Editorial

Das Video des israelischen Ministers Itamar Ben-Gvir muss Konsequenzen haben

Die Behandlung der Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte und der offensichtliche Bruch mit dem internationalen Recht durch Israel müssen Konsequenzen haben, meint Guy Kemp im Leitartikel.

Menschen in Mailand bei einem Flashmob mit dem Titel „Im selben Boot“, um gegen die Inhaftierung und Behandlung von Aktivisten durch Israel zu protestieren

Menschen in Mailand bei einem Flashmob mit dem Titel „Im selben Boot“, um gegen die Inhaftierung und Behandlung von Aktivisten durch Israel zu protestieren Foto: Piero Cruciatti/AFP

Das vom israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir veröffentlichte Video, in dem er gefesselte und auf dem Boden knieende Aktivisten der internationalen Gaza-Hilfsflotte verhöhnt, hat für große internationale Empörung gesorgt. Selbst der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu sah sich genötigt, den Auftritt seines Ministerkollegen zu tadeln, meinte aber nur, dass Ben-Gvirs Umgang mit den Aktivisten „nicht den Werten und Normen Israels“ entsprechen würde.

Doch während die Israelis lediglich Ben-Gvirs Benehmen rügen, prangern die Europäer vor allem auch die Behandlung ihrer Landsleute an. Dass der rechtsextreme Sicherheitsminister sich der europäischen Geiseln bedient, um sich mit deren Erniedrigung seiner Wählerklientel zu empfehlen – in wenigen Monaten wird in Israel gewählt –, dürfte für die Europäer nur die Spitze einer „monströsen“ Behandlung von Menschen sein, wie es der spanische Außenminister José Manuel Albares formulierte, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen. Doch auch in diesem Punkt tickt die israelische Regierung anders: Denn die Absicht, mit der „Globalen Sumud-Flottille“ humanitäre Hilfe zu den notleidenden Menschen in den Gazastreifen zu bringen, ist für die Netanjahu-Regierung nichts anderes als eine weitere Unterstützung der palästinensischen Terrororganisation Hamas. Diese Einordnung erlaubt es den israelischen Sicherheitskräften, gegen jeden und alles, was Palästina und seinen Menschen hilft, vorgehen zu können. Was sie allerdings, und das führt dieser Fall deutlich vor Augen, weit abseits ihres durchaus berechtigten Kampfs gegen die radikalislamistische Bedrohung bringt, mit der Israel konfrontiert ist.

Verschleppt, gefesselt, gedemütigt: Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte in israelischer Gefangenschaft

Verschleppt, gefesselt, gedemütigt: Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte in israelischer Gefangenschaft Foto: Itamar Ben Gvir via X

Der eigentliche Skandal hatte allerdings Tage zuvor begonnen. Worüber übrigens auch in Europa weitgehend geschwiegen wurde. Denn die mehr als 400 Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte wurden nicht etwa in israelischen Gewässern, sondern rund 460 Kilometer weit abseits von der Küste des Gazastreifens entfernt in einem klaren Akt der Piraterie westlich von Zypern vom israelischen Militär überfallen und als Gefangene in den Hafen von Aschdod verschleppt. Es bedurfte erst der von Ben-Gvir veröffentlichten abscheulichen Bilder, um die Umstände dieses willkürlichen Rechtsbruchs in seinem vollen Ausmaß einem breiten Publikum vor Augen zu führen. Für die Israelis sind solche Bilder offenbar nichts Ungewöhnliches. Einem Artikel der französischen Tageszeitung Le Monde zufolge sei die Zurschaustellung festgenommener Palästinenser unter den in Ben-Gvirs Video gezeigten Umständen seit dem 7. Oktober 2023 ziemlich geläufig: „Sie sorgen im Allgemeinen nicht für Aufsehen“, heißt es dazu lapidar. Doch nun sind die Opfer der offenbar gewohnheitsmäßigen Schikanen und Demütigungen durch die israelischen Sicherheitsbehörden europäische Staatsbürger.

Wird auch dieser flagrante Bruch mit dem internationalen Recht sowie der Menschenrechte durch die Netanjahu-Regierung vonseiten der EU ohne Konsequenzen bleiben? Damit würden nicht nur die EU-Bürger weltweit in Gefahr gebracht, da sie offensichtlich jeder staatlichen Willkür ausgesetzt werden können, ohne dass dies Folgen hätte. Es wäre auch ein Eingeständnis, dass die Europäer nicht gewillt sind, jene fundamentalen Rechte zu verteidigen, von denen wir behaupten, sie stünden allen Menschen zu. Man darf daher gespannt sein, ob es nun doch zu der vornehmlich von Spanien und Irland geforderten Suspendierung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel und zu Handelsbeschränkungen kommen wird. Bloße Empörung reicht nicht mehr.

Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir verhöhnt Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte bei Protestveranstaltung

Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir (l.) verhöhnt einen Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte Foto: Itamar Ben Gvir via X

3 Kommentare
Grober J-P. 22.05.202610:00 Uhr

Bibi, Ben-Gvir und Konsorten sind längst auf dem Niveau der HAMAS angelangt. Schade nur um die Israelis mit "VERNUNFT"! Und wodurch wird die "Flamme" am Brennen gehalten. Die Herkunft von Ben-Gvir. Bibi macht nix, er versucht nur mit allen Mitteln zu überleben. Zum Teufel, wenn er nicht mehr von extrem-rechts unterstützt wird, dann ab nach Den Haag.

Daniel M. Porcedda 22.05.202608:59 Uhr

Die Reaktionen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seiner Regierung wirken eher defensiv als selbstkritisch. Wer humanitäre Hilfe unterbindet und zivile Aktivisten pauschal kriminalisiert, beschädigt nicht nur Israels internationales Ansehen, sondern auch das Vertrauen in rechtsstaatliche Prinzipien.

Zugleich wird immer sichtbarer, dass viele Juden weltweit die Politik der aktuellen israelischen Regierung nicht mehr mittragen wollen. In zahlreichen Ländern äußern jüdische Intellektuelle, Organisationen und ehemalige Regierungsvertreter scharfe Kritik am militärischen Vorgehen und an der politischen Radikalisierung in Israel. Diese Stimmen zeigen, dass Kritik an der Regierung keineswegs mit Feindseligkeit gegenüber Juden gleichzusetzen ist. Die wachsende Distanz großer Teile der jüdischen Diaspora könnte langfristig zu einer tiefen politischen und moralischen Krise innerhalb des israelischen Selbstverständnisses führen.

Manfred Reinertz Barriera 22.05.202606:56 Uhr

Zumindest das Assoziierungsabkommen sollte von der EU mit der Begründung der Verletzung der Menschenrechte in Israel gekündigt werden.

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