücher und deutscher Meister im Science Slam, weist darauf hin, dass KI den Menschen in einigen Bereichen ersetzen wird. Aber in anderen ist das menschliche Gehirn überlegen. Foto: Editpress/Julien Garroy
Künstliche Intelligenz beeinflusst das Leben sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern und Jugendlichen bereits stark – und sie verändert die Art und Weise des Lernens. Chatbots liefern schnell Antworten auf Fragen. Sie können in rasanter Geschwindigkeit Texte erstellen. KI-Anwendungen können Lehrern außerdem helfen, etwa den Lernstand ihrer Schüler zu analysieren sowie Aufgaben und Übungsmaterial zu erstellen. Hinzu kommen Vorteile beim Korrigieren. Außerdem kann KI zur individuelleren und inklusiveren Betreuung beitragen. Und sie kann administrative Prozesse beschleunigen.
Doch wenn Schüler eine Aufgabe oder ein Thema nicht verstehen, hilft auch die KI nicht. Letztere kann das Lernen nicht ersetzen. Um mit KI umzugehen, bedarf es der Schulung im verantwortlichen Umgang mit ihr. Darum ging es in der vom Bildungsministerium organisierten Konferenz „Mënschlech viru Kënschtlech: D’Schoul am Zäitalter vun der KI“ im European Convention Center Luxembourg auf dem Kirchberg. Das Interesse bei dem vor allem aus Pädagogen bestehen Publikum war riesig, der Saal voll.
Das Bildungswesen müsse als Wegweiser fungieren, damit die Schüler KI sinnvoll und verantwortungsbewusst nutzen, betonte Bildungsminister Claude Meisch (DP) in seinen einleitenden Worten. Die Schüler müssten weniger vor der Technologie geschützt als darin unterrichtet werden, wie und warum sie eingesetzt werden sollte. Einmal mehr warnte der Politiker vor „einer kognitiven Verarmung, wenn wir die KI nicht richtig einsetzen“. KI sei kein Mensch, sie könne diesen auch nicht ersetzen, sondern unterstützen, etwa um einen „pädagogischen Mehrwert“ zu erhalten.
Kompass im KI-Dschungel
Daniela Hau stellte anschließend den sogenannten KI-Kompass vor. Dieser wurde als ein Orientierungsrahmen für den Einsatz der Künstlichen Intelligenz in der Schule entwickelt und soll den Lehrkräften als Leitfaden im Umgang mit KI – im „KI-Dschungel“ (Hau) – dienen. Die Leiterin der „Division de l’innovation pédagogique et technologique“ beim Script* hatte den „KI-Kompass“ bereits im Oktober vorgestellt und präsentierte nun die allerjüngste Version des Konzepts. Er besteht aus drei Bereichen: Orientierung, Praxis und Austausch. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Technologie selbst, sondern ihr pädagogischer Nutzen und das Ziel „KI-Kompetenz“ sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern zu fördern.
Dem Stargast des Abends oblag es, die Unterschiede zwischen menschlichem Denken und KI aufzuzeigen. Dies gelang Henning Beck auf unterhaltsame und pointierte Art und Weise. Der 1983 in der südhessischen Bergstraße geborene Neurowissenschaftler und Biochemiker, der an der Universität Tübingen studiert hatte und danach eine Zeit lang im kalifornischen Berkeley tätig war, wo er mit einem Diplom in Projektmanagement abschloss, ist Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und alles andere als im Elfenbeinturm zu Hause. Als deutscher Meister im Science Slam versteht er es, komplizierte Sachverhalte zu vermitteln und dabei den einen oder anderen Lacher zu erzeugen. Für seinen Vortrag in Luxemburg war Beck kurz zuvor aus dem winterlichen Frankfurt am Main gekommen – und es dauerte nicht, bis er sein Publikum aufs Glatteis führte.
Daten haben noch nie die Welt verändert, es waren Menschen und ihre Ideen
Henning Beck
Neurowissenschaftler
Beck nannte insgesamt elf Begriffe, von denen sich die Zuhörer möglichst viele merken sollten. Anschließend nannte er weitere drei Wörter und fragte, welches unter den elf zuerst genannten vorkam. Die Antwort: Keines von ihnen war darunter. Die Mehrheit im Saal hatte sich geirrt. Auch wenn es ein Hinweis auf die Trägheit des menschlichen Gehirns war, ging es ihm doch vor allem darum, zu zeigen, was dessen Vorteile gegenüber einer Künstlichen Intelligenz sind. Becks Meinung nach ist das menschliche Gehirn der KI in einer wesentlichen Disziplin überlegen: im Verstehen von Konzepten und Zielen. Zwar würden Daten auch als das „schwarze Gold des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, so Beck. „Aber Daten haben noch nie die Welt verändert, sondern es waren Menschen und ihre Ideen.“ Letztere seien jedoch nicht messbar. Daten könne man googeln, Ideen nicht. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal des menschlichen Denkens sei, „dass wir nicht nur lernen, sondern auch etwas verstehen“.
