Ungarn
Premier Orban stemmt sich im Duell gegen Herausforderer Peter Magyar gegen die drohende Abwahl
Insgesamt schon 20 Jahre lang lenkt Ungarns „ewiger“ Orban als Dauerpremier die Geschicke im Donaustaat. Doch vor der Parlamentswahl am 12. April gerät der füllige Platzhirsch im Duell gegen seinen Rivalen Peter Magyar zunehmend in Atemnot: Mit allen Mitteln stemmt er sich gegen die drohende Abwahl.
Der Vorsitzende und Spitzenkandidat der Partei „Respekt und Freiheit“ (Tisza), Peter Magyar, betreibt seit Monaten Wahlkampf in der ländlichen Gegend, der eigentlichen Machtbasis von Viktor Orban Foto: Ferenc Isza/AFP
Gelangweilt harren die in ihre Mobiltelefone starrenden Verkäufer am Stand mit den Viktor-Orban-T-Shirts auf Kunden. Unten vor den Toren des schmucken Jugendstil-Rathauses von Kecskemet plärren Wahlkampfhymnen der regierenden Fidesz-Partei aus Lautsprechertürmen über den noch halbleeren Kossuth-Platz. Oben vom Glockenspielturm läutet ausgerechnet die Europahymne von Beethovens Götterfunken den Wahlabend mit dem prominentesten EU-Störenfried des Kontinents ein.
Nein, ein Interview über die Wahlaussichten von Ungarns Dauerpremier könne er nicht geben, sagt etwas verlegen der junge Mann, der an einem Stand Landesflaggen mit dem Fidez-Logo verteilt: „Wenn mein Chef das sieht, bin ich meinen Job sofort los.“ Erst als das Aufnahmegerät in der Jackentasche verschwindet, ist er bereit, ohne Nennung seines Namens „kurz“ zu reden.
Er mime „nur aus wirtschaftlicher Notwendigkeit“ den Wahlkampfhelfer, stellt der Student klar. Viele junge Leute hätten von der Korruption und von „stets denselben Gesichtern einfach genug“ und erhofften sich „Veränderung“, umschreibt er mit gedämpfter Stimme die Ausgangslage vor Ungarns Schlüssel- und Richtungswahl am 12. April: „Denn das Leben hier ist nicht gut.“
Einige seiner Bekannten seien bereits ausgewandert, andere würden sich mit dem Gedanken tragen, in ein anderes Land zu ziehen, berichtet er, während er nachdenklich auf die Fidesz-Fähnchen in seiner Hand blickt. Gefragt nach seiner Prognose für den Wahlausgang zuckt er mit den Schultern: „So wie es im Moment aussieht, müsste Peter Magyar gewinnen. Aber man weiß hier nie, was passiert. Das Blatt kann sich auch noch in der letzten Woche wenden.“
Insgesamt 20 Jahre lenkt Ungarns ewiger Orban als Regierungschef die Geschicke im Donaustaat – in den letzten 16 Jahren gar ununterbrochen. Doch nicht nur die endlose Kette von Korruptionsskandalen im Regierungslager, immer neue Enthüllungen über seine engen Bande zu Moskau und die miese Wirtschaftslage, sondern auch sein energiegeladener, 17 Jahre jüngerer Konkurrent bringen den füllig gewordenen Platzhirsch zunehmend in Atemnot – und Bedrängnis: Mit dem 45-jährigen Peter Magyar setzt dem 62-jährigen Politfossil ausgerechnet ein Dissident aus den eigenen Reihen gehörig zu.
Als Ex-Ehemann der vor zwei Jahren zum Abtritt genötigten Fidesz-Justizministerin Judit Varga ist Magyar mit dem Innenleben und Charakter der Regierungspartei wohl vertraut. Nach dem Skandal um die umstrittene, von Varga gegengezeichnete Begnadigung eines Kinderheim-Direktors, der einen Pädophilie-Skandal zu vertuschen suchte, brach Magyar im März 2024 öffentlich mit Fidesz, deren Führungsclique er massive Korruption vorwarf.
