Editorial
Eskalation der Worte: Die verbalen Grenzüberschreitungen des US-Präsidenten
Mit seiner eskalierenden Wortwahl könnte US-Präsident Trump auch Grenzen im Krieg gegen den Iran überschreiten, meint Guy Kemp im Leitartikel.
US-Präsident Donald Trump versetzt die Welt ebenfalls mit seinen Äußerungen zunehmend in Schrecken Foto: Kent Nishimura/AFP
„Er ist verrückt geworden“ (…he has gone insane), schrieb Marjorie Taylor Greene, die ehemalige republikanische US-Abgeordnete, dieser Tage auf der Online-Plattform X über den US-Präsidenten und sprach von „Trumps Wahnsinn“.
Dem wollen wir nicht widersprechen, auch wenn wir keinerlei Sympathien für die Autorin hegen. Das einstige Trump-Fangirl aus Georgia reagierte damit auf einen Post des Präsidenten der Vereinigten Staaten, in dem dieser droht, im Iran Kraftwerke und Brücken zerstören zu lassen und den Menschen dort in Aussicht stellt, bald „in der Hölle zu leben“, wenn die Straße von Hormus nicht geöffnet werde. In einer Pressekonferenz meinte Trump auf die Frage, ob ein Angriff auf die iranische Infrastruktur nicht ein Kriegsverbrechen sei, kurzerhand: „Nein!“ Auf die Nachfrage „Warum nicht?“ antwortete Trump: „Weil sie Tiere sind.“ Am Dienstag noch warnte er, „eine ganze Zivilisation“ werde sterben. Die verbalen Grenzüberschreitungen an der US-Staatsspitze sind weit fortgeschritten und treiben dessen damit einhergehende moralische Verrohung weiter voran.
Es fragt sich, was die Iraner davon halten werden, sollten sie sich – im bislang nicht absehbaren Fall – eines herbeigebombten Regimewechsels in der „Steinzeit“ wiederfinden, so wie es Trump ihnen auch noch versprochen hat. Denn offensichtlich beschreibt der US-Präsident damit das gegenwärtige Ziel der israelischen und US-Angriffe im Iran. Dem Land soll so weit wie möglich die wirtschaftliche Basis entzogen werden, damit es in den kommenden Jahren damit beschäftigt ist, die Kriegsschäden zu beheben und die begrenzten Ressourcen für den Wiederaufbau zu verwenden, anstatt ein neues Bedrohungspotential für die Region aufzubauen. Vor allem der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu treibt diesen Plan voran. Vermutlich hat man in Israel erkannt, dass das Regime zwar geschwächt, doch offenbar längst nicht am Ende ist. Sehr zum Verdruss der meisten Menschen im Iran, denen das theokratische Establishment und dessen Gefolgschaft weiterhin eine Zukunft in Freiheit verwehren.
Trump glaubt wohl, mit einem eskalierenden Sprachgebrauch die iranische Führung zum Einlenken zu bewegen. Doch er hat es dort mit Gleichgesinnten zu tun, die rücksichtslos ihre eigenen Interessen im Blick haben und um den Erhalt ihrer Macht ringen. Trumps irrlichternde Verbalattacken und Drohungen offenbaren vielmehr dessen Hilf- und Ziellosigkeit in diesem Konflikt und sind Ausdruck seiner Unfähigkeit, einen Ausweg aus dem gegenwärtigen Schlamassel zu finden. Dabei geht es vorerst nur um eine Öffnung der Straße von Hormus, deren Schließung Trump und Netanjahu mit ihrem Angriffskrieg erst provoziert haben. Dies hat dazu geführt, dass die Welt vor einer der größten Energiekrisen ihrer Geschichte steht, für die die beiden unmittelbar mitverantwortlich sind und aus der sich nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern in einigen Teilen der Welt wohl auch eine Hungerkrise entwickeln dürfte.
Doch das wird Trump wohl ebenso wenig kümmern wie die rücksichtslose Wahl seiner Worte, die dazu führen könnten, dass er weitere Grenzen in seinem Krieg gegen den Iran überschreitet. Wohin das die Welt noch führen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Marjorie Taylor Greenes Aufruf an die Mitglieder seiner Regierung, in „Trumps Wahnsinn“ einzugreifen, war vermutlich einer ihrer sinnvollsten Posts.