1.150 Stellen bei ArcelorMittal in Gefahr
Arbeitsminister Spautz und Wirtschaftsminister Delles greifen am 20. März ein
Die planmäßigen Verhandlungen zwischen ArcelorMittal, Gewerkschaften und Regierung über eine neue Rahmenvereinbarung für die Stahlindustrie wurden erschüttert durch die Ankündigung des Stahlriesen, 1.150 Stellen aus Luxemburg nach Indien und Polen auszulagern. CSV-Arbeitsminister Marc Spautz und DP-Wirtschaftsminister Lex Delles wollen sich am 20. März in die Stahltripartite einschalten.
CSV-Arbeitsminister Marc Spautz und DP-Wirtschaftsminister Lex Delles vor drei Wochen bei einer Pressekonferenz im Wirtschaftsministerium Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
„Am Kader vu sengem Deplacement op de Weltwirtschaftsforum zu Davos huet de Premierminister an engem kuerze Gespréich mam Aditya Mittal dofir plaidéiert, dass et keng Delokalisatioun sollt ginn, dass de Siège vun ArcelorMittal zu Lëtzebuerg soll bleiwen an dass d’Investissementer a lëtzebuergesch Sitte sollen héich bleiwen“, teilte die Regierung am Freitagabend etwas lapidar mit, nachdem am Vormittag „d’Situatioun vun ArcelorMittal“ im Regierungsrat angesprochen worden war.
Schon seit Oktober verhandeln Unternehmensleitung, Gewerkschaften und hohe Beamte aus dem Wirtschafts- und Arbeitsministerium fast wöchentlich im „Comité de coordination sidérurgie“ über ein neues Stahltripartie-Abkommen. Das letzte – „Lux 2025“ – ist am 31. Dezember abgelaufen. Wie lange das neue Bestand haben soll, ist noch nicht bekannt – deshalb trägt es den vorläufigen Arbeitstitel „Lux 20xx“. Erschüttert wurden die Verhandlungen Ende Januar, als ArcelorMittal in einer Sitzung des Europäischen Betriebsrats (EBR) eine Studie vorlegte, die die Auslagerung von 5.600 Arbeitsplätzen aus 20 europäischen Ländern nach Indien und Polen vorsieht. Betroffen seien vor allem Stellen im Bereich „Support“ (IT, Logistik, Verwaltung, Wartung). Im Großherzogtum, wo ArcelorMittal seinen Hauptsitz hat, seien 1.150 Stellen betroffen.
Anfang 2025 beschäftigte der Stahlriese in Luxemburg rund 3.500 Mitarbeiter. Ungefähr ein Viertel von ihnen ist laut Unternehmensangaben im Verwaltungssitz am boulevard d’Avranches tätig, die restlichen arbeiten an den Industriestandorten in Esch-Belval, Differdingen, Rodange, Bissen und Dommeldingen. Würde Arcelormittal tatsächlich 1.150 Beschäftigte aus Luxemburg abziehen, wäre das ein Drittel der Gesamtbelegschaft. Weil vom Abbau fast ausschließlich Support-Stellen visiert sind, wäre quasi die ganze Verwaltung betroffen. Was auch deshalb überraschend wäre, weil ArcelorMittal auf Kirchberg seit drei Jahren an einem neuen 79 Meter hohen Hauptsitz aus Stahl und Glas baut. Das Gebäude mit dem Namen K22 bietet ausreichend Platz, um die 800 Angestellten aufzunehmen, die derzeit noch im aktuellen Hauptsitz auf Verlorenkost arbeiten. Doch schon vor Baubeginn hatte das Stahlunternehmen bekundet, K22 werde zu groß. Deshalb bezahlt der Staat mit 275 Millionen Euro die Hälfte der Baukosten und darf im Gegenzug in einem Teil des Gebäudes Verwaltungen unterbringen.
„Dankesschuld“
Aus „Dankesschuld“ subventioniert der Staat ArcelorMittal seit 50 Jahren mit Milliarden. Damals, in der Stahlkrise, setzten Regierung und Gewerkschaften alles daran, dass niemand entlassen wird von der Arbed, dem einst größten Arbeitgeber, dem das Land seinen Reichtum zu verdanken hat. Um den Standort abzusichern, schufen sie Krisenpläne und andere Instrumente, die es den Beschäftigten mithilfe des Staates ermöglichen sollten, in Arbeit zu bleiben oder frühzeitig in Rente zu gehen.