Das Wahlsystem ist auf Fidesz zugeschnitten
Die Enthüllungen des vom Fidesz-Mitläufer zum Fidesz-Herausforderer mutierten Juristen lösten Massenproteste aus, die zur Geburtsstunde einer neuen Oppositionsbewegung werden sollte. Bei seinem hartnäckigen Feldzug gegen die Klientelwirtschaft im Fidesz-Staat zieht das scheinbar unermüdliche Energiebündel Magyar seit zwei Jahren durch Provinz- und Großstädte, Weiler und Dörfer. Seine Botschaft: Die Zeit für den Wechsel ist reif.
Bereits bei der Europawahl im Juni 2024 kam seine konservative Tisza-Partei auf Anhieb auf fast 30 Prozent der Stimmen. Ende 2024 begann sie in den Prognosen der unabhängigen Meinungsforschungsinstitute Fidesz zu überholen – und hat ihren Umfragevorsprung seitdem kräftig ausgebaut. Doch obwohl nur noch regierungsnahe Institute Fidesz noch vorne sehen, ist der Sieg von Tisza noch nicht ausgemacht: Die Eigenheiten und Tücken des ganz auf die Regierungspartei zugeschnittenen Wahlsystems erschweren die Prognosen.

Ungarns Regierungschef Viktor Orban versucht vor allem mit dem Schüren von Hass und Unsicherheit sowie mit Falschinformationen, die Wählerschaft auf seiner Seite zu halten Foto: Attila Kisbenedek/AFP
106 der 199 Abgeordneten werden direkt gewählt, nur 93 Mandate nach dem Stimmenanteil der Parteien verteilt: Auch mit weniger Stimmen als Tisza könnte Fidesz bei einer relativ knappen Niederlage dank vorteilhaft geschnittener Wahlkreise noch stets die meisten Abgeordneten stellen. Liegt Tisza aber wie prognostiziert am Ende mit 10-15 Prozent der Stimmen klar vorn, könnte sich die bisherige Oppositionspartei dank der Direktmandate selbst gar einer Zweidrittelmehrheit im Parlament annähern.
Freiwillige in weißen Jacken verteilen an die Passanten an der Fö-Utca in der 11.000-Seelen zählenden Kreisstadt Kiskunmajsa weiße Tisza-Ballons und kleine Landesfähnchen. „Jetzt“ prangt auf dem Plakat hinter der kleinen Bühne: Die darunter stehenden Worte „oder nie“ sind demonstrativ durchgestrichen.
Der Bildungsgrad vieler Leute hier ist niedrig. Und im Fernsehen ist das Einzige, was sie zu sehen und zu hören bekommen, dass Orban großartig ist.
Ein älterer Mann in Kiskunmajsa
Orban sei „ein Autokrat, ein Diktator“, schnaubt ein älterer Mann, der Flugblätter verteilt: „Der hat mit Demokratie nichts zu tun.“ Sein Heimatort werde vor allem durch Stillstand und „sehr niedrige Löhne“ geprägt. Dennoch sei er „nicht sicher“, ob Tisza den Wahlkreis in Kiskunmajsa gewinnen könne: „Der Bildungsgrad vieler Leute hier ist niedrig. Und im Fernsehen ist das Einzige, was sie zu sehen und zu hören bekommen, dass Orban großartig ist.“
„Fidesz versucht die Leute zu polarisieren“
Über mithilfe von Künstlicher Intelligenz gefertigten „Fakefilmen“ und Hetzkampagnen der Regierungspartei im Netz klagt die freiwillige Tisza-Helferin Zsana: „Fidesz versucht, die Leute zu polarisieren – und gegeneinander aufzubringen.“ Sie sei sich zwar sicher, dass landesweit mehr Ungarn für Magyar als für Orban stimmen würden: „Aber hier haben viele Leute Angst um ihre Jobs – und trauen sich nicht, sich zur Opposition zu bekennen.“
Im 54 Kilometer entfernten Kecskemet gibt eine energische Frau mit dem Megaphon für ihre Mitstreiter den Marschtakt und die willig wiederholte Parole vor: „Hajra Fidesz – Auf geht’s Fidesz!“ Ein Schild mit der Aufschrift Kiskunmajsa ist in der zehnmal so großen Komitatsstadt auch zu sehen, als auf dem Kossuth-Platz eine lange Kolonne eher betagter Aktivisten der Fidesz-Ortsverbände der ganzen Region vor der Rednerbühne aufmarschiert.
