Forum von Stephen De Ron
Sie sehen das Feuer – und diskutieren über die Temperatur
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Im Luxemburger Wort schreiben zwei CSV-Abgeordnete kürzlich einen Satz, der sitzt: Für viele Menschen ist der Alltag vor allem eines – rechnen. Miete, Lebensmittel, Energie. Das ist keine Zuspitzung. Es ist die Realität eines Landes, in dem sich etwas Grundlegendes verschoben hat, in dem Arbeit nicht mehr automatisch schützt. Und genau deshalb ist der Rest ihres Textes so bemerkenswert.
Denn sie beschreiben das Problem – und entschärfen es im selben Atemzug. Der Mindestlohn, so ihr Argument, sei wichtig, aber nur ein Teil der Lösung; zu starke Erhöhungen seien riskant, man müsse Maß halten, die Wirtschaft schützen, das Gleichgewicht bewahren. Das klingt ruhig, sogar fast vernünftig. Und natürlich stellt sich die Frage nach möglichen Nebenwirkungen – etwa für Beschäftigung oder Wettbewerbsfähigkeit. Aber es verschiebt den Kern der Debatte.
Zur Person
Foto: Editpress/Georges Sold
Stephen de Ron ist stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der Grünen im Ausschuss der Regionen und Gemeinderat in Hesperingen
Denn zwischen den Zeilen steht eine Botschaft, die man nicht übersehen kann: Arbeit soll offenbar weniger wert sein, als zum Leben erforderlich ist – den Rest übernimmt der Staat. Das ist keine technische Frage, die man mit ein paar Zahlen lösen kann. Es ist eine politische Entscheidung darüber, was Arbeit in diesem Land wert ist – und darüber, wer die Kosten trägt, wenn sie es nicht mehr tut.
Dabei wird eine zentrale Realität ausgeblendet. Diese Debatte entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist auch eine Reaktion auf europäische Vorgaben, die festhalten, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass Arbeit ein Leben in Würde ermöglichen muss. Es geht also längst nicht mehr um Spielräume, sondern um die Frage, ob wir diesen Anspruch ernst nehmen – oder ob wir uns mit seiner Aushöhlung abfinden.
Ökonomisch ist die Lage klarer, als der Text es erscheinen lässt. Wenn Menschen trotz Vollzeitarbeit nicht über die Runden kommen, liegt das Problem nicht im Sozialstaat, sondern im Lohn. Der Mindestlohn ist keine Nebenschraube, sondern die unterste Grenze der wirtschaftlichen Ordnung. Wer ihn relativiert, verschiebt Verantwortung – weg von den Unternehmen, hin zur Allgemeinheit.
Es ist ein System, das hinten repariert, was vorne nicht funktioniert
Und genau das passiert. Statt Löhne zu stärken, wird auf Zuschüsse, Prämien und steuerliche Entlastungen für Arbeitnehmer verwiesen. Der Staat unterstützt darüber hinaus auch Unternehmen mit Direkthilfen für den Mindestlohn. Das hilft kurzfristig. Es löst nichts. Es ist ein System, das hinten repariert, was vorne nicht funktioniert. Am Ende zahlt die Gesellschaft die Differenz. Eine Wirtschaft, die nur funktioniert, wenn Arbeit nicht zum Leben reicht, funktioniert nicht – ist keine Wirtschaft und schon gar keine Marktwirtschaft. Und gestützt wird nicht die Wirtschaft, sondern ein Modell, das auf strukturell zu niedrigen Löhnen beruht.
Dann folgt das bekannte Argument: Höhere Löhne gefährden Unternehmen, kosten Arbeitsplätze, treiben Betriebe in die Insolvenz. Es ist ein Argument, das plausibel klingt, weil es eine einfache Geschichte erzählt – aber es ist eine unvollständige Geschichte.
Denn Löhne sind nicht nur Kosten, sie sind auch Einkommen. Und dieses Einkommen verschwindet nicht, es zirkuliert. Gerade bei niedrigen Einkommen wird jeder zusätzliche Euro ausgegeben und fließt zurück in Konsum, Dienstleistungen und lokale Wirtschaftskreisläufe. Höhere Löhne bedeuten deshalb nicht nur Belastung, sondern auch Nachfrage, Stabilität und wirtschaftliche Dynamik.
Studien zeigen seit Jahren, dass moderate Mindestlohnerhöhungen nicht automatisch zu weniger Beschäftigung führen
Auch die Angst vor Jobverlusten gehört zu diesem Bild. Sie wirkt überzeugend, weil sie an reale Sorgen anknüpft. Aber sie hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Studien zeigen seit Jahren, dass moderate Mindestlohnerhöhungen nicht automatisch zu weniger Beschäftigung führen. Ökonomen wie David Card und Alan Krueger haben das bereits vor Jahrzehnten empirisch belegt – und seither ist dieses Ergebnis immer wieder bestätigt worden. Das ist keine grüne Wunschvorstellung, sondern ökonomische Realität.
Wer heute noch das Gegenteil behauptet, beschreibt kein Naturgesetz. Er verteidigt ein Weltbild.
Und noch etwas bleibt unausgesprochen: Wenn ein Geschäftsmodell nur funktioniert, weil es auf zu niedrigen Löhnen basiert, dann stellt sich zumindest die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit dieses Modells – nicht im Mindestlohn. Eine gesunde Volkswirtschaft lebt nicht davon, dass Arbeit möglichst billig ist, sondern davon, dass sie ein Leben trägt. Doch selbst diese Debatte greift zu kurz, wenn man den eigentlichen Druck ignoriert. Denn der kommt in Luxemburg längst von woanders.
Vom Wohnungsmarkt.
Wohnkosten bestimmen Lebensrealität
Hier entscheidet sich inzwischen, ob ein Einkommen reicht oder nicht. Und hier ist das Gleichgewicht längst verloren gegangen. Für viele Haushalte verschlingt das Wohnen einen immer größeren Teil des Einkommens, für Geringverdiener oft den größten. Das ist keine normale Entwicklung mehr. Es ist eine strukturelle Schieflage, die darüber entscheidet, wer bleiben kann und wer gehen muss, wer planen kann und wer nicht. Sie verändert nicht nur Budgets, sondern Lebensrealitäten – und sie verschiebt die Grenzen dessen, was in diesem Land überhaupt noch möglich ist. Genau deshalb greift es zu kurz, beim Mindestlohn zur Vorsicht zu mahnen. Denn wenn die Mieten weiter steigen, wird ein existenzsichernder Lohn nicht weniger wichtig, sondern zur letzten Grenze vor dem sozialen Abstieg.
Spätestens hier bricht die Argumentation der CSV.
Wer sagt, der Mindestlohn allein löse das Problem nicht, hat recht. Aber daraus folgt nicht, dass man ihn bremst. Daraus folgt, dass man endlich beides angehen muss: Löhne stärken und den Wohnungsmarkt endlich in den Griff bekommen.
Alles andere ist kein Gleichgewicht. Es ist Stillstand. Und dieser Stillstand hat Konsequenzen – soziale, wirtschaftliche und politische. Letztendlich geht es nicht mehr um Zahlen. Es geht um Haltung – und darum, welche Realität wir akzeptieren. Der Beitrag der CSV-Abgeordneten beschreibt einen traurigen Ist-Zustand und zugleich verteidigt er ein System, das genau diesen Zustand hervorbringt.
Schon die alten Römer wussten: Wenn es brennt, ist es zu spät, über die Temperatur zu diskutieren. Entweder wir handeln – proaktiv und vorausschauend, – oder wir stehen daneben, während es weiter brennt, und nennen das am Ende Vernunft!
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.