Zivilgesellschaft

Sophie (16) und Alex (17) von Move: „Du merkst in der Masse: Du bist nicht allein“

Zwei Jugendliche aus Luxemburg fahren zur „Wir haben es satt“-Demo nach Berlin. Zurück kommen sie mit neuen Kontakten, konkreten Fragen zur Agrarwende und dem Gefühl, in der Masse nicht allein zu sein. Sophie und Alex erzählen von Engagement ohne Heldentum und von Hoffnung trotz Rückschritten.

Alex und Sophie bei der „Wir haben es satt“-Demo in Berlin für nachhaltige Landwirtschaft und Umweltschutz

Alex (2.v.l.) und Sophie (r.) haben am vergangenen Wochenende an der „Wir haben es satt“-Demo in Berlin teilgenommen Foto: Move

Tageblatt: Ihr wart bei der „Wir haben es satt“-Demo in Berlin. Wann hat euer politisches Engagement angefangen? Gab es einen Auslöser?

Sophie: Bei mir hat das vor etwas mehr als zwei Jahren angefangen, und zwar bei Move. Ich bin durch ein Schulprojekt und durch meine Deutschlehrerin in Kontakt mit früheren Move-Mitgliedern gekommen. Die haben mich dann so ein bisschen hierhergezogen – und ich bin nicht mehr fortgegangen.

Alex: Bei mir hängt das auch damit zusammen. Sophie hat mich zu Move mitgenommen. Ich war vorher aber auch schon interessiert, weil unsere Schule sich für ein paar Sachen engagiert hat. Ich war da mal mehr, mal weniger aktiv. Das hat so seinen Lauf genommen.

Gab es den Moment, wo ihr dachtet: Ich kann nicht mehr nur zuschauen, ich muss was machen?

Sophie: Einen ganz spezifischen Punkt gab es nicht. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo Klima plötzlich überall Thema war. Als Kind hat mich das total gestört, dass alles so schlimm ist. Und sobald ich gemerkt habe, dass ich auch die Möglichkeit habe, mich zu engagieren, habe ich das gemacht. Ich glaube, viele wissen nicht, dass es Anlaufstellen gibt, wo man etwas tun kann.

Alex: Ich war mir des Themas schon länger bewusst. Je älter ich geworden bin, desto mehr ist mir aufgefallen, wie viele Probleme da dranhängen. Und dann habe ich mir gedacht: Das ist wichtig – nicht nur für meine Zukunft, sondern für die Gesellschaft. Also mache ich meinen Teil.

Frage: Habt ihr durch euer Engagement Leute verloren – oder eher neue gefunden?

Sophie: Neue, definitiv. Jetzt zum Beispiel gerade in Berlin: Man hat viele neue Leute kennengelernt und konnte interessante Diskussionen führen. Ich würde nicht sagen, dass ich jemanden verloren hätte. Klar kriegt man mal eine blöde Bemerkung, aber ich habe jetzt niemanden deswegen aus meinem Leben gestrichen.

Alex: Bei mir auch nicht. Ich habe eher viele neue Leute kennengelernt. Und ich bin froh, dass ich Leute gefunden habe, die sich auch für die Sache einsetzen.

Diese blöden Bemerkungen – treffen die euch?

Sophie: Nicht wirklich. Oft ist es nicht böse gemeint. Die Leute denken, sie machen einen netten Witz, aber es ist eher nervig als verletzend.

Alex: Es kratzt schon ein bisschen. Nicht, weil ich mir unsicher bin, ich bin mittlerweile ziemlich überzeugt von dem, was ich mache. Ich bin nicht ‚stolz‘, das ist vielleicht das falsche Wort, aber ich stehe dahinter. Und ich weiß, warum ich das mache. Dann kann ich das auch erklären, wenn jemand einen blöden Spruch bringt.

Was ist Move?

Move ist die Jugendgruppe des Mouvement écologique. Die Gruppe setzt sich für eine zukunftsorientierte, umweltbewusste Gesellschaft ein und will den Stimmen der jungen Generation in Politik und Öffentlichkeit Gehör verschaffen. Inhaltlich arbeitet Move an den Themen Klimawandel, Naturschutz, Globalisierung, Mobilität, Wohnen, Landwirtschaft, Mitbestimmung, Schule und Konsum.