Doch harmonische Wahlparty-Stimmung kommt in Kecskemet keine auf. „Die wollen doch gar nicht arbeiten, nur alles miesmachen“, erregt sich der blonde Jungkellner Daniel über mehrere Dutzend Gegendemonstranten, die auf der Westseite des Platzes lautstark „schmutziges Fidesz“ oder „Russen, geht nach Hause“ skandieren: „Sie hassen alles, weil sie selbst Versager sind.“
Wer wolle, könne in Ungarn immer eine Arbeit finden, ist der 18-jährige Fidesz-Anhänger überzeugt. Die Umfragen, wonach Orban an Popularität verliere, seien „nur Propaganda“, versichert Daniel: „Glaub das nicht!“. Fidesz werde die Wahl „klar gewinnen“, sagt er trotzig: „Magyar hat seine Partei, seine Frau und sein Land betrogen. Wer will einem solchen Kerl schon vertrauen? Seine ganze Kampagne beruht nur auf Hass – und Aggression.“
Dauerattacken gegen die Ukraine
Endlich hat sich die Dunkelheit über dem Platz gesenkt. Eine Kameradrohne schwebt über der Menge, der süßliche Dampf nervös gesaugter E-Zigaretten lastet über den Köpfen. Ein Kordon breitschultriger Männer in schwarzen Jacken versucht, die ungewollten Kundgebungsbesucher abzudrängen und sie mit „Auf geht’s Fidesz!“-Sprechchören zu übertönen.
„Viktor, Viktor!“-Rufe, aber auch Pfiffe und „Russe, Russe“-Sprechchöre ertönen, als der Mann mit dem Doppelkinn endlich zum Mikrofon schreitet. Es gebe offenbar Leute, die „nur gekommen sind, um uns den Abend zu verderben“, reagiert Orban sichtlich angesäuert auf die Gegendemonstranten: „Aber wenn sie so brüllen, können sie nicht verstehen, was ich zu sagen habe.“
Bei früheren Urnengängen waren es vor allem von ihm gezeichnete Feindbilder wie das der sich gegen die wackeren Ungarn verschwörenden EU, der das Abendland bedrohenden Migranten oder der düsteren Machenschaften des aus Ungarn stammenden US-Philanthropen George Soros, mit dem Orban seine Wähler hinter sich zu scharen trachtete. Dieses Mal versucht der russophile Dauerregent, sich mit Dauerattacken gegen die benachbarte Ukraine und deren vermeintliche Tisza-Handlanger gegen seine drohende Abwahl zu stemmen.
Die wichtigsten Fragen für die Wähler sind weiter die Wirtschaftslage und Inflation, das Gesundheitssystem und die Korruption – alles für Fidesz eher ungemütliche Themen
Peter Kreko
Direktor des Political-Capital-Instituts in Budapest
Er sei mit den Jahren zwar „nicht jünger, aber weiser“ geworden, versichert der ergraute Fidesz-Vormann seinem Publikum. „Ihr müsst entscheiden, ob Ihr eine patriotische Regierung oder eine pro-ukrainische Regierung wollt!“, ruft er mit heiserer Stimme: „Es geht darum, ob der ukrainische Präsident Selenskyj oder ich die Regierung bilden soll. Wenn die Wahl derart begrenzt ist, empfehle ich mich selbst. Denn dies ist keine Zeit für Experimente, sondern eine Zeit, in der das Land Sicherheit, Erfahrung und eine starke Hand benötigt!“
Jugendlicher Rivale in Kiskunmajsa
Bisher sei es Orban im Stimmenstreit kaum gelungen, das Hauptaugenmerk auf Auslandsthemen zu lenken, so der Analyst Peter Kreko, Direktor des Political-Capital-Instituts in Budapest: „Die wichtigsten Fragen für die Wähler sind weiter die Wirtschaftslage und Inflation, das Gesundheitssystem und die Korruption – alles für Fidesz eher ungemütliche Themen.“

