Ali Ansari
Wie Luxemburger Holdings ein Finanzimperium für einen sanktionierten iranischen Geschäftsmann ermöglichen
Der iranische Finanzier Ali Ansari ist mitverantwortlich für die blutigste Protestwelle im Iran seit der iranischen Revolution. Von Großbritannien sanktioniert, macht er weiterhin Geschäfte in Europa. Im Mittelpunkt seines Geschäftsimperiums: Luxemburg.
Ali Ansari soll die iranischen Revolutionsgarden, mittlerweile von der EU als Terrororganisation eingestuft, jahrelang mitfinanziert haben Foto: Vahid Salemi/AP/dpa
Ein iranischer Banker tritt am 23. Oktober 2025 vor die Kameras und bestätigt, was hinter den Kulissen längst bekannt ist: Die „Ayandeh Bank“ (Zukunftsbank) ist zahlungsunfähig. Mit rund sieben Millionen Kundinnen und Kunden gehörte sie zu den größten privaten Instituten des Irans. Der Bankenkollaps löst im Iran die schwerste Protestwelle seit der Revolution von 1979 aus. Innerhalb weniger Wochen stürzt die Landeswährung ab, die Inflation explodiert, die Straße radikalisiert sich. Zehntausende Menschen sind bei der brutalen Niederschlagung der Proteste bisher ums Leben gekommen.
Der mutmaßliche Architekt dieses Finanzdesasters, Ali Ansari, iranischer Multimilliardär, Regime-Schützling und Besitzer der Ayandeh Bank, sitzt zu diesem Zeitpunkt unbehelligt auf einem europäischen Immobilienvermögen von rund 400 Millionen Euro. Ali Ansari, ein 57-jähriger iranischer Multimilliardär, dem laut internationalen Medienberichten mehrere Staatsangehörigkeiten zugeschrieben werden, darunter solche aus St. Kitts & Nevis und Zypern. Er gilt als Gründer und faktischer Kontrolleur der Ayandeh Bank. Während im Iran Einlagen vernichtet und Lebensgrundlagen zerstört werden, generieren seine Hilton-Hotels in Frankfurt, ein Golfresort auf Mallorca und ein Einkaufszentrum im Ruhrgebiet stabile Erträge. Die juristische und finanzielle Schaltzentrale dieses Imperiums liegt jedoch nicht in Teheran, nicht in London, sondern in Luxemburg.
Aus der Karibik nach Luxemburg
Die Struktur hinter Ansaris europäischem Vermögen folgt einem klassischen Offshore-Modell. An der Spitze steht mit der „Smart Global Limited“ eine Holding mit Sitz in St. Kitts & Nevis, einem Inselstaat in der Karibik und einer Jurisdiktion ohne öffentlich zugängliches Register wirtschaftlicher Eigentümer.
Von dort wird Kapital nach Luxemburg in die Holding „Tidalwave Holdings I“ eingebracht. Entscheidend ist die Art dieses Zuflusses: Die Mittel werden nicht einfach weitergereicht, sondern über hohe Ausgabeaufschläge, sogenannte „primes d’émission“, als Eigenkapital eingebucht. Juristisch handelt es sich um eine reguläre Kapitalmaßnahme. Faktisch bedeutet sie eine Transformation. Ab diesem Punkt erscheint das Kapital nicht mehr als aus einem hochsanktionierten Umfeld stammend oder politisch exponiert, sondern als Vermögen einer regulierten EU-Gesellschaft.
Über eine niederländische Zwischenholding „Tidalwave Corporation B.V.“ wird dieses Kapital anschließend an operative Gesellschaften in Deutschland und Spanien weitergeleitet. Die tatsächliche Kontrolle bleibt dabei auf oberster Ebene bei Ansari konzentriert, während nach außen ausschließlich professionelle Geschäftsführer und lokal verankerte Gesellschaften in Erscheinung treten.
