Umstrukturierung

ArcelorMittal prüft 1.150 Jobs in Luxemburg – Gewerkschaften warnen vor Fehlinterpretationen

Mitten in laufenden Tripartite-Verhandlungen kündigt ArcelorMittal eine Studie zu Supportfunktionen an. In Luxemburg umfasst der Analyse-Rahmen bis zu 1.150 Stellen. Die Gewerkschaften OGBL und LCGB warnen vor Fehlinterpretationen.

ArcelorMittal Büro in Luxemburg mit Mitarbeitern, Diskussion über Prüfung von 1.150 Arbeitsplätzen und Zukunft der Stahlindustrie

ArcelorMittal prüft 1.150 Arbeitsplätze in Luxemburg Symbolfoto: Editpress/Julien Garroy

ArcelorMittal hat dem Europäischen Betriebsrat (EBR) am 29. Januar Zahlen zu einem Umstrukturierungsprojekt für Supportfunktionen vorgestellt. Nach einem Bericht von Paperjam vom Dienstag könnten in diesem Zusammenhang bis zu 1.150 Arbeitsplätze in Luxemburg betroffen sein. Das entspräche rund 33 Prozent der Belegschaft im Großherzogtum. Jean-Luc de Matteis, Generalsekretär des OGBL, bestätigt am Mittwoch gegenüber dem Tageblatt die genannte Zahl. Er betont jedoch, dass es sich dabei lediglich um einen „möglichen Umfang“ handelt, nicht jedoch um eine endgültige Entscheidung.

„Am vergangenen Donnerstag fand eine Sitzung des Europäischen Betriebsrats (EBR) statt, bei der ArcelorMittal eine Studie zur Verlagerung von 5.600 Arbeitsplätzen in Richtung Indien und Polen vorgestellt hat“, sagt de Matteis. Für Luxemburg sei der Rahmen auf 1.150 Plätze gesetzt worden. „Das bedeutet jedoch nicht, dass automatisch eine Delokalisierung stattfindet“, sagt de Matteis und betont, dass bislang nur die Studie feststeht. Insbesondere in Luxemburg gebe es den Rahmen des „accord tripartite“, der bereits in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen bei der Suche nach Antworten geholfen habe.

Jean-Luc de Matteis, Generalsekretär des OGBL, Porträtfoto vor neutralem Hintergrund

Jean-Luc de Matteis, Generalsekretär des OGBL Foto: Editpress/Alain Rischard

De Matteis macht jedoch auch klar, dass der OGBL keineswegs mit dem Vorgehen von ArcelorMittal einverstanden ist. Was das Unternehmen tue, sei „nicht in Ordnung“. Es beantrage europäische Hilfen wegen unlauteren Wettbewerbs aus China, verlagere aber gleichzeitig Arbeitsplätze aus Europa heraus.

Über einen Sozialplan werde derzeit jedoch nicht gesprochen – so weit sei man „bei weitem noch nicht“. Der OGBL erwarte bei der nächsten EBR-Sitzung am 26. Februar genauere Informationen. „Wir befinden uns mitten in den Verhandlungen des ‚accord tripartite‘, damit kann man eine ganze Menge Maßnahmen einführen, um die Situation zu vereinfachen“, sagt de Matteis.

Klares Veto vom LCGB

Auch der LCGB warnt vor Fehlinterpretationen. Die von ArcelorMittal vorgestellte Analyse beziehe sich auf 1.150 Personen, nicht auf ebenso viele Kündigungen, sagt der stellvertretende Generalsekretär Robert Fornieri im Gespräch mit dem Tageblatt. „Es geht darum, zu prüfen, ob es möglich ist, Aktivitäten an einen anderen Ort zu verlagern“, sagt Fornieri. Im Rahmen der Dreiergespräche müsse über Beschäftigung, Investitionen und soziale Maßnahmen gesprochen werden. Es komme jedoch nicht in Frage, über eine Verlagerung zu diskutieren.

Robert Fornieri, stellvertretender Generalsekretär des LCGB, spricht auf einer Konferenz vor blauem Hintergrund

Robert Fornieri, stellvertretender Generalsekretär des LCGB Foto: Editpress/Julien Garroy

Fornieri kritisiert ebenfalls, dass ArcelorMittal europäische Förderinstrumente nutzt, während gleichzeitig Arbeitsplätze in Luxemburg abgebaut und an anderen Standorten geschaffen würden. Das sei „inakzeptabel und unglaubwürdig“. Vor einem Jahr sei die Rede davon gewesen, alle Support-Funktionen in Europa zu analysieren, um eine eventuelle Auslagerung bestimmter Funktionen zu prüfen.

„Damals hieß es, dass vor allem Frankreich und Belgien betroffen sein würden“, sagt Fornieri. Für Luxemburg sei lediglich über die Möglichkeit einer Analyse nachgedacht worden. Dass nun während laufender Tripartite-Verhandlungen auch in Luxemburg Analysen angekündigt wurden, habe „etwas Provokatives, das man nicht ignorieren kann“. Für den LCGB komme es nicht in Frage, über Verlagerungen zu diskutieren. Die Gewerkschaft würde „ein klares Veto einlegen“. Es bestehe die Gefahr, dass der „accord tripartite“ in Frage gestellt werde.

ArcelorMittal: Keine groß angelegte Verlagerung vorgesehen

In einem Presseschreiben vom Mittwoch weist ArcelorMittal Befürchtungen über einen massiven Stellenabbau zurück. Die während der EBR-Sitzung vorgestellten Zahlen beträfen lediglich den Umfang der Studie. Es sei nicht vorgesehen, Tausende von Arbeitsplätzen in Europa nach Polen und Indien zu verlagern. Die Behauptung, dass mehr als ein Drittel der Arbeitsplätze in Luxemburg gefährdet seien, sei falsch. In Luxemburg würden derzeit im Rahmen der Dreiergespräche Fragen zu Organisation, Personal, Investitionen und zur Rolle der globalen Zentrale, einschließlich des Einsatzes von KI, diskutiert.

Ziel der vorgestellten Studie sei es, festzustellen, welche Funktionen für eine Verlagerung tatsächlich in Frage kommen. In vielen Fällen werde sich „wahrscheinlich“ zeigen, dass eine Verlagerung keinen Sinn ergibt.

Kritik von „déi Lénk“

Die politische Sensibilität von „déi Lénk“ kritisiert das Vorhaben von ArcelorMittal am Mittwoch in einem Presseschreiben. Der Luxemburger Staat, Verwaltungsratsmitglied bei ArcelorMittal, habe „stets massiv in den Konzern investiert“. Seit 2016 seien mehr als 24 Millionen Euro staatlicher Beihilfen in das Unternehmen geflossen, unter anderem für die Dekarbonisierung. Zudem habe sich der Staat mit 273,5 Millionen Euro an einem Joint Venture für den neuen Hauptsitz von Arcelor in Kirchberg beteiligt – das entspreche der Hälfte der Kosten.

Der Stahlkonzern habe im dritten Quartal 2025 einen Umsatz von 15,7 Milliarden Dollar verzeichnet. Frühere Umstrukturierungsprojekte hätten stets zu Entlassungen geführt, teilweise über staatlich finanzierte Vorruhestandsregelungen. Von 2007 bis 2019 habe der Staat insgesamt 300 Millionen Euro gezahlt.

„Déi Lénk“ fordert eine Dringlichkeitssitzung der parlamentarischen Ausschüsse mit den zuständigen Ministern, um die Abgeordneten über das umfangreiche Dossier zu informieren. (les)

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