Editorial

Die Rettung der Cavem ist ein Lehrstück über Gemeinschaft und Solidarität

Eine Insolvenz, ein vermisster Direktor, 600 Schüler ohne Unterricht. Und doch gibt es für die Cavem ein Happy End. Unser Autor findet, dass wir daraus mehr mitnehmen können als nur eine schöne Geschichte.

Menschen halten sich an den Händen, symbolisieren Zusammenarbeit und Gemeinschaft zur Rettung einer Musikschule.

Wenn Menschen sich zusammentun, können sie Berge versetzen. Oder zumindest eine Musikschule retten. Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Gute Nachrichten sind selten dieser Tage – aber es gibt sie. Dass die Musikschule Cavem weiter besteht und vielleicht schon nach den Osterferien ihre Arbeit wieder aufnehmen kann, gehört eindeutig in diese Kategorie. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Zeugnis dafür, dass das Engagement einer kleinen, entschlossenen Gemeinschaft Berge versetzen kann.

Denn das Ende der Cavem war eine sehr reale Möglichkeit. Der Direktor wird vermisst, der Insolvenzverwalter ordnet die offenen Forderungen, Schüler und Lehrer standen gewissermaßen vor einem „Fait accompli“. Es ist leicht, in einem solchen Moment die Hoffnung zu verlieren, die Waffen zu strecken und sich dem scheinbar Unvermeidlichen zu ergeben.

Es war der Schritt an die Öffentlichkeit, der dieser potenziellen Tragödie ein anderes, ein schöneres Ende bescherte. „Auf Facebook habe ich einen Beitrag und zahlreiche positive Kommentare dazu gelesen. Viele Leute vermissen die Schule bereits und ich dachte, dass wir es noch einmal versuchen sollten“, so René Wagener, der Besitzer des Schulgebäudes. Die Berichterstattung des Tageblatt und der anderen Medien hat Aufmerksamkeit auf ein Problem gelenkt, die Menschen haben sich solidarisiert und eine Perspektive geschaffen. Und natürlich haben die Lehrerinnen und Lehrer der Schule alles darangesetzt, dass der Unterricht weitergeführt werden kann und die Institution überdauert.

Das ist keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der uns täglich eingebläut wird, dass jeder für sich selbst sorgen muss, dass Institutionen versagen, dass Vertrauen naiv ist. Es gibt gute Gründe für diese Skepsis. Aber wer Skepsis zur Grundhaltung erhebt, lähmt sich am Ende selbst. Wer nicht daran glaubt, dass kollektives Handeln etwas bewirkt, wird es auch nie versuchen.

Und dann ist da noch das andere große Narrativ, das die Cavem-Geschichte widerlegt: dass soziale Medien ausschließlich Brutstätten der schlechten Laune sind. Fake News, Empörungsmaschine und Hass in Kommentarbereichen sind ein echtes Problem, davon können die meisten Journalisten ganze Liederbücher singen. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Kommentare – normale Menschen, die schreiben, dass sie diese Schule vermissen – haben bei der Cavem einen Unterschied gemacht. Das ist eine Erinnerung daran, dass dieselben Kanäle, die Wut und Desinformation verbreiten, auch Solidarität transportieren können. Es kommt darauf an, was wir hineingeben.

Dasselbe gilt für den Journalismus. Die Presse hat eine Rolle in einer demokratischen Gesellschaft, die nicht ausschließlich darin besteht, zu beschreiben und zu kritisieren. Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, aber wir dürfen uns darauf nicht beschränken. Nicht nur „sagen, was ist“ und wieso es schlecht ist. Sondern auch zeigen, wie es besser sein könnte und wo man dafür anpacken muss.

Es lohnt sich, sich einzumischen. Der Schritt an die Öffentlichkeit, das Gespräch mit der Presse, der Kommentar unter dem Post, das sind kleine Schritte. Aber manchmal verändert auch ein kleiner Schritt das mögliche Ergebnis. Der Fortbestand der Cavem ist dafür ein eindeutiger Beweis.

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