Zum Autor
Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Amir Vesali ist Luxemburger iranischer Abstammung, ein großer Teil seiner Familie lebt noch im Iran. Vesali ist gelernter Jurist und macht derzeit einen Master im Wirtschaftsstrafrecht mit Fokus auf Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und Korruption. Er arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter in der LSAP-Fraktion. Die Informationen und Hintergründe seiner Recherche wurden von der Redaktion eingehend geprüft.
Besonders aufschlussreich ist eine Serie konzerninterner Darlehensbewegungen aus dem Jahr 2016. Gelder wurden zwischen der Offshore-Holding, der Luxemburger Holding, einer niederländischen Gesellschaft und einer weiteren, kaum greifbaren Entität namens „Panarea Investment Limited“ mehrfach hin- und hergeschoben, ohne erkennbaren wirtschaftlichen Zweck. Solche Zirkulationen entsprechen dem klassischen Muster des sogenannten Layering. Durch die Vielzahl formell legaler Transaktionen wird die ursprüngliche Herkunft der Mittel zunehmend unkenntlich gemacht. In den Folgejahren wurden diese Mittel in europäische Immobilien investiert. Zusätzliche Legitimität erhielt die Struktur durch die wahrscheinliche Finanzierung einzelner Objekte durch eine deutsche Großbank, die mit dem Cum-Ex-Skandal in Deutschland in Verbindung gebracht werden kann. Juristisch ist diese Finanzierung nicht zu beanstanden. In der Praxis entfaltet sie jedoch eine erhebliche Signalwirkung. Was von einer etablierten Bank geprüft und finanziert wurde, gilt nachgelagerten Akteuren als unbedenklich, selbst wenn die Prüfung sich nur auf einzelne Gesellschaften und nicht auf die gesamte Eigentümer-Kette erstreckt hat.
Dreh- und Angelpunkt: Luxemburg
Luxemburg ist in diesem Gefüge nicht die operative Zentrale von Ansaris Geschäften, sondern die juristische Schaltstelle. Die Holding verfügt über eine europäische Adresse, professionelle Geschäftsführer und einen ordnungsgemäßen Eintrag im Handelsregister. Gleichzeitig bleibt die tatsächliche wirtschaftliche Kontrolle räumlich und rechtlich von Luxemburg entkoppelt. Diese Kombination bildet den Kern der Struktur und erklärt, weshalb Luxemburg in diesem Fall zur zentralen Drehscheibe eines weit verzweigten Vermögenssystems geworden ist.
Zahlreiche Presseberichte und Analysen iranischer wie internationaler Medien beschreiben Ansari als wirtschaftlich einflussreichen Akteur mit Nähe zu den Machtzentren der Islamischen Republik. Nach Einschätzung der iranischen Zentralbank und unabhängiger Beobachter wurde die Ayandeh Bank über Jahre hinweg in einem Umfang zur Finanzierung verbundener Unternehmen genutzt, der weit über das übliche Maß hinausging. Strafrechtliche Konsequenzen für Ansari sind bis heute nicht bekannt.
Ali Ansaris europäisches Geschäftsmodell mit Luxemburg als Dreh- und Angelpunkt der Operation Infografik: Amir Vesali
Während andere superreiche Akteure des iranischen Wirtschaftssystems in vergleichbaren Affären verhaftet oder sogar hingerichtet wurden, häufig nachdem sie politisch nicht mehr tragbar oder für das Regime nicht mehr nützlich erschienen, blieb Ansari unangetastet. Diese Immunität war öffentlich sichtbar. Bei der Beerdigung seines Vaters im Frühjahr 2025 versammelte sich die Elite des Regimes: Vertreter des Büros des Obersten Führers, ehemalige Geheimdienstminister, politische Berater, Angehörige der Revolutions-Elite.
Verbindungen zum Obersten Führer
Am 28. Januar 2026 veröffentlicht Bloomberg nach monatelanger Recherche eine brisante These: Ali Ansari fungiert als Hauptkontoinhaber und Vermögensverwalter von Mojtaba Khamenei, dem zweitältesten Sohn des Obersten Führers und möglichem Nachfolger seines Vaters. Während Ajatollah Ali Khamenei nach außen hin einen bescheidenen Lebensstil pflegt, existieren seit Jahren Hinweise auf ein milliardenschweres Familienvermögen im In- und Ausland.
