Editorial
Männer, hingehört: Egal, wie eine Frau gekleidet ist, ihr habt kein Recht, sie sexuell zu belästigen
Jede zehnte Frau in Europa hat seit ihrem 15. Lebensjahr irgendeine Form der sexuellen Gewalt erfahren Foto: detailblick-foto/Fotolia
„Lehrer sind auch Männer und keine Eunuchen.“ So kommentierte ein Leser unseren Artikel „Zehn Schülerinnen aus Diekircher Lyzeum reichen Beweismaterial gegen Lehrer ein“. Und weiter: „Deshalb sollte es in einer Schule Regeln geben, die ihren Hormonpegel nicht in den Grenzbereich treiben.“
Es ist ein Kommentar, der einem die Sprache verschlägt. Denn wer so argumentiert, macht die Opfer eines mutmaßlich übergriffigen Lehrers zu den Tätern: ein klassisches Beispiel von „victim blaming“. Wie soll sich ein erwachsener ausgebildeter Lehrer, dessen Aufgabe es ist, pubertierende Kinder zu unterrichten, schon gegen die Freizügigkeit und Sexyness eines zu tiefen Dekolletés wehren? Man kann doch nicht von ihm erwarten, seine Hormone im Griff zu haben.
Hinter dem Kommentar steckt die gleiche Mentalität, die Menschen dazu verleitet, eine vergewaltigte Frau zu fragen, was sie denn angehabt habe, als das passiert ist. Oder ob sie es „provoziert“ habe, weil sie sich dazu verleiten ließ, etwas mehr zu trinken, als sie verträgt, oder sich dazu entschieden hat, alleine im kurzen Rock nach Hause zu laufen.
Nichts berechtigt irgendjemanden dazu, sexuell übergriffig zu werden. Kein kurzer Rock, kein bauchfreies Top, kein übermäßiger Alkoholgenuss. Jede Frau und jeder Mann müsste das Recht haben, splitterfasernackt über die Straße zu laufen, ohne dass irgendjemand sie oder ihn sexuell belästigt oder gar anfasst. Denn im Griff haben müssen sich nicht die Opfer, sondern die Täter. Und das sind ganz häufig Männer.
In einem Bericht der Europäischen Agentur für grundsätzliche Rechte über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2014 steht: „Jede zehnte Frau hat seit ihrem 15. Lebensjahr irgendeine Form der sexuellen Gewalt erfahren und jede zwanzigste Frau ist, seit sie 15 war, vergewaltigt worden.“ Auf der Webseite des Bildungsministeriums heißt es aus einem Artikel von 2019: „Laut einer Mitteilung von Unicef aus dem Jahr 2014 wurden in Luxemburg rund 15 Prozent der Frauen vor Erreichen des 15. Lebensjahres Opfer irgendeiner Form von sexueller Gewalt.“
Um so manchen gekränkten Kommentarschreibern gleich mal die Luft aus den Segeln zu nehmen: Nein, nicht alle Männer sind das Problem. Nur werden die meisten sexuellen Übergriffe eben von Männern auf Frauen begangen. Woher soll eine Frau denn nun bitte schön erkennen, dass man als Mann nicht ein potenzieller Täter ist? Insbesondere wenn einem von Kind auf eingebläut wird, immer auf der Hut zu sein. Ein einfaches Beispiel: Das Getränk auf einer Feier niemals aus den Augen zu lassen, ist eine gängige Warnung an junge Frauen, die zu ihrer ersten Party gehen. Der Generalverdacht, der von einer Generation von Frauen an die nächste weitergegeben wird, kommt leider nicht von ungefähr. Und ja, natürlich gibt es auch Frauen, die sexuell übergriffig werden – gegen Männer und andere Frauen. Nur passiert das eben wesentlich seltener.
Glücklicherweise gibt es mittlerweile in unserer Gesellschaft ein Umdenken. Der jahrelange Einsatz von Feministen, die Bewegung #MeToo und Frauen, die ihre eigenen Erfahrungen auf den sozialen Medien verbreiten, zermürben langsam den Sexismus, der eine Debatte über sexuelle Übergriffe immer noch begleitet. Immer mehr Männer, insbesondere der jungen Generation, stellen auf den sozialen Medien offen die Frage: Was kann ich dazu beitragen, dass sich Frauen nicht mehr so fürchten müssen?
Doch es bleibt noch sehr, sehr, sehr viel zu tun. Wer das nicht glaubt, sollte sich unbedingt das Video „Männerwelten“ ansehen, das im Mai 2020 bei Pro7 erschien. Es sind nur 15 Minuten – die einen unangenehmen Einblick in die Welt vieler Frauen bieten. Und endgültig mit dem Mythos aufräumen, dass es irgendeine Rolle spielt, was eine Frau für Kleidung trägt, wenn ein Mann sich dazu entscheidet, sich an ihr zu befriedigen.