Editorial
Wer viel verdient, lebt länger
Eine demografische Analyse der „Cellule scientifique“ des Parlaments zeigt soziale Ungleichheiten bei der Langlebigkeit auf. „Déi Lénk“ zieht daraus politische Schlüsse zur Rentenreform. Doch die Resultate der Analyse alleine auf die Renten zu beziehen, ist etwas zu kurz gegriffen.
Die Männer in Luxemburg mit den höchsten Renten verbringen im Durchschnitt fünf Jahre länger im Ruhestand als jene mit den niedrigsten Renten Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
In Luxemburg ist die Lebenserwartung in den letzten 35 Jahren um sechs bis sieben Jahre gestiegen. Zu diesem Schluss kommt eine vor dem Hintergrund der Rentenreform vom linken Abgeordneten Marc Baum bei der „Cellule scientifique“ der Abgeordnetenkammer beantragte und am Freitag veröffentlichte demografische Analyse. 2024 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt bei 83 Jahren, Frauen werden grundsätzlich etwas älter als Männer. Damit liegt Luxemburg europaweit an fünfter Stelle hinter Spanien, Schweden, Italien und Zypern. Diese Fortschritte bei der Lebenserwartung stellten eine wachsende Herausforderung für die langfristige Finanzierung des Sozialversicherungssystems dar, angesichts einer alternden Bevölkerung, deren Gesundheitsbedürfnisse zunehmend steigen werden, schreiben der Soziologe Louis Chauvel von der Uni Luxemburg und Estelle Mennicken, Geografin der „Cellule scientifique“.
Allerdings stellen die für die Analyse verantwortlichen Forscher soziale Ungleichheiten bei der Langlebigkeit fest. Bezieher hoher Renten leben durchschnittlich sechs Jahre länger als Bezieher niedriger Renten. Bei den Männern ist diese Differenz ausgeprägter: Die mit den höchsten Renten verbringen im Durchschnitt fünf Jahre länger im Ruhestand als jene mit den niedrigsten Renten – ein Ergebnis, das gleichzeitig aus einer höheren Lebenserwartung und einem etwas späteren Eintritt in den Ruhestand resultiert. Dass die soziale Stellung bei Frauen weniger Bedeutung hat, hängt laut den Forschern damit zusammen, dass sie wegen Karriereunterbrechungen und Teilzeitarbeit häufiger nichtlineare Laufbahnen aufweisen.
Die Forscher stellen ebenfalls fest, dass ein späterer Renteneintritt mit einem längeren Leben einhergeht. Als Anreiz, das Rentenalter zu erhöhen, verstehen sie diese Korrelation jedoch nicht, sondern führen sie darauf zurück, dass Menschen, die länger arbeiten, als sie müssten, das häufig tun, weil sie bei besserer Gesundheit sind und weniger belastende Tätigkeiten verrichten.
Überraschend sind die Ergebnisse der „Cellule scientifique“ nicht, doch sie sind die wissenschaftliche Bestätigung der Annahme, dass Reiche gesünder und länger leben als Arme. Das kann an den körperlich anstrengenden Arbeitsbedingungen von häufig schlechter bezahlten Blue-Collar-Workers liegen, aber auch an ihrer Wohnsituation, der Ernährung, am Klassenhabitus allgemein.
Als einzige Partei zog „déi Lénk“ am Montag aus den Resultaten politische Schlüsse zur Rentenreform der Regierung: Die von DP und CSV beschlossene Anhebung des Renteneintrittsalters habe zutiefst ungerechte Auswirkungen, sie belaste stärker diejenigen, die die schwersten Berufe ausgeübt haben, die niedrigsten Renten beziehen, eine kürzere Lebenserwartung haben, und sie trage nicht zur Nachhaltigkeit des Rentensystems bei. Da Reiche die Rentenkasse generell länger und auch stärker belasten als Arme, sei die Aufhebung der Beitragsobergrenze bei Einkünften über dem fünffachen Mindestlohn ohne Erhöhung der Rentenansprüche, wie die Linke sie vorgeschlagen hatte, der bessere Weg. Wenn in einem Jahr der Wahlkampf beginnt, werden alle Parteien ihre Vorschläge zur Fortdauer des solidarischen Renten- und Sozialversicherungssystems vorlegen müssen, das mit CSV-Sozialministerin Martine Deprez’ Reform nur kurzfristig abgesichert wurde.
Die Ergebnisse der Analyse auf die Rentendebatte zu begrenzen, ist jedoch vielleicht etwas zu kurz gegriffen. Man könnte aus ihnen noch andere Forderungen ableiten, die weit über die Pensionen hinausgehen. Eine substanzielle Anhebung der Mindestlöhne etwa; oder höhere Steuern für Spitzenverdiener, Besitzende, (Millionen-)Erben. Denn die Unterschiede bei den Renten sind lediglich die Fortsetzung der sozialen Ungleichheiten, die mit den Gehältern und dem Vermögen beginnen.