Editorial
„Voilà la vraie question“: Die CSV sucht nach ihrer Identität
Nach dem Zusammenbruch ihrer traditionellen Machtstrukturen sucht die CSV seit Jahren nach einer neuen politischen Identität. Auf ihren Nachwuchs kann sie dabei nicht mehr zählen.
CSV-Mitglieder auf dem Parteikongress vor einem Jahr in Ettelbrück Foto: Editpress/Didier Sylvestre
„C’est quoi, le CSV aujourd’hui?“, fragte CSV-Fraktionspräsident Laurent Zeimet vergangene Woche in einem Interview im Lëtzebuerger Land: „Voilà la vraie question.“ Die Frage nach ihrer politischen Identität stellt die einst übermächtige Volkspartei sich seit nunmehr 20 Jahren. Akut wurde sie 2013, als die CSV in die Opposition musste; noch akuter 2018, als sie das prozentual schlechteste Wahlergebnis seit 1974 einfuhr. 2023 gewann sie 0,9 Prozent, jedoch keinen Sitz, nur dank hoher Verluste der Grünen konnte sie sich ihren Koalitionspartner aussuchen.
Die beiden letzten Kammerwahlen und die Umfragen haben gezeigt, dass die Krise der CSV eine strukturelle ist. Aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche und Reformen ist ihre Wählerschaft geschrumpft. Der Machtapparat der katholischen Kirche mit ihren Vereinen, Verbänden, Hilfsorganisationen, der zweitgrößten Gewerkschaft und der größten Tageszeitung hat sich quasi aufgelöst. Zwischen 1918 und 2013 stellte die CSV fast 90 Jahre den Staatsminister. Dann hat sie den Kompass verloren.