L’histoire du temps présent

Die kapverdische Einwanderung und die koloniale Vergangenheit Luxemburgs: Ein Rückblick auf die 1970er Jahre

Luxemburg besaß nie eigene Kolonien – doch seine Geschichte ist stärker mit dem Kolonialismus verknüpft, als lange angenommen.

Titelseite der Wochenzeitung Lëtzeburger Land vom 16. Juni 1972 mit Schlagzeile zu behördlichem Rassismus

Die unabhängige liberale Wochenzeitung „Lëtzeburger Land“ prangert am 16. Juni 1972 auf ihrer Titelseite „behördlichen Rassismus“ an Quelle: eluxemburgensia.lu

Am 9. Januar 2022 gab der luxemburgische grüne Verteidigungsminister François Bausch dem Luxemburger Wort ein Interview, in dem er auf die Lage in Mali und die Präsenz luxemburgischer Soldaten in dem westafrikanischen Land einging. In diesem Zusammenhang behauptete er: „Gewiss kommt uns zugute, dass wir keine Kolonialvergangenheit haben.“1)

Dieser Satz wurde in der Ausstellung hervorgehoben, die drei Monate später im „Musée national d’histoire et d’art“ ihre Türen öffnete. Der Titel der Ausstellung, „Die koloniale Vergangenheit Luxemburgs“, machte von Anfang an deutlich, dass der Minister sich hier an einer Umdeutung der Geschichte versucht hatte. Der Text zur Ausstellung trifft den Nagel auf den Kopf: „Auch wenn Luxemburg nie die Herrschaft über ein Überseegebiet oder dessen Bevölkerung ausgeübt hat, sind im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche Männer und Frauen ausgewandert, um sich in den Kolonien anderer europäischer Länder niederzulassen und zu arbeiten. Diese Luxemburger haben dort alle möglichen Funktionen ausgeübt: Soldaten, Wissenschaftler, Geschäftsleute, Missionare und Missionarinnen und selbst Kolonialbeamte. Tatsächlich wurde aktive Propaganda betrieben, die darauf abzielte, auf luxemburgischem Boden Kolonisten für Belgisch-Kongo anzuwerben. Das Kolonialsystem, das auf dem Prinzip der Ungleichheit zwischen Europäern und Kolonisierten beruhte, stützte sich auf vorgeblich wissenschaftliche Theorien, die eine Überlegenheit bestimmter ‚Rassen’ gegenüber anderen behaupteten, wodurch sie Beherrschung und Ausbeutung der kolonisierten Bevölkerungen durch die Europäer rechtfertigten. (...) Diese lange Zeit vorherrschende kolonialistische Weltsicht ist heute überholt, doch sie hat tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Manche Nachwirkungen sind bis heute schmerzhaft spürbar. Antirassistische Aktivisten erinnern seit langem daran, dass die heutige Rassendiskriminierung, in Luxemburg wie auch überall sonst auf der Welt, auf aus der Kolonialzeit stammenden Stereotypen beruht.“

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