25.000
1974 beschäftigte die luxemburgische Stahlindustrie rund 25.000 Menschen. Zehn Jahre später waren es 13.400, 2010 nur noch rund 6.000.
2004, kurz bevor Mittal den Arbed-Merger Arcelor übernahm, vereinbarten Regierung und Sozialpartner das Projekt „Lux 2006“, ein Strategiepapier, das den Abbau von bis zu 1.100 Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie vorsah, um die „Produktivität in den Betrieben zu steigern“ und die „Wettbewerbsfähigkeit zu garantieren“. Auf „Lux 2006“ folgte 2008 „Lux 2011“, 2012 dann „Lux 2016“. Das Nachfolgeabkommen wurde erst im Herbst 2017 unterzeichnet und war nur zwei Jahr gültig, es hatte den Namen „Lux 2020“ wohl nicht verdient.
1974 beschäftigte die luxemburgische Stahlindustrie rund 25.000 Menschen. Zehn Jahre später waren es 13.400, 2010 nur noch rund 6.000. Obwohl das Unternehmen regelmäßig hohe Gewinne einfährt und in neue Anlagen wie Elektroöfen und Walzstraßen investiert, ging die Restrukturierung der Stahlindustrie mit Werkschließungen (Düdelingen, Schifflingen, Rodange) und Arbeitsplatzabbau – meist durch Pläne zur Aufrechterhaltung der Beschäftigung, Frühverrentung und Wiedereingliederungsmaßnahmen – einher.
„Lux 2025“ wurde bei der Stahltripartite im Dezember 2020 beschlossen und einen Monat später unterzeichnet, es sah den weiteren Abbau von 536 Stellen vor. Das Luxemburger Modell habe „voll funktioniert“, sagte der damalige LSAP-Arbeitsminister Dan Kersch auf einer Pressekonferenz im Januar 2021. Es werde keine „harten Entlassungen“ geben; rund 300 Beschäftigte erhielten die Möglichkeit, in Frührente zu gehen, während die „Cellule de reclassement“ weitere 280 begleiten werde – zu einem Sozialplan werde es nicht kommen. Im Gegenzug verpflichtete sich ArcelorMittal, keinen Standort in Luxemburg zu schließen und bis 2025 mindestens 165 Millionen Euro zu investieren.
LSAP-Motion
Was bei den im Oktober begonnenen Diskussionen zum Folgeabkommen auf dem Spiel steht, behalten die Sozialpartner für sich, doch das Modell des „staatlich bezuschussten Personalabbaus ohne Entlassungen“, wie das Land es 2017 bezeichnete, dürfte auch diesmal Gegenstand der Verhandlungen sein. Die Ankündigung, ArcelorMittal wolle in den kommenden Jahren vielleicht 1.150 Stellen in Luxemburg abbauen – mehr als doppelt so viele wie in den letzten sechs Jahren –, sorgte dann doch für etwas Aufregung. Nicht nur bei den Gewerkschaften, auch in der LSAP. Der Abgeordnete Mars Di Bartolomeo forderte die Regierung vergangene Woche in einer Motion dazu auf, eine (außerplanmäßige) Stahltripartite einzuberufen, um über die Zukunft der Branche zu diskutieren und harte Entlassungen zu verhindern. Noch bevor die Kammer darüber abstimmen konnte, teilte die Regierung am Freitag mit, dass CSV-Arbeitsminister Marc Spautz und DP-Wirtschaftsminister Lex Delles sich an den Diskussionen beteiligen werden. Tageblatt-Informationen zufolge soll diese Sitzung am 20. März stattfinden. OGBL und LCGB hätten sich gefreut, wenn auch CSV-Premier Luc Frieden dabei gewesen wäre, um ihnen zu berichten, was genau er Aditya Mittal in dem kurzen Gespräch in Davos gesagt hat und was der CEO von ArcelorMittal ihm geantwortet hat, als Frieden dafür plädierte, dass es keine „Delokalisatioun“ geben sollte und der Hauptsitz des Unternehmens in Luxemburg bleiben soll.