Editorial

Warum der Rechtsstreit zwischen frEsch und Richtung22 mehr ist, als ein Konflikt zwischen Vereinen

Im Prozess zwischen frEsch und Richtung22 verweisen das Kulturministerium und die Gemeinde Esch auf die Justiz. Dabei betrifft der Konflikt ein Problem, für das beide selbst einen Teil der Verantwortung tragen.

Der Rechtsstreit um die Arbeitsräume im Bâtiment4 ist mehr als ein Konflikt zwischen Vereinen

Der Rechtsstreit um die Arbeitsräume im Bâtiment4 ist mehr als ein Konflikt zwischen Vereinen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Der Nutzungsvertrag im Escher Kulturzentrum Bâtiment4, das vom Verein frEsch verwaltet wird, ist ausgelaufen. Das Kunstkollektiv Richtung22 blieb trotzdem. Unter anderem wegen fehlender Alternativen. frEsch erstattete Anzeige. Nun entscheidet das Gericht, wer Recht behält.

Währenddessen weigern sich sowohl das Kulturministerium als auch die Gemeinde Esch, die politische Dimension des Konflikts anzuerkennen: Sie reduzieren den Rechtsstreit auf einen Konflikt zwischen zwei Vereinen und sehen von einer Stellungnahme ab. Doch wer wie sie öffentliche Mittel verteilt, trägt damit auch Verantwortung für die Rahmenbedingungen, unter denen Kunst entsteht. Der Rechtsstreit wird vor Gericht gelöst. Der Mangel an Arbeitsräumen aber nicht.

Politisch schwach

Sowohl das Kulturministerium als auch die Escher Gemeinde unterstützen Richtung22 finanziell. Noch dazu fördert die Gemeinde den Verein frEsch in diesem Jahr mit 4,6 Millionen Euro. Als zentrale Geldgeber zu behaupten, man habe nichts mit dem Konflikt zu tun, mag juristisch vertretbar sein. Politisch überzeugt diese Haltung aber nicht.

Der Rechtsstreit wird vor Gericht gelöst. Der Mangel an Arbeitsräumen nicht.

Im Kern berührt der Rechtsstreit nämlich ein grundlegendes Problem, das seit Jahren bekannt ist und an dem sowohl die Regierung als auch die Lokalpolitik etwas ändern könnten: den Mangel an bezahlbaren, langfristig verfügbaren und angemessenen Arbeitsräumen für Kulturschaffende in Luxemburg. Den bedauerte nicht zuletzt der Dachverband Association des artistes plasticiens du Luxembourg in einem Tageblatt-Artikel.

Gehalt statt Miete

Das Kulturministerium erkennt selbst an, dass die Lage auf dem Immobilienmarkt angespannt ist und auch die Kunstschaffenden belastet. Die Maßnahmen im Kulturentwicklungsplan und im Aktionsplan „Zougang zur Kultur“ würden dem Rechnung tragen. Doch offensichtlich schafft das keine Ateliers. Oder zumindest nicht genug.

Wer vom Kultursektor zunehmend Professionalität, wirtschaftliche Stabilität und internationale Strahlkraft verlangt, muss auch die Voraussetzungen dafür garantieren. Dazu gehören eben nicht nur die Verteilung von Fördergeldern oder die Präsenz auf internationalen Messen, sondern auch das aktive Engagement für den Erhalt und den Ausbau freier sowie erschwinglicher Arbeitsräume.

Es braucht solche Orte, an denen Kultur langfristig entstehen und sich entwickeln kann. Ohne, dass ein erheblicher Teil der Ressourcen in Mietkosten fließt, statt in die Gehälter der Kunstschaffenden. Denn die leben oft in prekären finanziellen Verhältnissen.

Der Konflikt in Esch wäre die Gelegenheit gewesen, Position zu beziehen. Nicht für eine der Parteien, sondern für die Kunst und ihre Zukunft in Luxemburg.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Lesen als essenzielle Kulturtechnik

Der Politflüsterer

Unsinnige Empörung über bunte Streifen