Forum von Michael Jäckel
Wann war die letzte Normalität? Der Konsum und die Krisen
Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Wenn eine Stimmung dauerhaft schlecht ist, kann einem dann noch etwas Gutes einfallen oder zufallen? Wenn die Normalität dauerhaft auf den Pausenhof geschickt wird, werden Krisenphasen zum Bezugspunkt für andere Krisenphasen. Es dürfte sich nicht um ein Länderspezifikum handeln, wenn Vergleiche wie die folgenden angestellt werden: Zu Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine gingen die Energiepreise schneller nach oben als in den ersten Tagen des Iran-Kriegs, die Sparneigung war im März 2026 noch nie so hoch wie seit der Finanzkrise 2008 usw. Die Rückschau macht uns bewusst, dass die Zeit der Unbeschwertheit lange vorbei ist. Versprechungen, dass im Schmelztiegel der Wohlstandsgesellschaft die Klassenunterschiede verschwimmen und die Teilhabe an den Annehmlichkeiten des Lebens die Gesellschaft über den Konsum vereint, werden zunehmend angezweifelt. Da mag noch so viel Vielfalt, Differenzierung und Lebensstil sein: Was einmal im Taumel der Konsumlaune verschwommen ist, kehrt nun als handfester Unterschied zurück. Das Geld wird knapp(er).
Zur Person
Foto: Editpress/Julien Garroy
Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Jäckel war von 2011 bis 2023 Präsident der Universität Trier. Er war und ist in mehreren bundesdeutschen Gremien, die sich mit der Digitalisierung des Hochschulwesens befassen, engagiert. Seit Mai 2024 ist er Sprecher des Leitungsgremiums des Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz.
Lange ist es her, dass ein Begriff wie „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ in Verbindung mit der Diagnose eines Wirtschaftswunders das Gefühl einer Zeit verstärkte, wonach die Mehrheit der Bevölkerung einen sozialen Fahrstuhleffekt nach oben erleben durfte. Dass es von oben in die Mitte der Gesellschaft auch Abwärtsbewegungen gegeben haben soll, nahm man vor gut 70 Jahren als weiteren Ausgleich gerne mit. Nicht nur in Deutschland gefiel dieses Bild. Kritiker sprachen von Sprachkosmetik: Wo ein Verblassen der sozialen Unterschiede gesehen werde, da müsse ein Zweifel an dem Sog der Mitte bleiben. Und irgendwie galt noch, dass es der Wirtschaft schlecht ging, wenn die Bauern über ihre Lage klagten.
Nun ist die schlechte Stimmung fast überall und die Vermittlung der gemessenen Befunde herausfordernd. Die Interpretation des Konsum-Barometers oder ähnlicher Langfristbeobachtungen erinnert an die Beschreibung lang andauernden schlechten Wetters. Etwas weniger Wolken geben dann schon einmal Anlass für einen Hoffnungsschimmer, weniger kräftiger Dauerregen vielleicht auch. Der Konsumklima-Index arbeitet mit einem Zeithorizont von zwölf Monaten. Monat für Monat wird auf der Basis wechselnder Stichproben der Blick nach vorne gerichtet und die Einkommenserwartung, die Anschaffungs- und Sparneigung erfasst. Die Einschätzung der konjunkturellen Entwicklung kommt hinzu. Mindestens seit der Corona-Pandemie kann allenfalls von gelegentlichen Aufhellungen gesprochen werden. Der Blick in die Zukunft scheint mehr und mehr in der Gegenwart zu verharren. Geübt und praktiziert wird zwar die Vorsicht (gelegentlich mit „Hamster“-Elementen), aber diese prüft das Ausgabeverhalten auf Alternativen, die unausweichlich sind oder Bescheidenheit auf verschiedenen Niveaus vermittelt. Aus einer Laune heraus öffnet sich das Portemonnaie seltener: Verzicht auf Markenprodukte, Bioprodukte nur zu besonderen Anlässen, Second Hand tut es auch (zunehmend auch im Luxus-Sektor), selber machen statt ordern, reparieren statt ausrangieren, seltener ausgehen, zurücklegen statt ausgeben.
Zwischen Kopf und Bauch sucht der Konsument seit langem nach einem guten Konsum-Kompass. Denn das Einkaufen ist zu einer Navigation durch Anreize jenseits des Normalpreises geworden.
Zwischen Kopf und Bauch sucht der Konsument seit langem nach einem guten Konsum-Kompass. Denn das Einkaufen ist zu einer Navigation durch Anreize jenseits des Normalpreises geworden. Der Preisvergleich wird mit jedem Tag zu einem Nachweis von (digitaler) Kompetenz. Mit der App ist es billiger, Sammelleidenschaften werden belohnt, der Treue-Bonus ehrt das Vertrauen in den Point-of-Sale. Einkaufsprospekte gleichen einem Zahlenrätsel: ein Labyrinth an Offerten mit ständiger Aussicht auf Gewinne. Wer beim Geldausgeben spart, fühlt sich gut. Der Versorgungskonsum überlagert das Einkaufsverhalten. Sich etwas gönnen ist nicht aus der Welt, aber es wird mehr gerechnet.
Für die Zeiten, die nun ertragen werden müssen, gilt noch mehr: auf alles gefasst sein. Wir verabschieden uns von dem verlockenden Bild des Versorgungsstaats, der die soziale Sicherheit garantiert und der Selbstverwirklichung genügend Spielräume lässt. Der Gedanke der Solidarität kann nicht mehr im Sog der Umverteilung gedeihen. Er benötigt Rahmenbedingungen, die Eigenverantwortung und Verantwortung für andere in ein gutes Verhältnis bringen. Mit launisch und impulsiv hat es wenig zu tun. Eher sind es Reaktionsformen, die dem täglichen Auf und Ab der Stimmung, dem Augenblicklichen zugeschrieben werden dürfen. Darüber aber liegt nun seit Jahren nichts von Aussicht auf Besserung. Erlebt werden Verbesserungen im Schlechten.
Aktuell wird die Welt auf eine langanhaltende Verknappung vorbereitet, die, so Energieexperten, weit über den Dimensionen der Ölkrise des Jahres 1973 liegen werde. An die Sonntagsfahrverbote erinnert man sich noch, ebenso an eine Diskussion über Energieeffizienz. Der Bericht des Club of Rome über die (sozialen) Grenzen des Wachstums kam im Jahr 1972 also zur rechten Zeit. Heute wird dieses Zeitgefühl ständig überrumpelt. Alle üben sich in ihrem Alltag in Tempoaktivitäten, aber zu wenig geht kollektiv voran.
Aktuell wird die Welt auf eine langanhaltende Verknappung vorbereitet, die, so Energieexperten, weit über den Dimensionen der Ölkrise des Jahres 1973 liegen werde
Im Krisenmodus sind Sorgen daher ein öffentliches und zugleich persönliches Thema. Das Kurzfristige, der tägliche Verbrauch, steht derzeit im Mittelpunkt der Sorgen. Das Langfristige, die Investitionen in neue Formen der Mobilität und der Nachhaltigkeit, sitzt ebenso unvermindert im Nacken – und vieles mehr. Helfen würde ohne Zweifel mehr Perspektive auf die Beherrschbarkeit der vielen Lasten. Das stärkt nicht nur das Vertrauen in den Staat, sondern auch die Bereitschaft, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das wäre eine gute oder bessere Normalität.
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.