Darüber hinaus erklärte der Wissenschaftler und Vortragsprofi den feinen, aber wesentlichen und schließlich entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und KI: „Keine KI hat einen eigenen Willen und eine Absicht.“ Beck kritisierte, dass die Diskussion sich allzu sehr auf die Risiken der Technologie fokussiere, und warnte davor, KI und die Gefahren, die durch ihre Ablehnung entstünden, zu ignorieren. Dies wäre fahrlässig. „Wer nicht mit der KI arbeitet, der bezahlt dafür in Zukunft einen hohen Preis“, so Beck. Eine kritische Haltung sei durchaus wichtig. Beck wies darauf hin, dass die Schlüsselkompetenz der Zukunft darin liege, unterscheiden zu können, wann KI nützlich eingesetzt wird und wann es mehr auf das Urteilsvermögen des Menschen und dessen Verantwortung ankomme.
„KI-Kompetenz“ und Fahrradfahren
Für Schüler komme es mehr und mehr darauf an, Fehler und mögliche Manipulationen zu erkennen, so Beck weiter. Eine „KI-Kompetenz“ werde nicht theoretisch, sondern praktisch, durch Experimente und Analyse erworben. Das sei etwa so, wie wenn man Fahrradfahren lernt – eben durch Ausprobieren. Beck warnt davor, KI ausschließlich als Mittel einzusetzen, um Zeit zu sparen, etwa um Aufsätze zu schreiben oder Texte zu analysieren. Dadurch gehe der eigentliche pädagogische Wert verloren. Dies würde dazu führen, dass man von der Technologie abhängig und beeinflussbar wird. Schließlich sei damit der Verlust der intellektuellen Autonomie verbunden. Daher sei es wichtig, sie ständig zu hinterfragen.
Nicht zuletzt müsse man sich die Frage stellen, so Beck, was einem entginge, wenn die Menschen nicht im Umgang mit KI geschult würden, weil sie Angst vor der Technologie haben. „Was entgeht uns alles an Geschäftsmodellen oder an Zukunft, nur weil wir Angst vor dieser Technologie haben? Daher sollte es unsere Aufgabe sein, jungen Menschen die Fähigkeit zu vermitteln, sie sinnvoll einzusetzen und zu entscheiden, für was sie KI verwenden oder für was es besser wäre, mehr auf menschliches Denken zu setzen. Diese Fähigkeit wird in Zukunft überlebenswichtig sein.“
Wichtig ist der kritische Umgang mit der KI, etwa um zu überprüfen, ob es sich um Fake News handelt oder ob man manipuliert wird. Deshalb müsse man die Technologie stets auch hinterfragen. Beck zieht auch hierbei den Vergleich: Man lernt Fahrradfahren nicht, indem man sich einen Plan macht und den dann abarbeitet, sondern indem man es ausprobiert und vielleicht auch mal hinfällt. Die Schule sollte ein sicherer Ort sein, wo junge Menschen Dinge ausprobieren können. „Da kann man auch mal hinfallen“, so Beck, „aber man steht wieder auf – und ist umso stärker.“
Derweil übertreffen sich Tech-Konzerne gegenseitig immer mehr mit neuen KI-Modellen. Dystopien sind längst nicht mehr nur in Science-Fiction-Romanen und -Filmen zu finden. Die Angst vor einer übermächtigen KI wird mittlerweile auch von KI-Experten geteilt. Angesichts der rasanten Entwicklung ist sie nicht unbegründet. Der Mensch sei auf das Lerntempo der intelligenten Maschinen nicht vorbereitet und könne schon in wenigen Jahren die Kontrolle über die KI verlieren, warnt der kanadische KI-Pionier Yoshua Bengio, und der Berkeley-Informatiker Michael Cohen geht davon aus, dass die KI durchaus eigene Ziele und ein eigenes Interesse entwickeln könnte. So habe das Belohnungsmodell zum Beispiel dazu geführt, dass etwa Sprachmodelle Falschinformationen liefern könnten, um ihre menschlichen Gesprächspartner zu täuschen und zufriedenzustellen. Die Modelle könnten toxische Wesenszüge entwickeln. Im verantwortlichen Umgang mit KI müssten daher alle Menschen unterrichtet werden. Die ersten Schritte dafür obliegen den Schulen.
(* Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques)

Daniela Hau, Leiterin der „Division de l’innovation pédagogique et technologique“ beim Script, stellt den KI-Kompass vor Foto: Editpress/Julien Garroy