Editorial

Wie Kompetenzgerangel den versteckten Sexismus in Luxemburg bloßlegt

18 Frauen und 42 Männer sollen nach dem Willen der Wähler in der Chamber Platz nehmen

18 Frauen und 42 Männer sollen nach dem Willen der Wähler in der Chamber Platz nehmen Foto: Editpress/Julien Garroy

Als das Tageblatt in der Freitagsausgabe die Analyse der Wahlresultate hinsichtlich der Geschlechter-Parität veröffentlichte, ließen die üblichen Antworten nicht lange auf sich warten. Bei 18 Frauen im Parlament könne man sich doch nicht beschweren. Das seien doch schon viele und es gehe voran! Schließlich waren es beim letzten Mal nur zwölf Frauen, die in die Chamber gewählt wurden. Außerdem zähle am Ende doch nur die Kompetenz, nicht das, was man zwischen den Beinen hat.

Natürlich ist es wichtig, dass kompetente Menschen in unserem Parlament sitzen und die Geschicke des Landes führen. Kratzt man aber an der Oberfläche des Kompetenz-Arguments, zeigt sich schnell die Fratze des unterschwelligen Sexismus, der sich wie Gift durch die Gesellschaft zieht. 

Sind die Parteien etwa wirklich nicht in der Lage, mehr als nur 40 Prozent „kompetente“ Frauen für ihre Listen zu rekrutieren? Seit Jahren spricht man unter anderem in der CSV darüber, dass man mehr Frauen für sich begeistern möchte. Wenn das „jüngere, weiblichere“ Profil in weiter Ferne bleibt, dann ist es dringend an der Zeit, die Parteistruktur zu überdenken und anzuerkennen, dass in der eigenen Partei-DNA Sexismus verwurzelt ist. Der geht dabei so weit, als dass man sich gerade noch so anstrengt, Frauen aufzustellen, um die finanziellen Anreize für die Mindestquote zu kassieren. Zu jedem weiteren Schritt in Richtung Parität ist man nicht bereit. 

Wenn man die Rekrutierungsprobleme nicht hat, oder sie nicht zugeben will: Wieso werden nicht mehr Frauen als Spitzenkandidatinnen ins Rennen geschickt? Traut die Parteispitze etwa den eigenen Kandidatinnen am Ende doch nicht über den Weg?

Das Wahlresultat von „déi gréng“ und LSAP zeigt deutlich: Wenn viele Frauen aufgestellt werden und man diesen auch den nötigen Raum gibt, um sich zu profilieren und sich in den Augen der Wähler zu beweisen, werden sie auch gewählt. Frauen sind eben nicht „inkompetenter“ als Männer. 

Wenn man allerdings auf rein männliche Spitzenkandidaten setzt oder sogar die Doppelsitze mit zwei Männern „ad absurdum“ führt, dann kann man nicht ernsthaft für Geschlechtergleichheit eintreten. Traut man etwa den eigenen Kandidatinnen so wenig zu, dass man sie im Wahlkampf quasi versteckt und ihnen die Gelegenheit nicht gibt, die Wähler von sich und der eigenen Partei zum Beispiel auf Rundtischgesprächen zu überzeugen? Insbesondere die CSV und die DP haben so gezeigt, dass sie viele ihrer eigenen Kandidatinnen für inkompetenter als ihre männlichen Kollegen halten. 

Umso schwerer werden es die beiden künftigen Koalitionsparteien haben, eine annähernd paritätische Regierung auf die Beine zu stellen. Entweder sie geben offen zu, dass für sie Parität keine Rolle spielt, und bilden eine Regierung, in der Frauen Seltenheitswert haben, oder sie verursachen bei einigen ihrer männlichen Parteigenossen lange Gesichter, weil diese, obschon sie gute Wahlresultate eingefahren haben, kein Regierungsmandat abbekommen werden. 

Obwohl die Parteien sicherlich viel Verantwortung für das Abschneiden der Frauen bei der Wahl tragen und das Wahlsystem dazu sein Übriges tut, darf sich der Wähler nicht aus der Verantwortung stehlen: Spätestens die Verteilung der persönlichen Stimmen zeigt deutlich, dass Männer in diesem Land als „besser“ angesehen werden als Frauen. Kommt das mal bei einer Wahl vor, mag man das Argument der Kompetenz vielleicht gelten lassen. Ist es allerdings systematisch, wie es bei bisher allen Wahlen der Fall war, dann starrt einem der in den Köpfen der Bevölkerung verharrende unterschwellige Sexismus entgegen. 

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