Editorial

Streik trotz Rekordprämie: Warum der Arbeitskampf bei der Cargolux trotzdem gerechtfertigt ist

OGBL- und LCGB-Gewerkschaftler während einer Kundgebung

OGBL- und LCGB-Gewerkschaftler während einer Kundgebung Symbolbild: Editpress

Der erste Streik der Cargolux-Geschichte steht bevor. Gewerkschaften und Unternehmensleitung konnten sich bei den Tarifverhandlungen nicht einigen, sodass die Flieger der Cargolux vorerst am Findel gestrandet bleiben. Neben einem medialen Kräftemessen offenbart der Streik grundsätzliche Fragen zum Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Die Luxemburger Luftfahrt kommt nicht zur Ruhe. Nachdem man vor einem Jahr in einer Tripartite bei der Luxair ein versöhnliches Ergebnis erzielen konnte, ist es jetzt zum Bruch zwischen Personal und Unternehmensleitung bei der Cargolux gekommen. Zwischendurch hatte es am Findel weiterrumort. Im Sommer dann die offizielle Bestätigung dessen, was sich hinter vorgehaltener Hand bereits wie ein Lauffeuer verbreitet hatte: Die Luxair wird sich aus dem Cargo-Geschäft zurückziehen.

Jetzt also der Zwist beim Luxemburger Frachtunternehmen, der sich gleich am ersten Tag nach der Bekanntgabe medial ausbreitete. Wenn Tarifverhandlungen scheitern, versuchen beide Parteien sogleich, das Narrativ in den Medien zu bestimmten. Das ist verständlich, wächst neben dem wirtschaftlichen doch auch der öffentliche Druck auf die Unternehmensleitung, wenn die große Mehrheit mit den streikenden Arbeitnehmern sympathisiert oder sich gar solidarisiert. Wenig verwunderlich also, dass beide Parteien am Tag der Bekanntgabe des Streiks die öffentliche Aufmerksamkeit suchten, um ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Dass die Fakten, die von der Cargolux vorgetragen wurden, nicht mit den Zahlen übereinstimmen, die die Gewerkschaften in ihren Interviews offenlegen, dürfte niemanden überraschen. So etwa bei der Forderung der Gehaltserhöhung: Die Cargolux will fünf Prozent über fünf Jahre angeboten haben, während die Gewerkschaften jedoch sechs Prozent über vier Jahre gefordert haben sollen. In einer Pressemitteilung der Gewerkschaften hingegen heißt es dann, die Unternehmensleitung der Cargolux habe lediglich eine vierprozentige Erhöhung über vier Jahre angeboten. 

Durch den Arbeitskampf bei der Cargolux aber muss sich Luxemburg auch einer viel grundlegenderen Frage stellen, die in den vergangenen Jahren etwas in den Hintergrund gerückt ist: Wie soll, kann oder muss Luxemburg mit Gewinnern der Corona-Pandemie umgehen? Die Idee einer Corona-Steuer des damaligen Arbeitsministers Dan Kersch erwies sich als nicht konsensfähig im Luxemburger Parlament. Erstaunlich eigentlich, dass die Diskussion zur Übergewinnsteuer inmitten der Energiekrise nicht wieder aufgeflammt ist.

Nicht nötig, könnte eine Cargolux meinen und auf das Profit-Sharing-System verweisen – das jedoch nicht aus Güte der Unternehmensleitung eingeführt wurde, sondern als Relikt vergangener Krisenjahre gilt und heute die große Ausnahme in Luxemburgs Wirtschaftsbiotop bildet. Das kann jedoch keine strukturelle Lösung sein, wird das Machtverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im zweifachen Sinn gefestigt. Strategische Entscheidungen der Unternehmensleitung können entscheidend für den Erfolg und Misserfolg eines Unternehmens sein. Und selbst bei möglichen Rekordumsätzen weiß jeder Unternehmensleiter, wie die eventuell daraus resultierenden steuerpflichtigen Gewinne möglichst klein ausfallen. Das Unverständnis der Cargolux scheint aufgrund der ausgezahlten Prämien in der Pandemie groß – dabei darf aber nicht vergessen werden, dass das Personal dafür Tag für Tag unter schwierigsten Bedingungen am Findel gearbeitet hat.

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