Der Spitzenkandidat der Opposition, Peter Magyar (l.), und die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen werden auf einem Wahlplakat der Regierungspartei Fidesz den Wählern in Ungarn als Feindbilder präsentiert. Im Hintergrund ist der von Fidesz inszenierte sogenannte „Friedensmarsch“ zu sehen. Foto: Attila Kisbenedek/AFP
Ein Gassenhauer aus Ungarns Nachwendezeit kündigt in Kiskunmajsa die Ankunft des Herausforderers an. Im Gegensatz zum grimmig kämpferischen Fidesz-Schlachtross in Kecskemet bahnt sich sein jugendlicher Rivale lächelnd, händeschüttelnd und mit federnden Schritten den Weg durch sein Publikum. Die Mehrheit der Ungarn wolle nicht mehr „im ärmsten und korruptesten Land der EU“ leben, so die umjubelte Botschaft von Peter Magyar: „Niemand kann die Jugend, den Frühling und den Wandel aufhalten. Die Tisza wird das ganze Karpatenbecken überfluten!“
Wie bei der Fidesz-Kundgebung haben auch viele der Tisza-Anhänger die grünweißroten Landesflaggen geschultert. Doch während Orban in Kecskemet vor allem über die weltpolitischen Bedrohungen und die hinterlistigen Pläne Kiews spricht, um Ungarn in den Ukrainekrieg zu ziehen, konzentriert sich sein Kontrahent in Kiskunmajsa bewusst auf heimische Probleme wie Verarmung, Abwanderung und Landflucht, das vernachlässigte Gesundheitssystem, den mangelhaften Nahverkehr – und die Vetternwirtschaft im „Fidesz-Feudalismus“.
Wir werden uns unser Land Schritt für Schritt und Stein für Stein wieder zurückholen – und ein sicheres, friedliches, funktionierendes und humanes Ungarn schaffen
Peter Magyar
Spitzenkandidat von Tisza
Orban spreche nie über das Erziehungs- oder das Gesundheitssystem, sondern schwadroniere lieber „über alles Mögliche und fünfdimensionale Schachspiele“, ätzt Magyar: „Er redet über Iran, die Ukraine, Russland und die USA. Und am Ende scheint es, als ob nicht Donald Trump, sondern Viktor Orban die US-Wahlen gewonnen hat.“
Kompromittierendes Material
Doch ungeachtet der „Lügen und Drohungen“ von Fidesz habe er für seine Gegner eine „schlechte Botschaft“, beendet Magyar seinen immer wieder von Beifall unterbrochenen Auftritt: „Tisza wird diese Wahl gewinnen, und zwar nicht mit einem kleinen, sondern mit einem großen Vorsprung. Wir werden uns unser Land Schritt für Schritt und Stein für Stein wieder zurückholen – und ein sicheres, friedliches, funktionierendes und humanes Ungarn schaffen. Schaut auf Eure Kinder, denkt an Euer Land – und stimmt für Tisza!“
Steht Ungarns ewiger Orban vor dem Ende? Der Umfragevorsprung von Tisza habe sich während des Wahlkampfs kontinuierlich vergrößert, berichtet in Budapest der Political-Capital-Analyst Robert Lazlo. Vermutlich werde Fidesz versuchen, mit der Lancierung kompromittierenden Materials einzelne Tisza-Kandidaten kurz vor den Wahlen zum Rückzug zu zwingen. Doch fraglich sei, ob die Partei den Trend noch einmal wenden könne.
Wahrscheinlich sei, dass Orban bei einer Niederlage diese anfechten oder – wie bei Rumäniens gescheiterter Präsidentschaftswahl 2024 – versuchen werde, den gesamten Urnengang annullieren zu lassen. Auch wegen der tagelangen Auszählung von hunderttausenden Stimmen der Auslands- und Briefwähler sowie denkbarer Störmanöver des bisherigen Parlaments sei die Wahl am 12. April keineswegs vorbei: „Bis sich das neue Parlament spätestens am 12. Mai konstituiert, ist mit einer sehr ereignisreichen Übergangsperiode zu rechnen.“