Hattet ihr wegen der Größe einer Demo oder wegen Öffentlichkeit schon mal Angst oder Nervosität?

Sophie: Eigentlich nicht. Man hört natürlich von Sachen, die in anderen Ländern passieren, und bei so großen Massen kann theoretisch immer etwas passieren. Wenn irgendwo Panik ausbricht, kann das gefährlich sein. Aber ich habe das noch nie so erlebt, dass ich persönlich Angst hatte. In Berlin war ja alles angemeldet, die Route war klar, und es fährt auch kein Auto rein. Ich habe mich nicht unsicher gefühlt. Und bei der Polizei hängt es total vom Kontext ab. Man muss sich immer bewusst sein, wie die Stimmung und das politische Klima sind. Aber bei einer Demo zur Agrarwende ist die Polizei nicht die Gruppe, die sich angesprochen oder angegriffen fühlen muss.

Warum konkret diese Demo – warum nach Berlin fahren?

Sophie: Die Demo findet jedes Jahr statt, und Move fährt auch jedes Jahr mit. Weil die Werte uns total widerspiegeln: Es geht um eine nachhaltigere Landwirtschaft. Und wir haben in unseren Projekten auch viel mit Landwirtschaft zu tun. Außerdem ist Berlin nicht so weit weg, das ist machbar. Und es gibt einem das Gefühl, dass man etwas beiträgt.

Alex: Ich fand es auch stark, dass so viele verschiedene Gruppen zusammengekommen sind: Bauern, Umweltgruppen, auch Parteien. Leute, die sich für Klimaschutz und ähnliche Themen einsetzen. Es war einfach cool, Teil von so einer großen Gruppe zu sein.

Was ist euch in Berlin besonders im Gedächtnis geblieben?

Alex: Nach der Demo waren wir noch in der Heinrich-Böll-Stiftung. Das fand ich wirklich toll, weil man viele Leute von der Demo dort noch mal gesehen hat. Es gab weitere Reden und Präsentationen. Ich habe extrem viel gelernt. Da war zum Beispiel ein Bio-Bauer, der erzählt hat, wie schwer es ist, seinen Betrieb weiterzuführen und welche Probleme er hat. Und das war interessant, weil solche Probleme auch in Luxemburg vorkommen.

Sophie: Für mich auch die Stiftung, wegen der Workshops und Diskussionen, das war sehr informativ. Und dann gab es einen Moment auf der Demo, eher gegen Ende, wo wir alle zusammen gelaufen sind. Das hat sich einfach richtig gut angefühlt. Die Atmosphäre mit Rufen und Plakaten, das war irgendwie sehr ‚powerful‘.

Wenn ihr Berlin mit Luxemburg vergleicht: Was ist der größte Unterschied – außer der Größe?

Sophie: In Berlin war es ein klassischer Protestmarsch: Viele Leute, gemeinsam laufen, zeigen: Wir sind hier, wir sind laut. In Luxemburg macht man oft eher symbolische Protestaktionen. Ich war zum Beispiel bei einer Aktion, wo wir zwei Särge rund um die Chamber getragen haben – als Bild dafür, was politisch ‚zu Grabe getragen‘ wird. Das ist eine andere Art von Protest als ein Marsch.

Vielleicht braucht Luxemburg diese symbolischen Aktionen, weil man nicht immer eine große Masse auf die Straße bekommt. Fridays for Future hatte eine Zeit lang wirklich viele Leute, aber das ist wieder weniger geworden. Wenn man jetzt eine Demo organisieren würde, kämen vielleicht nicht genug, damit es stark wirkt.

Luxemburg verliert junge Leute durchs Studium im Ausland. Kann man hier überhaupt eine Protestkultur aufbauen, wenn die kritische Masse fehlt?

Alex: Das ist wirklich eine spezielle Situation. Viele Jugendorganisationen bestehen aus Schülern oder ganz jungen Studierenden. Und diesen ‚großen‘ Pool gibt es in Luxemburg nicht so, weil viele fürs Studium weggehen. Oft engagieren sich Leute vielleicht drei Jahre lang – und dann sind sie weg. Später kommen manche zurück, aber dazwischen entsteht ein Loch. Und das macht es schwer, große Communities aufzubauen.“

Was sagt ihr zu der Aussage „Demos ändern nichts“?

