Editorial
Die weltweit fallende Geburtenrate darf nicht weiter ignoriert werden
Weltweit sinkt die Geburtenrate dramatisch. Warum dieses stille demografische Phänomen unsere Zukunft prägt.
Es ist einer der merkwürdigsten Widersprüche unserer Zeit: Wir diskutieren über Klimawandel, über KI und die Zukunft der Demokratie. Aber über das vielleicht folgenreichste Phänomen unserer Epoche herrscht Schweigen. Die Geburtenrate sinkt – und das nicht nur in den westlichen Industriestaaten.
Noch vor einer Generation machten sich Wissenschaftler und Politiker große Sorgen um das Gegenteil. Überbevölkerung war das Schlagwort der Stunde. Doch diese Zeit ist vorbei. Die Zahlen sind eindeutig. 1963 lag die weltweite Fertilitätsrate auf ihrem Höhepunkt bei 5,3 Kindern pro Frau. Heute liegt sie bei etwa 2,2 – und sinkt weiter.
Es wird erwartet, dass die Bestandserhaltungsrate in den Jahren nach 2050 weltweit unterschritten werden wird. Um 2080 soll die Weltbevölkerung dann bei rund zehn Milliarden Menschen einen Höhepunkt erreichen und dann zurückgehen.
Europa befindet sich bereits länger in diesem Prozess: In keinem einzigen Land auf dem Kontinent wird die Bestandserhaltungsrate von 2,1 Kindern pro Frau noch erreicht. Seit den späten 1970er-Jahren liegt die Fertilitätsrate kontinuierlich darunter. Seit 2012 wächst die EU-Bevölkerung ausschließlich dank Zuwanderung. Bereits in neun EU-Mitgliedstaaten ist die Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft. Laut Eurostat wird die EU-Bevölkerung insgesamt schon 2029 ihren Höchststand erreichen – und danach dauerhaft schrumpfen. Luxemburg soll, wegen seiner wirtschaftlichen Attraktivität, noch bis 2077 wachsen und dann ebenfalls schrumpfen.
Der Trend beschränkt sich nicht nur auf reiche Länder: Über zwei Drittel der Weltbevölkerung leben heute in Ländern mit einer Fertilitätsrate unter 2,1 – von Brasilien über China und Iran bis Thailand. Selbst in Afrika, lange der Motor des Bevölkerungswachstums, unterschreiten erste Länder wie Tunesien die kritische Marke.
Die Ökonomen sind nervös. Sie warnen vor Stagnation, vor sinkender Innovationskraft, vor fehlenden Arbeitskräften, vor überforderten Renten- und Sozialsystemen. Letztere setzen ein Verhältnis zwischen Jung und Alt voraus, das in vielen Ländern heute schon nicht mehr stimmt.
Länder versuchen, gegenzusteuern. Südkorea, wo die Quote mit 0,72 Kindern pro Frau besonders niedrig ist, setzt auf monatliche Zuschüsse, Geburtsprämien, ausgeweitete Elternzeit, vergünstigten Wohnraum und mehr Kindergärten. Russland setzt zudem auf autoritäre Maßnahmen, verbietet Werbung für Kinderlosigkeit, erschwert Abtreibungen und schickt Frauen ohne Kinderwunsch zum Psychologen. Doch die Zahlen sind stur. Nichts reißt das Ruder nachhaltig herum.
Einst bedeuteten Kinder Reichtum, heute bedeuten sie eher Verzicht. Heute haben Frauen eine Wahl, wie sie ihr Leben gestalten wollen, die sie früher nicht hatten. Hinzu kommen Wohnungsknappheit, Klimaangst, Mangel an Betreuungsmöglichkeiten, jeder muss arbeiten, es gibt schon genug Menschen, Mangel an Zeit, Zukunftspessimismus usw. Die Liste der Gründe ist lang – und sie sind alle wahr.
Ob der globale Geburtenrückgang eine Katastrophe ist oder eine stille Befreiung, lässt sich nicht einfach beantworten. Was bleibt, ist der Respekt vor der freien Entscheidung. Wer keine Kinder will, hat dazu jedes Recht. Wer Kinder will, verdient eine Gesellschaft, die das möglich macht und unterstützt. Noch gibt es die schöne neue Welt mit arbeitenden und Steuer zahlenden Robotern nämlich nicht, und menschliche Arbeitskraft wird benötigt werden.
Vor dem Aussterben der Menschheit muss sich niemand fürchten. Demografische Veränderungen vollziehen sich über Jahrzehnte, der Höhepunkt der Weltbevölkerung steht noch bevor und historisch haben nach Krisen die Geburtenraten immer wieder zugelegt.
Doch wenn unsere Gesellschaft sich für weniger entscheidet, muss sie den Mut finden, Wirtschaft und Sozialsysteme so umzubauen, dass sie nicht länger von eben diesem Wachstum abhängig sind. Die kleiner werdende junge Generation wird nicht allein die Zeche zahlen wollen.