Laut Bloomberg sollen sich Ansari und Mojtaba Khamenei während ihres Wehrdienstes kennengelernt haben, in einem System, in dem die Söhne der Elite bevorzugte Positionen erhielten. In offiziellen Dokumenten taucht Mojtabas Name nicht auf. Nach Einschätzung von Iran-Experten und westlichen Finanzermittlern, auf die sich Bloomberg beruft, spricht gerade diese Abwesenheit für den Einsatz von Strohmännern.
Ansaris Anwalt Roger Gherson weist gegenüber Bloomberg die Vorwürfe entschieden zurück. Sein Mandant bestreitet jegliche finanzielle oder persönliche Beziehung zu Mojtaba Khamenei. Gherson ist auf politisch hochbrisante Mandate spezialisiert; zu seinen früheren Klienten zählte auch der Wagner-Gründer Jewgeni Prigoschin.
Die Nähe zum Regime wird beim Fall von Ansaris Bank offensichtlich. Um einen vollständigen Zusammenbruch zu verhindern, wird die Ayandeh Bank notfallmäßig in die staatliche Bank Melli Iran integriert, ein staatliches Kreditinstitut, das international wegen seiner Rolle im iranischen Finanzsystem als sanktioniertes oder hochriskantes Institut eingestuft ist. Gleichzeitig wird massiv Geld gedruckt. Die Folgen sind unmittelbar: Am 28. Dezember 2025 fällt der iranische Rial auf ein historisches Tief von 1.432.000 zum US-Dollar. Inflation und Versorgungsengpässe treffen erstmals auch jene gesellschaftlichen Gruppen, die traditionell als regimetreu galten – darunter die Händler des Großen Basars in Teheran. Die Lage eskaliert im Januar 2026, sozial-ökonomische Verzweiflung weicht einer offenen Infragestellung des Regimes – mit den heute nur zu erahnenden Konsequenzen.
Dieses am 9. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen Foto: Uncredited/UGC/AP/dpa
Frage der Kohärenz
Vor diesem Hintergrund ist erklärungsbedürftig, warum die Europäische Union bislang keine vergleichbare individuelle Sanktionierung vorgenommen hat. Ansaris Gebaren und seine Regime-Nähe werfen entscheidende Fragen auf. Die britische Regierung hat am 30. Oktober 2025 öffentlich erklärt, es gebe einen begründeten Verdacht, dass Ansari wirtschaftliche Ressourcen bereitgestellt habe, um die Aktivitäten der Islamischen Revolutionsgarden zu unterstützen. Auf dieser Grundlage verhängte das Vereinigte Königreich ein umfassendes Maßnahmenpaket, bestehend aus dem Einfrieren sämtlicher Vermögenswerte, einem Reiseverbot sowie einem Berufsverbot als Unternehmensleiter. In der offiziellen Mitteilung des „Foreign, Commonwealth and Development Office“ wird Ansari ausdrücklich als Akteur bezeichnet, der durch finanzielle Unterstützung zur feindseligen Tätigkeit des iranischen Staatsapparats beigetragen habe. Zwar hat der Brexit dazu geführt, dass britische Entscheidungen keine automatische Rechtswirkung mehr innerhalb der EU entfalten. Doch diese institutionelle Trennung erklärt nicht, weshalb identische Vorwürfe, die von einem engen europäischen Partnerstaat als sanktionswürdig bewertet wurden, auf EU-Ebene bislang folgenlos geblieben sind. Die Revolutionsgarden sind inzwischen auch von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft, und ein erheblicher Teil von Ansaris Vermögensstruktur operiert innerhalb des europäischen Binnenmarkts.
Und auch Luxemburg muss sich als sichtbarer Knotenpunkt eines Systems, das formal korrekt funktioniert, aber anfällig wird, wenn sicherheitspolitische Einschätzungen nicht kohärent zwischen den maßgeblichen Akteuren abgestimmt werden, in Frage stellen.