Sophie: „Das finde ich einfach falsch. Es gibt genug Beispiele in der Geschichte, dass Demos einen Effekt haben. Eine Masse kann mega Druck auf Politik ausüben, wenn man zeigt, wofür man steht, wenn man auftaucht und dahintersteht. Ich denke zum Beispiel an die DDR, an Leipzig und andere Städte: Da sind immer mehr Menschen gekommen, mit immer mehr Elan – und das hat etwas bewirkt. Und Protest ist nicht nur eine Form. Man kann auch wirtschaftlichen Druck ausüben. Als Bevölkerung haben wir viel Macht, wenn wir zusammenkommen.

Ihr habt den Begriff „Purity Politics“ gehört – dieses gegenseitige Kontrollieren, ob jemand „richtig“ genug lebt. Kennt ihr das?

Alex: Ich erlebe das weniger von innen, eher von außen: Leute, die dumme Bemerkungen machen und dann mit Doppelmoral kommen. Wichtig ist: Wir sind Menschen und nicht perfekt. Gerade in einer eher linken, klimaaktivistischen Kultur muss man offen bleiben. Man soll Kritik äußern können, ohne es persönlich zu nehmen, und konstruktiv daraus lernen. Leute nur fertigzumachen ist der falsche Weg.

Sophie: Ich habe persönlich noch keine krassen Fälle erlebt. Ich glaube, online wird damit viel mehr um sich geworfen. In unserer Bubble ist es eher eine aufklärende Atmosphäre: Man kann zivilisiert diskutieren und sich gegenseitig informieren, weil diese Themen riesig sind und ständig neue Infos dazukommen.

Gibt es trotzdem auch Kritik an Aktivismus, die ihr nachvollziehen könnt?

Sophie: Vielleicht bei manchen sehr ‚hardcore‘ Aktivisten. Wenn man so verbissen im Thema ist, erreicht man Leute außerhalb der Bubble nicht mehr. Dann bräuchte es oft eine pädagogischere Herangehensweise. Radikalere Aktivisten braucht es zwar auch, aber man muss die Menschen trotzdem mitnehmen.

Alex: Und manchmal wirkt es so, als würden manche von oben herab reden: so, als wüssten sie es besser und wären moralisch überlegen. Dann erreicht man niemanden. Da muss man die eigene Herangehensweise hinterfragen.

Welche Themen werden in Luxemburg unterschätzt?

Alex: Dass Klimawandel nicht etwas ist, was irgendwann kommt, sondern dass weltweit jetzt schon Menschen darunter leiden. Umweltkatastrophen zerstören Leben und Dörfer. Hier hat man oft das Gefühl: Uns geht‘s noch gut. Aber wir hängen da auch drin, weil viele Sachen, die wir konsumieren, unter Bedingungen produziert werden, die problematisch sind. Die Dinge, die wir kaufen, wachsen aber nicht im Cactus-Regal. Da gibt es eine Geschichte und einen ganzen Zyklus.

Wenn ihr einen Hebel für Luxemburg nennen müsstet: Was sollte sich bewegen?

Alex: Bildung. Dass Klima und Zusammenhänge stärker in Schullehrpläne kommen. Nicht nur ‚die Erde wird wärmer‘, sondern: Wodurch entsteht das, was hängt dran, was heißt das konkret – damit das wirklich im Bewusstsein ankommt.

Was macht euch Hoffnung?

Sophie: Im Moment nicht so viel, außer solche Demos. In Berlin waren es um die 10.000 Leute. Das ist beeindruckend. Auch wenn politisch gerade nicht viel weitergeht und es sogar Rückschritte gibt: Dass Leute trotzdem weitermachen, Kampagnen machen und auftauchen – das gibt mir Hoffnung. Und dass so viele Leute aus so vielen Bereichen zusammen kämpfen.

Alex: Bei mir auch. Gegen Ende waren alle richtig froh, haben getanzt, gesungen. Das war schön: In so einer negativen Zeit können Leute zusammenkommen. Es war kein Trauermarsch. Man kann immer noch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

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